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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis

„Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres

Kommentar: Eine gefährliche Welt

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„Postfaktisch“ ist das deutsche Wort des Jahres. Es geht um Fakten und Gefühle, um die Lügen im Netz - und um den Aufstand vieler Bürger gegen ihr Establishment, den die Politiker nicht recht begreifen können.

Gut gelogen ist halb gewonnen. Das gilt nicht erst seit Anbruch des Internetzeitalters, aber seither ganz besonders: Wo Wahres und Halbwahres verschwimmen, wo jedermann Falschmeldungen in Millisekunden um den Globus jagen kann und automatisch gesteuerte Computerprogramme die Diskussionsforen der (a)sozialen Medien millionenfach mit künstlich erzeugten Kommentaren fluten, wird Fiktion schnell zum Faktum, mutieren Gefühle zu Tatsachen. Wenn es ins eigene Weltbild passt und tausendfach rezitiert wird, glauben Menschen heute bereitwilliger als früher Putins Mär von den kleinen grünen Männchen auf der Krim. Oder Trumps Behauptung, Obama sei in Wahrheit gar kein Amerikaner.

Jüngst hatte schon die Oxford University Press den Begriff „post-truth“ zum internationalen Wort des Jahres ausgerufen. Es überrascht deshalb nicht, dass die Gesellschaft für deutsche Sprache den von der Kanzlerin in die bundesrepublikanische Debatte eingeführten, analogen Begriff „postfaktisch“ jetzt zum deutschen Wort des Jahres kürte. Die postfaktische Welt ist eine gefährliche. Sie verlangt von den Menschen, die in ihr leben, ein großes Maß an Misstrauen gegenüber allem, was ihnen als Wahrheit verkauft wird. Das gilt mehr denn je im aufziehenden Bundestagswahlkampf. BND und Verfassungsschutz warnen eindringlich vor Einmischung und Desinformationskampagnen nie gekannten Ausmaßes durch ausländische Mächte.

Doch Vorsicht: Nicht jeder, der heute das Modewort „postfaktisch“ warnend im Munde führt, verfolgt damit lautere Absichten. Bisweilen verbirgt sich dahinter nur der Versuch, Andersdenkende zu stigmatisieren, etwa dieser Art: Wie konnten Millionen Amerikaner nur so blöde und/oder triebgesteuert sein, Trump zu wählen? Sogar von den Finanzmärkten hieß es, sie seien „postfaktisch“, weil Aktien nach Trumps Erfolg stiegen, statt wie verheißen in den Keller zu stürzen. „Postfaktisch“ ist eben beides: ein verführbares, sich von rationalen Argumenten abkoppelndes Denken. Aber auch ein arroganter Kampfbegriff, mit dem abgehobene Eliten legitimen Protest gegen ihre Politik als irgendwie irre denunzieren. Manchmal liegt die Wahrheit auch in der Mitte. So oder so: Wir sollten wachsam sein.

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