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Gegenoffensive der Ukraine: Front-Offizier und Experten erklären „Gamechanger“ aus Deutschland

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Der Ukraine gelang es, russische Truppen im Osten des Landes zurückzuschlagen. Auch Waffensysteme aus Deutschland spielten dabei offenbar eine Rolle.

Kiew - Im Ukraine-Krieg haben ukrainische Truppen im Osten des Landes einzelne Frontabschnitte und Orte zurückgewonnen. Die Waffenlieferung des Westens spielten bei diesen militärischen Gegenschlägen offenbar eine entscheidende Rolle - darunter auch das deutsche Artilleriesystem Panzerhaubitze 2000 sowie der Flugabwehrpanzer Gepard. Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte in dieser Woche erneut bekräftigt, keine weiteren Schützen- und Kampfpanzer liefern zu wollen.

Der Einsatz deutscher Waffen in der Gegenoffensive der Ukraine

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Die Panzerhaubitze M 2000 A2 bei Schießübungen auf dem Truppenübungsplatz in Grafenwöhr (Archivbild, Juli 2022). © IMAGO/Andreas Beil

Bei der ukrainischen Gegenoffensive im Osten des Landes spielten offenbar der deutsche Flugabwehrpanzer Gepard und das Artilleriesystem Panzerhaubitze 2000 eine Rolle. Darauf deuten unter anderem ukrainische Geheimdienstinformationen hin. Das Online-Medium t-online will aus Kreisen der ukrainischen Armee erfahren haben, dass die Panzerhaubitze insbesondere bei der Befreiung der Stadt Kupjansk entscheidend war: „Wir haben mithilfe der Panzerhaubitze 2000 die Brücke von Kupjansk zerstört“, sagte demnach ein ukrainischer Artillerieoffizier, der anonym bleiben wollte. Nur zwölf Geschosse habe man dafür gebraucht. „Mit sowjetischer oder russischer Rohrartillerie hätten wir vielleicht 50 oder mehr Granaten benötigt“, so der Offizier weiter. Zum einen sei es schwierig, so viel Munition an die Front zu schaffen. Zum anderen steige auch die Gefahr für die Besatzung, je länger der Einsatz dauere.

Mit der Zerstörung der Brücke über den Oskil habe sowohl das Eintreffen der russischen Reserven als auch der organisierte Rückzug des Feindes verhindert werden können, so die Quelle weiter. Man habe russische Truppen auf der westlichen Uferseite festgesetzt und eine mögliche Verstärkung von Osten her abgeschnitten. Russische Soldaten hätten daraufhin die Flucht ergriffen, statt zu kämpfen, hieß es von ukrainischer Seite. Auch die rund 70 Kilometer südlich gelegene Stadt Isjum konnten die ukrainischen Truppen im Zuge der Gegenoffensive befreien.

Ukraine-Konflikt: Deshalb ist die Panzerhaubitze ein „Gamechanger“

Deutschland hat bisher unter anderem Luft- und Panzerabwehrwaffen und Artillerie geliefert. Der deutsche Flakpanzer Gepard etwa war bei der Rückeroberung der Gebiete im Osten wichtig, wie die Zeitung The Economist unter Berufung auf ukrainische Geheimdienstinformationen berichtete. Bislang hat die Ukraine 24 der zugesagten 30 Gepard-Panzer erhalten. Das System sei beim ukrainischen Militär geschätzt, da die zwei Kanonen zusammen 1100 Schuss pro Minute abfeuern können. Mit einem Rundumsuchradar mit 15 Kilometern Reichweite könne der Gepard außerdem tieffliegende Flugzeuge, Drohnen oder Hubschrauber bekämpfen, wie Welt berichtete. Der Turm drehe sich innerhalb von nur 2,5 Sekunden um die eigene Achse, sodass sich auch Bodenziele effektiv bekämpfen ließen. 

Aus Sicht des Experten Frank Ledwidge von der Universität Portsmouth ist auch die Panzerhaubitze 2000 entscheidend für die militärischen Erfolge der Ukraine. Die Panzerhaubitze treffe aus einer Distanz von 30 Kilometern mit einer maximalen Abweichung von fünf bis zehn Metern ins Ziel. Andere Experten sprechen bei diesem Waffensystem sogar von einem „Gamechanger“. Darunter etwa ein ehemaliger General, der gegenüber Focus anonym bleiben wollte. Die Panzerhaubitze 2000 sei die effektivste der Welt. „Diese schwere Waffe ist nicht nur wegen ihrer Feuerkraft gefürchtet. Sie ist deswegen so außergewöhnlich wertvoll, weil sie extrem beweglich ist und sich Gegenangriffen entzieht, ehe der Feind zurückschießen kann.“

Innerhalb einer Stunde könne sie 40 Kilometer Entfernung zurücklegen und dann von einem neuen Standort aus unentdeckter Position weiter angreifen. „Wenn es gelingt, [...] Putins Artillerie auszuschalten, könnte das für die Ukraine den Verlauf des Krieges entscheidend verändern und zu einem ‚Gamechanger‘ im Verteidigungskampf gegen Russland werden“, sagte der Militärexperte bereits im Juni. Die Ukraine fordert nun seit Wochen, ihr auch Kampfpanzer westlicher Bauart und Schützenpanzer zu liefern. Bisher hat allerdings kein Nato-Land Kampfpanzer westlicher Bauart geliefert. 

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Militärübung in Niedersachsen mit einer Panzerhaubitze 2000 (kurz PzH 2000) (Archivbild, Mai 2022). © IMAGO/Rainer Droese/localpic

Britischer Geheimdienst: Russland will Verteidigungslinie in Ostukraine halten

Die von der Ukraine zerstörte Brücke über den Fluss Oskil hatte eine wichtige strategische Bedeutung. Das britische Verteidigungsministerium meldete am Samstag unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, dass russische Truppen nun eine Verteidigungslinie zwischen dem Fluss Oskil und der Kleinstadt Swatowe im Gebiet Luhansk errichtet hätten, die sie unbedingt halten wollen. Russland wolle unbedingt die Kontrolle behalten, weil durch dieses Gebiet eine der wenigen Nachschubrouten führe, die noch von russischen Einheiten kontrolliert werde, hieß es. „Ein deutlicher Gebietsverlust in Luhansk wird die russische Strategie deutlich untergraben“, betonte das Ministerium. „Russland wird wahrscheinlich versuchen, dieses Gebiet hartnäckig zu verteidigen, aber es ist unklar, ob die russischen Truppen an der Front über ausreichende Reserven oder angemessene Moral verfügen, um einem weiteren konzertierten ukrainischen Angriff standzuhalten.“

Ukraine-Konflik: Stimmen für und gegen weitere Waffenlieferungen der Bundesregierung

Die anhaltende Gegenoffensive beweise, dass Militärhilfe die Ukraine näher an Sieg und Frieden bringe, sagte etwa Estlands Regierungschefin Kaja Kallas am Samstag in einer Rede. „Unser Fokus muss darauf liegen, unsere Hilfe und Waffenlieferungen zu erhöhen, um die russische Aggression so schnell wie möglich zurückzuschlagen“, so Kallas weiter. Die US-Regierung äußert sich im Hinblick auf die Erfolge der Gegenoffensive ähnlich. „Ich denke, was Sie sehen, ist sicherlich eine Verschiebung, ein Momentum der ukrainischen Streitkräfte“, sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats im Weißen Haus, John Kirby, am Dienstag. Die USA selbst planen in Kürze weitere Waffenlieferungen an die Ukraine.

In Deutschland gibt es unterschiedliche Meinungen. Bundeskanzler Scholz bekräftigte erneut die Entscheidung der Bundesregierung, keine Schützen- oder Kampfpanzer in die Ukraine zu liefern. Grüne und FDP sprachen sich indes dafür aus, auch in der SPD gab es teils entsprechende Forderungen. CDU und CSU sind ebenfalls für eine Ausweitung der Waffenhilfe. Es sollen „schwere Waffen, insbesondere gepanzerte Gefechtsfahrzeuge und mehr weitreichende Artillerie, auch aus den Beständen der Bundeswehr an die Ukraine“ geliefert werden, hieß es vonseiten der Union.

Bundeswehr: Waffenlieferungen in die Ukraine schwächen uns

Der Chef des Deutschen Bundeswehrverbandes, André Wüstner, warnte indes vor einer „Kannibalisierung der Truppe“. Jede weitere Lieferung von Waffen und Munition würde die Bundeswehr schwächen. „Wir können uns vorstellen, beispielsweise Schützenpanzer aus den Beständen der Industrie abzugeben“, ergänzte der Militärexperte aber am Samstag im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Russland sind die Waffenlieferungen der Bundesrepublik natürlich ein Dorn im Auge. Der russische Botschafter in Berlin, Sergej Netschajew, erhob schwere Vorwürfe gegen Deutschland wegen der Waffenlieferungen. „Allein die Lieferung tödlicher Waffen an das ukrainische Regime, die nicht nur gegen russische Soldaten, sondern auch gegen die Zivilbevölkerung im Donbass eingesetzt werden, ist eine ‚rote Linie‘, die die deutsche Regierung (...) nicht hätte überschreiten dürfen“, warnte Netschajew in einem am Montag erschienenen Interview der russischen Tageszeitung Iswestija (AFP/dpa/bme).

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