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Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Bundestag gedenkt Opfer

Kommentar: Späte Trauer nach Anschlag in Berlin

Sie empfinde die „mangelnde Beachtung“ der Terroropfer und ihrer Angehöriger von Seiten des Staates als „traurig und unwürdig“, klagte zuletzt die Partnerin eines beim Berliner Terrorakt schwer verletzten Mannes. Daraufhin erst entschloss sich der Bundestag zu einer Gedenkveranstaltung. Zu spät, findet unser Autor Georg Anastasiadis.  

Es hat lange gedauert, bis sich der Bundestag nach dem Terror von Berlin zu einer Geste der Anteilnahme am Leid der Opfer und ihrer Angehörigen durchringen konnte. Dazwischen lagen vier Wochen – und ein flehentlicher Aufschrei der sich allein gelassen fühlenden Hinterbliebenen. Für Mitgefühl blieb kein Platz in dem etwas krampfhaften Bemühen der Politik, der Staat dürfe sich nicht anmerken lassen, wie tief er durch die Tat des Terroristen getroffen wurde. Oder haben, wie der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer feststellt, „in einer von Rechthaberei geprägten Kultur wie der deutschen Emotionen keinen Raum“? Ist die Nation, anders als die französische oder italienische oder polnische, unfähig zu trauern? Mit dieser Unfähigkeit hat Deutschland die Chance vertan, zusammenzurücken, sich gemeinsam seiner Werte zu versichern in einer Zeit, da alles auseinanderzufallen scheint.

Auch der sonst so eloquente Parlamentspräsident Norbert Lammert hat seine Sprache erst spät wiedergefunden. In der gestrigen Gedenkstunde immerhin sagte er viel Richtiges. Dass es unangemessen sei, dass so viel über den Täter bekannt sei, aber so wenig über die zwölf Opfer, darunter auch, selbst das ist bis heute wenig bekannt, Menschen aus Polen, Italien, Tschechien, Israel und der Ukraine. Dass es falsch sei, Menschen wegen ihrer Religion, der Religion des Täters, in Sippenhaft zu nehmen. Dass Deutschland aber dennoch von den hier lebenden Muslimen „die Auseinandersetzung mit ihrer Religion und dem verhängnisvollen Zusammenhang von Glaube und fanatischer Gewalt mit Nachdruck einfordern“ dürfe und müsse – gerade weil unser Land sich zu religiöser Vielfalt, zur weltoffenen Gesellschaft und zu seinen humanitären Verpflichtungen bekenne.

Das ging bisher unter im hektischen Gezerre um neue Sicherheitsgesetze. Richtig ist, dass die Behörden im Kampf gegen den islamistischen Terror darauf angewiesen sind, dass die hiesigen Moscheegemeinden, dass alle muslimischen Mitbürger sich aktiv daran beteiligen, den Sumpf auszutrocknen, in dem die Ideen, die Netzwerke und die Mordphantasien der islamistischen Fanatiker gedeihen.

Lesen Sie dazu auch: Eine junge Frau trauert nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt um ihre Eltern. Jetzt muss sie auch noch um ihre Existenz bangen.

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