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Russland-Experte Boris Reitschuster.

Putin-Kritiker getötet

Kreml-Experte: Nemzow-Mord hatte klare Botschaft

Moskau - Russland-Experte Boris Reitschuster meint im Merkur-Interview: Boris Nemzows Erschießung war ein Ritualmord mit klarer Botschaft. Und: Wladimir Putins Macht wird weiter zementiert.

Über den Mord an Boris Nemzow sprachen wir mit dem Buchautor und Russland-Experten Boris Reitschuster.

Sie kannten Nemzow persönlich. Was war er für ein Mensch?

Er war ein typisches Beispiel für die russische Seele: sehr emotional, sehr charismatisch, sehr humorvoll. Er war in vielem das Gegenbild zu Wladimir Putin, der ja ein grauer Apparatschik ist. Nemzow dachte an die einfachen Menschen in Russland, er war kein Vertreter der Nomenklatura in Moskau, die nur an den eigenen Geldbeutel denken. Nemzow hatte Ideale und er wusste, dass diese Ideale ihm eines Tages gefährlich werden können.

Wie gefährlich war Nemzow wirklich für Präsident Putin?

Ich denke, als Politiker war Nemzow für Putin nicht mehr gefährlich. Er gehörte nur einer kleinen Oppositionsgruppe an. Putin hat dafür gesorgt, dass sie keinen Einfluss mehr hatte. Aber Nemzow war höchstgefährlich als jemand, der die Dinge beim Namen nannte. Der keine Angst hatte. Der Putin mit viel von dem konfrontierte, was andere Menschen in Russland denken, sich aber nicht auszusprechen trauen. Er nannte Putin einen Dieb und die Regierung in Moskau eine kleine kriminelle Gruppe, die das Land ausbeutet. Damit hat er Grenzen überschritten. Das war eine Herausforderung für Putin.

Was sagt der Anschlagsort direkt gegenüber dem Kreml über den Mord und die Hintermänner aus?

Es ist eindeutig, dass es sich um eine symbolische Tat handelt. Wir können geradezu von einem Ritualmord reden. An dieser Stelle, direkt in Sichtweite des Kreml, wo alles überwacht wird, wo es nur so wimmelt vor Polizei und Geheimdienstlern, das alles macht deutlich: Es war kein normaler krimineller Akt, es ist ein eindeutiges Signal, dass niemand die Machthaber im Kreml ungestraft beschimpfen kann.

Was bedeutet Nemzows Tod für die russische Opposition? Gestern marschierten immerhin rund 55 000 Menschen durch die Moskauer Innenstadt, um gegen Putin zu demonstrieren? Hat der Präsident nach diesem Mord vielleicht doch ein Problem?

In Russland sitzt die Angst seit der Stalinzeit so tief, dass es immer wieder mal zehntausende Mutige gibt, die auf die Straße gehen. Aber nicht die großen Massen. Dafür ist man zu ängstlich und in einer politischen Depression. Meine große Befürchtung ist, dass sich bei der Bevölkerung wenig ändern wird. In der Oberschicht, bei den Geschäftsleuten und aufgeklärten Politikern, die durchaus Putin-kritisch sind, wird die Angst sogar noch größer werden. De facto wird Putins Macht mit diesem Mord noch weiter zementiert.

Interview: Alexander Weber

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