+
Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Gabriel gibt Kanzlerkandidatur auf

Kommentar: Schulz gegen Merkel

Sigmar Gabriel gibt auf. Seine Entscheidung,  den SPD-Vorsitz und die Kanzlerkandidatur seinem Parteifreund Martin Schulz zu überlassen, dürfte auch die Kanzlerin nervös machen. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis. 

Respekt. Im Abgang ist dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel doch noch der Coup gelungen, der ihm bei Bundestagswahlen so krachend verwehrt geblieben ist. Sein später, aber noch halbwegs freiwilliger Rückzug von einer aussichtslosen Kanzlerkandidatur verdient die Anerkennung und, ja, auch den Dank seiner Partei, die sich während seiner Amtszeit so schwer damit tat, dem Chef ihre Zuneigung zu zeigen.

Dabei hat es an Erfolgen für die Genossen ja nicht gemangelt: Unter Gabriel haben die Sozialdemokraten den Mindestlohn durchgesetzt und die Rente mit 63. Und sie haben mit Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier der Merkel-Union zweimal das höchste Staatsamt abgejagt. Allein, Wähler und Parteifreunde wollten dem sprunghaften Chef-Genossen diese Erfolge nicht recht danken. Ausgerechnet als verlässlicher europäischer Antipode zum unberechenbaren US-Präsidenten Trump will sich der in seiner Partei als „Zickzack-Sigi“ Geschmähte im Außenministerium jetzt neu erfinden – und so das Ansehen erwerben, das ihm die Republik als SPD-Chef versagte. Der 57-Jährige verlässt die SPD-Kommandobrücke, auf der er es sieben Jahre, länger als alle zehn Vorgänger seit Willy Brandt, ausgehalten hat, als Unvollendeter, aber nicht als Gescheiterter.

Der Bundespolitik tut frischer Wind gut. Es ist kein gesunder Zustand, wenn die einzige Alternative zu einer übermächtigen Kanzlerin in einer Partei besteht, die nicht nur die Regierung stürzen will, sondern gleich das ganze System. Mit Martin Schulz, dem ehemaligen Buchhändler aus Würselen, erhält Angela Merkel einen angriffslustigen, in seiner Partei populären und in Europa gut vernetzten Herausforderer, der mit seinen 61 Jahren zwar nur einen Lenz jünger ist als sie, aber dennoch den Reiz des in der Bundespolitik Unverbrauchten mitbringt. Aus Sicht von CDU und CSU zeitigt die Niederlage im Ringen um das Präsidentenamt - und die dadurch ausgelöste SPD-Personalrochade  - damit die befürchteten Folgewirkungen: Die Strategie der „asymmetrischen Demobilisierung“, der Schlafwagen-Wahlkampf, mit der die Kanzlerin früher so erfolgreich war, wird sich im Herbst 2017 nicht wiederholen lassen. Denn sie wird jetzt durch die AfD von rechts und durch die SPD von links in die Zange genommen. Schulz ist Merkels nun schon siebter Gegenspieler an der Spitze der anderen Volkspartei. Er könnte im Herbst ihrer Kanzlerschaft auch ihr unangenehmster werden.

Im Video: Gabriel und Schulz erklären ihre Pläne

snacktv

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

SPD-Mitgliedervotum: So hat Altkanzler Schröder abgestimmt
Nach langer Hängepartie haben sich Union und SPD auf einen Koalitionsvertrag verständigt. Nun kommt es auf die Mitglieder der SPD an. Doch in der Partei rumort es. Alle …
SPD-Mitgliedervotum: So hat Altkanzler Schröder abgestimmt
Paradox: Trump will Regeln abschaffen - nun helfen die Melanias Eltern
Es ist durchaus paradox. Die Eltern von Melania Trump haben ein dauerhaftes US-Aufenthaltsrecht erhalten - und das mit großer Wahrscheinlichkeit aufgrund von Regeln, die …
Paradox: Trump will Regeln abschaffen - nun helfen die Melanias Eltern
Index veröffentlicht: So korrupt geht es in Deutschland zu
Die Organisation Transparency International hat wieder ihren jährlichen Korruptionswahrnehmungsindex herausgegeben. Deutschland ist im Vergleich zu vergangenen Jahren …
Index veröffentlicht: So korrupt geht es in Deutschland zu
Bulgaren erleben mehr Korruption als Menschen in Ruanda
Westeuropa steht in Sachen Korruption besser da als jede andere Region der Welt. Für einige EU-Staaten in Osteuropa gilt das jedoch nicht. Auch Beitrittskandidaten wie …
Bulgaren erleben mehr Korruption als Menschen in Ruanda

Kommentare