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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Dosierte Eskalation durch Ankara

Kommentar: Was Erdogan nicht sagt

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Kein Tag ohne neue Beleidigungen aus Ankara: Als Bananenrepublik beschimpft Präsident Erdogan die Niederlande. Aber aus den Haag kommt eine Antwort, die die Türkei noch schmerzen könnte. Ein Kommentar von Georg Anastasiadis.  

Wer wissen will, wie verrückt der Springteufel im Präsidentenpalast von Ankara wirklich ist, sollte nicht nur auf das hören, was er sagt – sondern auch auf das, was er nicht sagt. Bemerkenswert, dass in dem Schwall von Beleidigungen, die türkische Minister seit Tagen auf Europa niedergehen lassen, nirgendwo die Rede von der Kündigung des Flüchtlingsabkommens ist. Wenn ihm der Umgang mit Europas „Bananenrepubliken“ (O-Ton-Erdogan von gestern) denn so zuwider ist: Wäre das nicht die geeignete Antwort? Stattdessen hat Erdogan sogar seine lauthals erhobene Forderung nach Visafreiheit für alle Türken als Preis für den Flüchtlings-Deal stillschweigend eingemottet.

Erdogan eskaliert den Streit mit Europa, aber er tut dies wohldosiert und mit Blick auf sein Allmachts-Referendum im April, für das er ein äußeres Feindbild benötigt. Der Sultan agiert mit der List osmanischer Herrscher. Er weiß: Kündigt er heute den Flüchtlingspakt mit der EU, fehlen ihm nicht nur ein paar Milliarden in der Kasse. Dann machen sich morgen hunderttausende Afghanen, Syrer und Iraker auf den Weg in die Türkei, um von dort nach Europa überzusetzen. Reagiert Europa darauf wiederum mit der Abriegelung seiner Grenzen, hätte der Despot vom Bosporus plötzlich ziemlich viele ungebetene Gäste im Land.

Europas Stärke liegt in der Gelassenheit, sich von Erdogan nicht dessen Krieg der Worte aufzwingen zu lassen, aber umgekehrt auch nicht zu kuschen. Den Haags Warnhinweis an holländische Türkei-Touristen dürfte sich als wirksamer erweisen als manche diplomatische Retourkutsche. Erdogans Präsidial-Abstimmung, für die er den ganzen Zinnober veranstaltet, ist im April vorbei. Die Touristen aus Europa aber braucht die Türkei noch lange danach. Wer als Bundesbürger eine klare Antwort auf die Unverschämtheiten aus Ankara haben will, gibt diese am besten selbst: indem er seinen Sommerurlaub diesmal woanders verbringt als dort, wo ihn der Gastgeber als „Faschist“ beschimpft.

Vom Antrittsverot bis zu NS-Vergleichen: Seit Wochen streitet sich die EU mit der Türkei, am Wochenende ist er mit den Niederlanden eskaliert. Wir haben für Sie hier eine Übersicht der Ereignisse erstellt. Außerdem stellt sich Bundeskanzlerin Angela Merkel auf die Seite von den Niederlanden.

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