Blick über die Dächer von München: Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware.
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Blick über die Dächer von München: Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware.

Ex-Stadtbaurätin über aktuelle Entwicklung

Kommunalwahl 2020: Interview zum Wohnraum in München: „Höhe allein ist nicht die Lösung“

München wächst und wächst. Doch wie entsteht fair bezahlbarer Wohnraum? Im Interview äußert sich die ehemalige Stadtbaurätin Christiane Thalkgott.

  • Eine ehemalige Stadtbaurätin wirft einen Blick auf die Entwicklung des Wohnraums in München.
  • München kann nicht mehr in alle Richtungen wachsen.
  • Die Stadt Wien kann nur begrenzt als Vorbild für Lösungen in München dienen.

München - Professorin Christiane Thalgott war von 1992 bis 2007 Stadtbaurätin der Landeshauptstadt München. In diese Zeit fielen die aufwendigen Tunnelbauten am Mittleren Ring, der Bau der Messestadt Riem und neue große Wohngebiete wie Nordhaide. Weitere Meilensteine: Die Planungen für den Umbau des Hauptbahnhofs, die Entwicklung der Theresienhöhe, die Renaissance der Schrannenhalle und der Neubau des jüdischen Zentrums am Sankt-Jakobs-Platz. Als Professorin lehrt die 77-Jährige unter anderem Architektur an der TU München. Über die Entwicklung der Stadt spricht die Ingenieurin im Interview.

Gerade ist der erste „reale“ Mietspiegel der Stadt erschienen. Eher Mogelpackung oder sinnvolle Orientierung?

Thalgott: Auf jeden Fall eine Orientierungshilfe. Der klassische Mietspiegel deckt nur einen Teilbereich ab. Es ist richtig, dass das jetzt gemacht worden ist und auch Mieten, die über Jahre stabil geblieben sind, berücksichtigt werden. Otto und Ottilie Normalverbraucher als Vermieter ist ein langfristiges und gutes Mietverhältnis nämlich wichtiger, als den letzten Groschen herauszuholen. Der „reale“ Mietenspiegel zeigt den Menschen, dass das Mietpreisniveau in Wirklichkeit moderater ist, als es der herkömmliche Mietspiegel aufzeigt.

Sie sind ja Mitglied der Münchner Initiative für soziales Bodenrecht. Sie ist vor wenigen Jahren gegründet worden. Was ist das Ziel?

Thalgott: Gerechtigkeit. Das Problem ist, dass ein Normalverdiener keine Chance hat, in der Stadt noch selbst an Eigentum zu kommen. Er steht mittlerweile in Konkurrenz mit internationalen Konzernen. Dabei ist Wohnen ein Grundrecht.

Hat die öffentliche Hand einen Hebel, gegen diese Entwicklung vorzugehen? Als beispielhaft wird immer wieder Wien genannt.

Thalgott: Das ist schwer zu vergleichen. Wien hat auf diesem Gebiet einen jahrzehntelangen Vorsprung. Viele Bewohner leben in Gemeindebauten oder haben eine geförderte Genossenschaftswohnung. Um selbst auf dem Markt auftreten zu können, braucht es nicht nur Geld, sondern auch Grundstücke. Da ist hier auch schon etwas passiert. Die Stadt München verkauft schon seit mehreren Jahren keine Grundstücke mehr als Eigentum, sondern vergibt im Erbbaurecht, bleibt also Eigentümerin. Heute betrachtet ist der Zusammenbruch der Neuen Heimat (Anmerkung d. Red.: größter und bedeutendster nicht-staatlicher Wohnungsbaukonzern im Europa der Nachkriegszeit mit Projekten unter anderem in Neuperlach, abgewickelt 1986) ein Drama.

Welche Auswirkungen hätte ein vereinfachtes Planungsrecht?

Thalgott: Sehr helfen

Christiane Thalgott war 15 Jahre Stadtbaurätin.

würde ein auf den Ertragswert preislimitiertes Vorkaufsrecht der Stadt, um Wohn-Ungerechtigkeit zu vermeiden und Grundstücke für die Stadt erwerben zu können. Wir brauchen eine Innenbereichssatzung, die beim Bauen im Innenbereich auch Beiträge zum Gemeinwohl fordert. Es ist total absurd, wenn wir auf der einen Straßenseite einen Bebauungsplan mit strengen Regeln für Beiträge zum Gemeinwohl (Kindergarten, Grundschule, 30 bis 40 Prozent sozialen Wohnungsbau) haben, an die sich alle halten müssen, und auf der anderen Straßenseite aus Einfamilienhäusern im Bestand Sechsfamilienhäuser gemacht werden, nach Paragraf 34 BauGB, ohne einen Cent Beitrag. Die Gerechtigkeitsfrage hat sich so früher nicht gestellt. Aber dadurch, dass seit etwa zehn Jahren viel internationales Geld auf den Immobilienmarkt schwappt, hat sich die Lage drastisch geändert. Der Markt ist insgesamt sehr intransparent. Auch Transparenz zu schaffen, ist eine Aufgabe.

In anderen Ländern geht’s offener zu . . .

Thalgott: Viel besser. In Dänemark zum Beispiel kann jeder nachschauen, wem ein Grundstück wirklich gehört. Da gibt es Informationen zu realen Personen und nicht nur zur XY AG.

Ein Blick nach vorn. München wächst in die Breite. Zumindest dort, wo es noch geht - Stichwort Freiham. Ist denn auch noch etwas in die Höhe möglich?

Thalgott: Nur moderat. Ich denke da vor allem an zentrale Standorte. Vielleicht an der einen oder anderen Stelle mal. Grundsätzlich ist Höhe allein nicht die Lösung. Da wird’s dann auch mit jedem Meter immer teurer. Dichter Bauen ist angesagt. Das geht auch ohne Hochhäuser. München macht ja derzeit noch mal eine Hochhausstudie. Darin wird untersucht, in welchen Bereichen welche Höhenkategorien umsetzbar sind. Schauen wir mal, was dabei herauskommt. Außerdem: Hochhäuser im Zentrum werden selten als Wohnraum konzipiert.

Was halten Sie von Ideen wie Sportplätze auf Dächern?

Thalgott: Das kann man schon machen, aber auch da sollte man den Aufwand nicht unterschätzen. Man braucht zum Beispiel hohe Zäune, damit die Bälle nicht umherfliegen, und gute Zugänge.

Also doch nur eine Einzelfalllösung?

Thalgott: Sagen wir: Eine Lösung für ganz spezielle Orte. Denken Sie allein an den Sicherheitsaspekt und die Frage der Erreichbarkeit. Im Übrigen gibt es schon Sporthallen und sogar einen Schulhof auf dem Dach. Sehen Sie sich das mal bei der jüdischen Kultusgemeinde an. Das ist richtig schön geworden.

Sie haben mal gesagt, dass auch in neu konzipierten Stadtteilen der kleine Bäcker existieren können muss. Wie sieht für Sie ein ideales Viertel aus?

Thalgott: Da gehört nicht nur der Bäcker dazu, sondern auch andere kleine Einzelhändler, die erträgliche Mieten zahlen sollten. Insgesamt geht es aber nicht nur um das Gewerbe, sondern um eine vielfältige Struktur. Wir sollten zum Beispiel auch Orte für Kultur oder Begegnung nicht vergessen. Und das alles muss finanzierbar sein. Und zwar in Konkurrenz zu den Großinvestoren.

Darauf könnte die Stadt aber doch Einfluss nehmen.

Thalgott: Städtische Gesellschaften können gewisse Konditionen schaffen, ja. Zum Beispiel eben für den Einzelhandel im Erdgeschoss. Es ist eigentlich aber zu wenig, wenn das nur die öffentliche Hand macht. Besser wäre, so etwas in Genossenschaften zu organisieren. Das ist beispielsweise im Westend sehr gut gelungen.

Eine schlichte Frage zum Schluss: Leben Sie gern in München?

Thalgott: Ja, ich lebe gern in München. Eine entspannte und freundliche Stadt. Man kann nachts alleine spazieren gehen, ohne Angst haben zu müssen. Die Mischung von Wohnen und Arbeiten sowie Freizeit und Kultur passt.

Der Mieten-Irrsinn in München könnte bald vorbei sein - doch freuen Sie sich nicht zu früh. In München geht ein Großteil für die Miete drauf - hier wird man arm durch Wohnen.

Das Interview führte Nico Rading

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