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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Medwedew spricht bei Kohl-Trauerakt

Kommentar: Vereint an Kohls Sarg

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Russlands Premierminister Medwedew wird bei dem europäischen Trauerakt für Helmut Kohl in Straßburg eine Rede halten. Das ist eine Verbeugung vor dem verstorbenen Kanzler - aber auch eine Geste der Europäer gen Moskau. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Man müsse, so hat Helmut Kohl seinen Vorgänger Adenauer gern zitiert, die Trikolore immer dreimal grüßen. Daraus sprach weniger Kohls Spottlust als vielmehr das Wissen des Staatsmannes um die überragende Wichtigkeit der Freundschaft mit dem alten Erbfeind. Der streitbare Hüne aus der Pfalz war zeitlebens ein europäischer Versöhner. Und er ist es auch noch im Tod: Ihm würde es gefallen zu wissen, dass eine der Straßburger Trauerreden ihm zu Ehren der russische Premierminister Medwedew halten wird. Umgekehrt erfährt Moskaus Beitrag zur deutschen und europäischen Einigung damit jene Würdigung, die das Land, das im Krieg den höchsten Blutzoll von allen zu entrichten hatte, in seiner Selbstwahrnehmung so schmerzlich vermisst.

Die deutsche Wiedervereinigung wäre ohne Zustimmung Mitterands nicht möglich gewesen – aber auch nicht ohne Kohls Freundschaft mit Gorbatschow. Es gehört zu den Tragödien der internationalen Politik nach 1990, dass die nach dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs erwachte deutsch-russische Partnerschaft erkaltete, als erst Gorbatschow und später Kohl aus ihren Ämtern schieden und nach Jelzins Tod der vom Westen enttäuschte Putin eine Politik der scharfen Renationalisierung einleitete, deren Folgen Europa ein weiteres Mal spalteten.

Ausgerechnet Kohls Tod bringt die Freunde von einst und Gegner von heute einander wieder näher. Die europäische Familie rückt, wenn auch nur für einen Augenblick, zusammen. Man würde sich wünschen, man könnte dasselbe über Kohls eigene Familie behaupten.

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