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Immer schwieriger wird es, Menschen zu finden, die sich für die Kommunalpolitik engagieren. Das liegt auch an den Bürgern und ihrer Art, Kritik an den Gemeinderäten zu üben, sagt Dr. Ursula Münch. So weit, dass – wie auf diesem Bild in Wallgau – der Sitzungssaal leer bleibt, ist es aber noch nicht.

Dr. Ursula Münch, Leiterin der Politischen Akademie in Tutzing, im Interview

Kommunalwahlen 2020: Keine fähigen Kandidaten zu finden - „Das wäre ein Debakel“

  • Katharina Bromberger
    vonKatharina Bromberger
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Es mangelt an Kommunalpolitikern. Aus ganz Deutschland hört Dr. Ursula Münch dieses Problem, das auch die Region vor den Wahlen im März 2020 beschäftigt. Im Interview spricht die Leiterin der Politischen Akademie in Tutzing über Ursachen, mögliche Folgen und Landkreis-spezifische Phänomene. 

Frau Münch, in Uffing hat der CSU-Ortsverband kapituliert. Nach Jahrzehnten stellt er für die Wahl keine Liste, er findet keine Leute. Schockieren Sie derartige Meldungen?

Uffing ist da leider kein Einzelfall. Überall klagen Kommunalpolitiker, dass sie die Listen nur mit größter Mühe füllen – oder gar nicht. Dass aber eine ganze CSU-Liste wegfällt. . . Ja, das ist schon bitter.

Wollen sich die Menschen nicht mehr engagieren?

Die Leute engagieren sich. In vielfältiger Weise. Aber oft nur für ein bestimmtes Thema, in dem sie etwas voranbringen oder – leider häufiger – etwas verhindern wollen. Dabei geht es aber oft um das ganz persönliche Interesse. Da lassen sich die Leute schnell mobilisieren. Aber es ist etwas anderes, über einen längeren Zeitraum Verantwortung zu übernehmen und sich zu positionieren – auch in der Öffentlichkeit.

Fehlt den Menschen dafür der Mut?

Ich würde nicht von Mut oder – im Umkehrschluss – von Feigheit sprechen. Durchaus muss man aber aushalten, was von außen auf einen Gemeinderat einhagelt.

Sie meinen die Kritik der Wähler?

Es ist gut, dass die Zeit der Autoritätsgläubigkeit der Vergangenheit angehört. Wir haben heute sehr kritische, gebildete, interessierte Bürger. Auch das ist grundsätzlich positiv. Die Frage aber ist: Wie gehen die Menschen mit diesen Fähigkeiten um? Die Bereitschaft, zu meckern, ist deutlich größer als die Bereitschaft, auch selbst Verantwortung zu übernehmen. Man meint, alles besser zu wissen, jede Entscheidung in Abrede stellen zu müssen, nur weil man Experte im Googeln ist. Das macht das Amt des Gemeinderats unattraktiv.

War das Ansehen von Kommunalpolitikern früher höher?

Kritik gab es schon immer, Dankbarkeit noch nie. Nicht in der großen und nicht in der kleinen Politik. Das darf man als Gemeinderat oder Bürgermeister auch nicht erwarten. Aber früher vertrauten wir alle mehr darauf, dass die Gewählten das schon richtig entscheiden. Man brachte ihnen zudem mehr Respekt entgegen, der fehlt heute oft. Da fragt sich ein potenzieller Kandidat natürlich: Soll ich mir so ein politisches Amt antun, in dem ich am Ende nur beschimpft werde? Gerade, wenn ohnehin nur noch wenig Freizeit bleibt.

Welche Rolle spielt denn der Faktor Zeit?

Eine große. Heute arbeiten oft beide Elternteile. Das betrifft besonders einen Landkreis wie Garmisch-Partenkirchen. Das Leben ist teuer, viele Familien sind auf einen doppelten Verdienst angewiesen. Das werden die gemeinsamen Stunden weniger.

Auch wenn nur ein Elternteil arbeitet, gibt es wenig Familienzeit. Wo ist der Unterschied zu früher?

Dass die Frau dem Mann den Rücken freigehalten hat. Sie hat sich zu Hause um alles gekümmert. Für den Mann war’s da leichter, ein Mandat zu übernehmen.

Also sollen die Frauen weniger arbeiten, damit die Männer am Abend Zeit für den Gemeinderat haben?

(lacht) Definitiv nicht. Nein, ich sage nur, dass man diesen Punkt auf der Suche nach den Ursachen nicht außer Acht lassen darf. Er spielt eine wichtige Rolle und trifft natürlich vor allem die Männer.

Frauen in der Kommunalpolitik – das ist ja ein Thema für sich. Ein Beispiel aus dem Isartal: In Mittenwald und Krün sitzt jeweils nur eine Frau im Gemeinderat, in Wallgau gar keine mehr. . .

. . . die Liste lässt sich fortführen, das schaut in anderen ländlichen Gemeinden nicht anders aus. In den Städten ist das ein wenig besser durchgemischt. Generell aber engagieren sich Frauen eher im Elternbeirat.

Woran liegt das?

Auch an den Männern. Die sind gern unter sich, gerade in kleineren Gemeinden. Nach dem Motto: Das war schon immer so. Eine junge Frau, mit Kindern, am besten noch zugezogen – die wird nicht mit Hurra empfangen werden. Das spüren die Frauen natürlich – und lassen es gleich. Ich würde ihnen gerne zurufen: Geht in den Gemeinderat!

Und die Männer stecken wir in die Elternbeiräte?

Genau. Eine gute Mischung würde beiden Bereichen guttun.

Eine solche Mischung würde man sich auch beim Alter wünschen.

Unbedingt, die fehlt ebenfalls. Fast alle Parteien leiden unter einer massiven Überalterung. Gerade in ländlichen Regionen wie Garmisch-Partenkirchen.

In Wallgau gibt es eine Gruppierung „Junge Mitarbeiter“. Ihr Vorsitzender Hans Baur ist mittlerweile 71 Jahre alt.

(lacht) Sehr hübsch, das gefällt mir. Man könnte auch sagen: Die fühlen sich sehr lange jung.

Was ist mit der Jugend? Sie scheint – Stichwort Klimademonstrationen – sehr politisch zu sein. Wächst da eine Generation heran, die morgen für den Gemeinderat oder als Bürgermeister kandidiert?

Auch die ältere Generation war als Jugendliche und junge Erwachsene nicht unpolitisch oder desinteressiert. Wieder spielt der Faktor Zeit eine wichtige Rolle: Ich muss auch die Zeit haben, am Freitagnachmittag für das Klima zu demonstrieren. Die 30- bis 50-Jährigen stecken in der sogenannten Rush Hour des Lebens. Da kommt alles zusammen: Man möchte beruflich etwas erreichen, gründet eine Familie, will die Freizeit genießen, und die Älteren müssen sich zum Teil schon um ihre Eltern kümmern.

Dann wären ja die 20- bis 30-Jährigen prädestiniert. Warum finden sich auch von ihnen so wenige in den Gremien?

Das hat viel mit demografischen Veränderungen zu tun. Es gibt einfach weniger junge Leute als früher – und von denen gehen viele weg, etwa zum Studieren, sind nur noch an den Wochenenden zu Hause.

Ziehen nicht im Gegenzug immer mehr Menschen von der Stadt aufs Land?

Das Thema Zugereiste und Einheimische und deren gelegentlich unterschiedlicher Blick auf manches örtliches Thema beschäftigen und verändern eine Region, der Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist ein gutes Beispiel dafür. Es entstehen Trennungslinien und Konflikte zwischen den Neuen und denen, die schon immer da waren.

Und das macht sich auch in der Kommunalpolitik bemerkbar?

Unterschwellig ja. Weil es eine Tendenz gibt, dass die Menschen mehr in Identitäten denken. Wo gehöre ich dazu, wo nicht? Du gehörst dazu, Du nicht. Ich bin Einheimischer, Du Auswärtiger. Ich bin Garmischer, Du Partenkirchner. Das verschärft Konflikte und macht den Streit emotional. Durch sachliche Argumente sind diese Konflikte oft nicht mehr zu lösen.

Sie kennen den Konflikt zwischen den Ortsteilen?

Oh ja. Ich habe eine Freundin in Partenkirchen. Sie hat mir eingebläut, dass sie aus Partenkirchen kommt. Und ich den Doppelnamen bitteschön vermeiden soll.

Darüber könnte man auch einfach hinweglächeln.

Natürlich. Doch ist das ein amüsantes Beispiel für das Suchen nach Zugehörigkeit, das sich leider verschärft. In einer Welt, die immer komplexer wird, ziehen sich die Menschen offenbar mehr und mehr in ihre unmittelbare Umgebung zurück. Das erschwert das Bemühen, etwas Verbindendes zu schaffen, Kompromisse zu finden und Mehrheiten in den Gremien zu erreichen. Die Gemeinderäte werden extrem heterogen mit x verschiedenen Listen. Das macht die Arbeit zunehmend mühsam.

Dafür gibt es hier ebenfalls Beispiele. Allen voran Oberammergau. Im Gemeinderat sitzen Vertreter von sieben Listen. Sie streiten viel, diskutieren Themen tot.

Wenn nichts vorwärtsgeht, nicht konstruktiv gearbeitet wird, ist das wahrlich keine Werbung für ein Engagement in der Kommunalpolitik. Bekommen Außenstehende den ganzen Ärger mit, fragen sie sich doch erst recht: Warum soll ich mir das antun?

Ja, warum?

Genau, kommen wir einmal zu den positiven Aspekten, Denn es ist ja wahrlich nicht alles schlecht. Und es gibt gute Gründe, sich für die Kommunalpolitik zu engagieren.

Machen Sie doch einmal Werbung für den Gemeinderat.

Die beste Werbung sind die, die sich selbst engagieren. Fast jeder und jede von ihnen erzählt, wie viel Neues man lernt über so viele Bereiche, die die eigene Gemeinde betreffen. Man lernt hier an der Praxis. Das kann unheimlich viel Spaß machen.

Mit welchem weiteren Argument wollen Sie die Menschen überzeugen?

Man bewegt etwas. Unmittelbar und im eigenen Umfeld. Wenn man später auf sein Leben zurückblickt, werden einen nicht die Reisen, die man unternommen, oder die Netflix-Serien, die man angeschaut hat, mit Stolz und Freude erfüllen, sondern das, was man erreicht und verändert hat – am besten für andere. Dafür ist die Kommunalpolitik perfekt.

Die Hindernisse – zu wenig Zeit und die Kritik von außen – bleiben.

Beide werden aber kleiner, wenn die Neugierde auf das Amt und die Freude am Tun eine Chance bekommen. Dazu müssen wir Bürger uns ändern: Häme, Spott, gar Angriffe gegenüber Bürgermeistern und Gemeinderäten sind keine Bürgerrechte, sondern eine großes Ärgernis. Wenn das so bleibt, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir in absehbarer Zeit keine fähigen Kandidaten mehr für diese wichtigen Ehrenämter finden. Und das wäre ein Debakel – für uns alle.

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Kommunalwahl 2020 in Bayern: Termin und alle Informationen

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