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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

Kein Advent in Istanbul – und in Deutschland?

Kommentar: Erdogans fromme Schulen

So schnell wie er hochkochte, wird der Streit um das Weihnachtsverbot an einer deutschen Schule in Istanbul jetzt für beigelegt erklärt. Es kann aber nicht ohne Folgen bleiben, wenn Ankara die kulturelle Vielfalt einschränkt, meint unser Autor Georg Anastasiadis. 

Alles nur ein Missverständnis! So tönt es nach dem Wirbel um ein „Weihnachtsverbot“ an einer deutschen Schule in Istanbul nun unisono aus der Türkei und dem Bundesaußenministerium. Aber es bedurfte schon der Intervention hoher politischer Kreise, um eine weitere Verschärfung der Dauerkrise zwischen Berlin und Ankara abzuwenden. Am Sachverhalt an sich – der (inzwischen abgeschwächten) Untersagung von Adventsfeiern und christlichen Liedern durch die Schulleitung – gibt es ebenso wenig zu deuteln wie an dem dahinter liegenden Motiv: Erdogans Türkei ist auf dem Weg in eine nationalreligiöse Diktatur. Darin ist kein Platz mehr für kulturelle oder religiöse Vielfalt.

Es liegt nicht in der Macht Deutschlands, diese Entwicklung zu stoppen. In Berlin wäre man schon froh, wenn man den freien Fall der bilateralen Beziehungen aufhalten könnte, um den Flüchtlingspakt mit der Türkei über die Bundestagswahl im Herbst 2017 hinaus zu retten. Öffnete Erdogan – womöglich auf einen Wink Putins – erneut die Grenzen und stiege die Zahl Asylsuchender wieder stark an, wäre es um die innere Stabilität Deutschlands (und um Merkels Kanzlerschaft) wohl geschehen.

Das dämpft den Ehrgeiz der Bundesregierung, sich mit Ankara anzulegen. Der überaus lehrreiche Fall der deutschen Schule in Istanbul liefert dennoch Handlungsempfehlungen für praktische Politik – jedenfalls für jene deutschen Bundesländer, die noch immer dem von Ankara gesteuerten Islamverband Ditib erlauben, den islamischen Religionsunterricht in deutschen Klassenzimmern zu gestalten. Wer in der Heimat Kinder zu Intoleranz und Fanatismus erzieht, dem sollte der deutsche Staat nicht auch noch die Hand dazu reichen, im Ausland Erdogans fünfte Kolonne heranzuzüchten.

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