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Bekommt Lob von der Kassenchefin: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Interview

„Mir macht die Vorstellung Angst“: Kassenchefin warnt vor unnötigen Operationen

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Wie geht es weiter mit Deutschlands Krankenhäusern? Eine Kassen-Vorständin sieht einen Klinik-Überschuss - und führt eine Angst als Argument für Schließungen ins Feld.

München – Die Techniker Krankenkasse ist mit mehr als 10 Millionen Versicherten die größte deutsche Kasse. Vorstandsmitglied Karen Walkenhorst spricht im Interview über typisch deutsche Probleme bei der Digitalisierung und warnt vor unnötigen Operationen.

Frau Walkenhorst, der umtriebige Gesundheitsminister Jens Spahn galt noch vor einer Woche vielen bereits als der kommende Verteidigungsminister. Hatten Sie sich schon auf ruhigere Zeiten gefreut?

Nein, überhaupt nicht. Herr Spahn hat jetzt 16 Gesetze in 16 Monaten auf den Weg gebracht. Er will viel bewegen und hat Ahnung von der Materie. Das ist gut.

Bei einem seiner Lieblingsthemen, der Digitalisierung des Gesundheitswesens, muss Spahn nun hingegen einen Gang zurückschalten.

Bei der Digitalisierung im Gesundheitswesen hinken wir in Deutschland hinterher. Gesundheitsminister Spahn hat da nun mit neuen Gesetzen wichtige Impulse gesetzt. Allerdings ist die geplante Verpflichtung der Ärzte, die neue elektronische Patientenakte mit Daten zu füllen, nun in der Abstimmung zwischen den Ministerien gekippt worden.

Warum?

Aus Datenschutzgründen. Konkret, weil der Patient derzeit nur auswählen kann, ob er einem Arzt seine gesamten Daten zeigt, oder ihm überhaupt keine Einsicht gewährt. Er kann also nicht einzelne Informationen auswählen, weil das technisch noch nicht funktioniert. In Zukunft soll es aber möglich werden. Bis dahin sollte jedoch nicht das komplette Verfahren gestoppt werden. Versicherte, die ihren Ärzten in ihrer Patientenakte die Daten zur Verfügung stellen möchten, sollten das auch tun können. Leider sind solche Digitalisierungsblockaden im Gesundheitswesen typisch.

Typisch wofür?

Zum einen ist es typisch deutsch: Es ist das Verlangen nach einer 180-Prozent-Lösung, bevor man überhaupt startet. Aber so funktioniert Digitalisierung nicht. Da muss man auch mal etwas ausprobieren und dann den Versicherten fragen, wie er damit umgehen möchte. Zum anderen ist es auch typisch für unser Gesundheitswesen. Es darf nicht wie bei der Gesundheitskarte passieren, dass wir so lange an der optimalen technischen Lösung arbeiten, bis sich die Technologie schon wieder überholt hat.

Neben der Digitalisierung könnten dem Gesundheitswesen weitere schwerwiegende Veränderungen bevorstehen. Gerade hat eine Bertelsmann-Studie für Furore gesorgt, die mehr als jedes zweite Krankenhaus für überflüssig erklärte. Sehen Sie das auch so?

Die Studie stammt von Wissenschaftlern. Sie ist ein Impuls, aber letztlich eine reine Modellberechnung.

Somit kann alles bleiben, wie es ist?

Nein. Wir haben tatsächlich zu viele Krankenhäuser und zu viele Betten. Die Krankenhausbettendichte in Deutschland ist einmalig in Europa. Und zur Wahrheit gehört, dass dieses Über-Angebot übermäßige Leistungen hervorbringt, um diesen Überschuss finanzieren zu können. Sprich: Unter anderem durch Operationen, die vielleicht gar nicht notwendig sind.

Als Kasse wollen Sie die dadurch entstehenden Kosten gerne verringern.

Natürlich bezahlen wir auch zu viel Geld, wenn Behandlungen durchgeführt werden, die nicht notwendig wären. Gleichzeitig stellt sich die Frage, mit welchem Personal wir das mittelfristig überhaupt so weiterbetreiben können. Uns fehlen schließlich Fachärzte genauso wie Pflegekräfte. Und vor allem macht mir die Vorstellung, ohne Notwendigkeit operiert zu werden, auch persönlich Angst.

Also doch Klinik-Schließungen?

Einige Häuser werden sicherlich schließen müssen. Letztlich müssen wir aber über etwas anderes reden. Nämlich darüber, wie wir die Versorgung auf dem Land garantieren können. Hausärzte, Kliniken, Pflege – das müssen wir thematisch zusammenbringen. Zugeschnitten auf regionale Gegebenheiten – nach Alter und Bevölkerungsstruktur. Ich glaube wirklich, wir brauchen eine völlig neue Form der Versorgung, um das zu lösen.

Interview: Sebastian Horsch

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