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Machthaber im Fokus: Nordkoreas Diktator Kim Jong Un (l.) provoziert US-Präsident Donald Trump seit Wochen.

Streit verschärft sich

Zum Feiertag ein Atomtest? Konfliktforscher im Interview über Nordkorea

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US-Präsident Donald Trump droht, doch Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un provoziert einfach weiter. Konfliktforscher Hans-Joachim Schmidt ordnet die Lage zwischen den beiden Nationen ein.

München - Trotz der Drohungen von US-Präsident Donald Trump, mit „Feuer und Wut“ auf neue Provokationen Nordkoreas zu reagieren, zündelt Kim Jong Un weiter: Unangekündigt ließ der nordkoreanische Diktator eine Rakete über Japan hinweg in Richtung offenes Meer abfeuern. Die ballistische Rakete startete nahe der Hauptstadt Pjöngjang und flog rund 2700 Kilometer weit und 550 Kilometer hoch. US-Präsident Donald Trump verurteilte den Raketentest und drohte: „Alle Optionen sind auf dem Tisch!“

Südkoreas Geheimdienst vermeldete derweil, dass die nordkoreanische First Lady Ri Sol Ju bereits im Februar ein Kind bekommen haben soll.

Ob es der ersehnte Sohn für einen Fortbestand der seit über 60 Jahren in Nordkorea herrschenden Kim-Dynastie ist, bleibt offen. Kim und seine Frau sollen bereits zwei Kinder haben, die 2010 und 2013 geboren wurden. Laut dem US-Basketball-Spieler Dennis Rodman ist das zweite Kind ein Mädchen, das Geschlecht des ersten ist unbekannt.

Konfliktforscher Hans-Joachim Schmidt im Interview

Trump sagte, Nordkorea sei jetzt so weit, „uns gegenüber Respekt zu zollen“. Wie wird er auf diese neuerliche Demütigung reagieren?

Dr. Hans-Joachim Schmidt, Leibniz Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung: Nordkorea scheint keinen Respekt zu zollen. Damit will Kim Jong Un demonstrieren, dass er in der Lage ist, sämtliche US-Einrichtungen in der Region zu bedrohen. Wobei er wegen des hohen Eskalationsrisikos davon Abstand genommen hat, eine Rakete auf Guam abzufeuern. Stattdessen hat er eine Rakete in den Pazifik geschickt, um zu beweisen, wie groß die Reichweite seiner Mittelstreckenraketen ist. Das Ziel ist, die USA, Japan und Südkorea davon zu überzeugen, Nordkorea als Nuklearmacht anzuerkennen.

Wie schafft es Nordkorea, die Sanktionen zu umgehen und derart aufwendige Raketen und sogar Atomsprengköpfe zu bauen?

Schmidt: Weil vor allem China die bisherigen UN-Sanktionen stets eher halbherzig umgesetzt hat. Deswegen üben die USA verstärkten Druck auf Peking aus, durch die volle Umsetzung der Sanktionen Nordkorea zu Verhandlungen zu bewegen. Pjöngjang hat zudem ein Netzwerk von Firmen, mit dem die Sanktionen umgangen werden - chinesische Firmen, aber jüngst gab es auch Berichte, dass aus der Ukraine wichtiges technisches Wissen für die Raketenentwickelung stammen könne.

Und helfen auch andere Staaten?

Schmidt: Aus der einstigen Sowjetunion kamen die ersten nordkoreanischen Scud-Raketen sowie SNN-6 U-Boot-Raketen. Diese Raketen werden seit über 20 Jahren kontinuierlich weiterentwickelt. Zusätzlich hilft das weitverzweigte Netzwerk, Materialien zuzukaufen oder auch von chinesischen Firmen weiterverarbeiten zu lassen.

Nordkorea droht den USA wegen Militärmanöver mit Vergeltung

Auf den Fotos wirken die nordkoreanischen Raketen ziemlich altertümlich…

Schmidt: Diese Raketen sind in etwa auf dem Standard, den die USA und Russland in den 50er- oder 60er-Jahren hatten. Wobei man sagen muss, dass Nordkorea jetzt dabei ist, auch Feststofftriebwerke zu entwickeln und sein Raketen­arsenal von Kurz-, Mittel und Langstreckenraketen darauf umstellt. Damit können sie jederzeit andere Kontinente wie Nordamerika oder Europa erreichen.

Sind diese altertümlichen Raketen leichter durch Raktenabwehrsysteme auszuschalten als moderne?

Schmidt: Nein, denn hier spielt vor allem die Geschwindigkeit der Rakete eine Rolle: Je schneller, desto schwieriger ist es, sie abzuschießen. Die Raketenabwehrsysteme, die die USA derzeit in der Region installiert haben, sind nur zur Abwehr von Kurz- und Mittelstreckenraketen geeignet, nicht für die viel zu schnellen Interkontinentalraketen.

Nordkorea-Fotos zeigen immer ein leicht übersehbares Detail

Offenbar wurde der aktuelle Raketentest von einer Startrampe abgefeuert, die den USA nicht bekannt war. Wie kann das im Zeitalter der Satelliten-Überwachung sein?

Schmidt: Die Nordkoreaner starten ihre Kurz- und Mittelstreckenraketen von Selbstfahr-Lafetten aus, also mobilen Untergestellen, die es möglich machen, die Raketen im gesamten Land abzufeuern.

China spricht von einem Wendepunkt…

Schmidt: China wirbt schon lange dafür, dass endlich Verhandlungen zustande kommen. Bisher scheitert das an den unvereinbaren Zielen Nordkoreas und der übrigen Staaten, besonders denen der USA, Japans und Südkoreas. Aber je mehr Tests durchgeführt werden, desto mehr steigen die Spannungen – durch ein Missverständnis bei einem militärischen Zwischenfall kann da sehr schnell ein Krieg daraus werden, der für uns alle sehr gefährlich wäre. China will eine weitere Eskalation verhindern, weil es einen Handelskrieg mit den USA fürchtet.

Wie geht es weiter?

Schmidt: Es gibt Anzeichen dafür, dass Nordkorea einen weiteren Nukleartest durchführen will. Am 9. September ist der Jahrestag der Gründung Nordkoreas – um diesen Tag herum hat es häufig schon Provokationen gegeben. Dann wird sich die Lage weiter verschärfen.

Interview: Klaus Rimpel

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