Irrende Demoskopen

Das Kreuz mit den Umfragen

München - Die Wahlen rücken näher – fast täglich werden die Deutschen mit Umfragen bombardiert. Doch was sind die Zahlen wert? Politiker trennen inzwischen sehr genau: zwischen echten Erkenntnissen und Nützlichem für die Wahlkampf-Propaganda.

Auf den ersten Blick ist das mit diesen Wahlumfragen sehr einfach. Wenn sie dem Politiker gefallen, lobt er „eine schöne Bestätigung unserer Arbeit“. Gefallen sie ihm nicht, kommt stets der Hinweis, Umfragen seien „nur Momentaufnahmen“, die Wahrheit liege doch in der Wahlurne. Zu hören sind die alten Sprüche immer öfter. Denn noch nie gab es so viele Wahlumfragen wie derzeit. Aber noch nie lagen sie so oft so krachend daneben.

Die kleine FDP kann ein Lied davon singen, die in Umfragen dramatisch zwischen Sturz und Stolz hin und her jagt. In Nordrhein-Westfalen sah man sie vor der Wahl bei höchstens fünf Prozent – am Ende waren es 8,6. In Niedersachsen prognostizierte GMS noch drei Tage vor dem Urnengang fünf Prozent – die Liberalen holten 9,9. Auch in Schleswig-Holstein lagen die Demoskopen zwischen zwei und drei Punkten daneben.

Nur ihr Fehler? Am größten Problem ihrer Arbeit sind die Demoskopen schuldlos: Immer weniger Deutsche haben sich auf eine Partei festgelegt, immer mehr entscheiden erst im letzten Moment. Bei der Niedersachsen-Wahl entschieden sich 15 Prozent erst am Wahltag. Weitere 16 Prozent in den Tagen davor (wobei auch diese Erkenntnis aus Umfragen stammt). Wenn ein Drittel also wochenlang keinen Schimmer hat, wo das Kreuzchen hinkommt, werden Umfragen automatisch zu Wackelpudding.

Bei großen TV-Sendern setzt deshalb ein Umdenken ein. Bisher war ungeschriebene Regel, dass sie in der Wahl-Woche keine neue Umfrage veröffentlichen. Hintergrund: Umfragen beeinflussen das Wahlverhalten, unentschiedene Wähler neigen dazu, eher die vorne liegende Partei zu unterstützen – wer mag am Ende beim Verlierer stehen? Das ZDF hat nun aber beschlossen, auch noch am Donnerstag vor der Wahl sein Politbarometer zu veröffentlichen – „in fundierte redaktionelle Berichterstattung eingebettet“, wie der Sender betont. Bei der ARD wird das, so ist zu hören, intern ausführlich diskutiert. „Nach gegenwärtigem Stand“, so sagt ein Sprecher, beabsichtige die ARD, weiterhin neun Tage vor der Wahl keine Sonntagsfrage zu veröffentlichen.

Ein paar Last-minute-Wähler würden von späten Umfragen erfasst. Strukturelle Probleme der Umfragen aber bleiben. Zum Beispiel die Fehlertoleranz, ein mathematisches Phänomen, das bei 1000 Befragten eine Schwankung von zwei, drei Prozentpunkten ausmachen kann. Für Wirbel sorgt auch oft der Unterschied zwischen Rohdaten und Interpretation. Institute „gewichten“ die Ergebnisse nach (geheimen) Erfahrungswerten. Sie versuchen, statistische Verzerrungen auszugleichen: Dass Menschen zum Beispiel ungern zugeben, radikale Parteien zu wählen. Oder dass tagsüber am Festnetz überhäufig Rentner zu erreichen sind. Umstrittener ist die praktisch freihändige Gewichtung nach der Kontrollfrage, was der Befragte letztes Mal gewählt hat. Der Spielraum dabei liegt bei mehreren Punkten.

Ingesamt gilt: „Aus einem Prozentpunkt mehr oder weniger in der Umfrage zu schließen, wer regieren wird, wäre mathematisch und fachlich nicht richtig“, warnt Anne Jessen, die an der Universität Heidelberg über Perspektiven der Demoskopie forscht. Für eine saubere Interpretation seien zudem immer zusätzliche Informationen nötig: etwa Institut, Auftraggeber, wer wann befragt wurde, genauer Fragewortlaut – etwa manipulativ? – und Fehlertoleranz.

Tatsächlich ist auch wichtig, wer Umfragen beauftragt. Experten berichten, Parteien seien noch vor Medien die größten Auftraggeber. Die CSU zum Beispiel ist treuer Kunde bei GMS. Nicht nur für die Sonntagsfrage, auch für Details: In welchen Wählerschichten schlummert Potenzial? Was sind die wichtigsten Themen? Was brennt den Mitgliedern auf den Nägeln?

Der Verdacht liegt nahe, dass Rohdaten zwar nicht manipuliert, aber im Zweifelsfall eher zugunsten des zahlenden Auftraggebers interpretiert werden. Bei Medien wiederum liegt das Interesse nahe, ein Ergebnis mit hohem Nachrichtenwert zu erhalten. Forsa etwa gelingt das Schlagzeilen-Kunststück auffallend oft. SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück beschimpft Forsa-Chef Güllner deshalb (laut Spiegel) als unglaubwürdig – „ein Spieler, unseriös“. Die SPD sei „immun gegen die Realität“, kontert Güllner.

„Mit Umfragen wird auch Politik gemacht: Wenn in einer Umfrage die CSU klar vorne liegt, erzeugt man eine Stimmung – auch wenn die CSU die Umfrage selbst in Auftrag gegeben hat“, sagt Dieter Janecek, Vorsitzender der bayerischen Grünen. Er zieht seine Lehren lieber aus Umfragen, die von unabhängigen Medien beauftragt wurden. Wobei anzumerken ist: Sogar die Grünen haben unlängst Infratest beauftragt.

Von Mike Schier und Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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