Krieg in der Ostukraine: Die Vergessenen

Kiew - Fast zwei Millionen Menschen sind vor dem Krieg in der Ostukraine geflohen. Viele von ihnen sind schwer traumatisiert, vor allem Kinder. Weil Psychologen fehlen, kümmert sich jetzt die ukrainische Kirche um die Verzweifelten.

Endlich malen Viktoria und Veronika wieder bunte Blumen. Monatelang waren die Bilder der achtjährigen Zwillinge nur schwarz. Niemand weiß, was die Schwestern mit den dunklen Malereien sagen wollten. Die autistischen Mädchen haben nie gelernt, sich mit Worten auszudrücken. Doch ihre Eltern sind sicher, dass das Schwarz der Schatten ist, den der Krieg in der Ostukraine auf die Seelen ihrer sensiblen Kinder gelegt hat. Wie viele der knapp zwei Millionen Menschen, die seit dem Ausbruch der Kämpfe zwischen der ukrainischen Regierung und den prorussischen Separatisten geflohen sind, sind die Zwillinge schwer traumatisiert.

Ihr Vater Oleg Trachuk sagt: „Viktoria und Veronika hatten begonnen, sich uns über ihre Bilder mitzuteilen – doch dann kam der Krieg und alles wurde schwarz.“ Mit seiner Frau Julia, seinem 17-jährigen Sohn Wladislaw und seinen Töchtern lebte der Journalist vor dem Ausbruch des Krieges in Luhansk. Als vor mehr als einem Jahr die ersten Mörsergranaten und Raketen in der mittlerweile von den Separatisten kontrollierten Stadt einschlugen, erzählte Trachuk seinen Töchtern, dass das Licht und der Lärm am Himmel große Feuerwerksraketen seien. Dass das Feuerwerk bereits mehrere Nachbarn getötet hatte, erzählte er nicht.

Vor elf Monaten entschloss die Familie sich schließlich zur Flucht gen Westen, zu Verwandten ins über 800 Kilometer entfernte Kiew. Der Zug mit den Flüchtlingen hatte sich gerade in Bewegung gesetzt, als Granaten unmittelbar neben den Waggons einschlugen. Viktoria und Veronika blieben unverletzt, doch mit dem Angriff verschwanden die Farben aus ihren Bildern.

In einem von Caritas International unterstützten Zentrum in Kiew versucht Psychologin Olga Lashenko jetzt mit einer Mal-Therapie aufzuarbeiten, was die verstörten Schwestern erlebt haben. „95 Prozent der Menschen, die aus den umkämpften Gebieten geflohen sind, sind traumatisiert“, sagt die 59-Jährige. „Viele von ihnen haben Verwandte und Freunde verloren und sind Zeugen unvorstellbarer Gewalt geworden. Sie leiden unter anderem unter Verlustängsten, Panikattacken und Schlafstörungen.“ Aber weil Psychologen fehlten, würden nur fünf Prozent behandelt.

Auch Yelizaveta, acht Monate alt, wird später vielleicht einmal psychologische Hilfe benötigen. Das Mädchen wurde im Juli vorigen Jahres in einem Krankenhaus in der ostukrainischen Stadt Horliwka geboren. „Eine Woche später wurde das Krankenhaus geschlossen, weil es ständig beschossen wurde und die Ärzte geflohen waren“, erzählt ihre Mutter Olga Onyshenko. Die ersten sechs Monate ihres Lebens verbrachte Yelizaveta im Arm ihrer Mutter in einem überfüllten Keller in der mittlerweile völlig zerstörten Stadt. Während andere Kinder Gute-Nacht-Lieder lauschen, hörte Yelizaveta beim Einschlafen Detonationen und das Weinen ihrer Mutter. „Wenn die Einschläge besonders nahe kamen, dachte ich, dass wir alle sterben müssen“, erzählt Olga Onyshenko. Vor lauter Angst hörte ihr Körper nach einem Monat auf, Muttermilch zu produzieren, und in der Stadt gab es keine Babynahrung. „Wir mussten fliehen, sonst wäre meine Tochter vielleicht verhungert“, erzählt die 28-Jährige in einem ehemaligen Feriendorf für Fabrikarbeiter in Swjatohirsk, das zu einem Flüchtlingslager umfunktioniert wurde. Nur wenige Kilometer von hier liefern sich die Separatisten und die Armee auch im April noch kleinere Scharmützel – trotz des im Februar unter Mithilfe von Angela Merkel und François Hollande ausgehandelten Minsk-II-Abkommens. Und aktuell scheint sich die Lage zuzuspitzen: Als Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier vorige Woche in Kiew war, teilte er besorgt mit, „dass die Lage in der Ostukraine wieder fragiler geworden ist“.

1,2 Millionen Flüchtlinge im eigenen Land

Seit April 2014 wurden 6300 Menschen im Konflikt um die Ostukraine getötet, rund 16 000 verletzt. Die UN-Menschenrechtskommission und die Weltgesundheitsorganisation gehen jedoch davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen viel höher sind. Zudem haben sich 1,2 Millionen Menschen als Flüchtlinge im eigenen Land registrieren lassen, rund 777 000 Menschen sind vor den Kämpfen ins Ausland geflohen, davon über 637 000 nach Russland.

Jeder Tag kostet fünf bis sieben Millionen Dollar

Der Präsident der Caritas in der Ukraine, Andrij Waskowycz, gibt zu: „Niemand war auf eine humanitäre Katastrophe diesen Ausmaßes vorbereitet. Auch nicht die Caritas.“ Mit einem Budget von rund zwei Millionen Euro unterstützt die katholische Hilfsorganisation rund 50 000 besonders bedürftige Binnenflüchtlinge mit Geld, Lebensmitteln, Kleidung, Hygieneartikeln und psychosozialer Betreuung. Ansonsten ist das Geld knapp im Land: „Die ukrainische Regierung konzentriert sich auf die teure Verteidigung ihres Landes“, sagt der Caritas-Mann. Ministerpräsident Arseni Jazenjuk sagte nach dem jüngsten Treffen mit Bundesaußenminister Steinmeier, jeder Tag des Konflikts „kostet uns fünf bis sieben Millionen Dollar“. Die Ukraine habe wegen der anhaltenden Kämpfe bereits 20 Prozent ihrer Wirtschaftskraft eingebüßt – ein Staatsbankrott droht. Derzeit laufen Gespräche mit den Gläubigern des Landes über einen Schuldenschnitt.

Weil der Staat versagt, müssen immer häufiger Organisationen wie die Caritas einspringen. Doch auch die internationalen Helfer wissen nicht, woher sie das Geld für die Versorgung der Kriegsflüchtlinge nehmen sollen. „Von den 316 Millionen Dollar, die wir in diesem Jahr für lebensrettende Maßnahmen in der Ukraine von der internationalen Gemeinschaft erbeten haben, haben wir gerade mal 18 Prozent erhalten“, berichtet Barbara Manzi, die von ihrem Büro in Kiew aus die Humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen in der Ukraine koordiniert. Wenn ihre Mitarbeiter während der Feuerpausen in die zerstörten und weitgehend entvölkerten Städte im Donbass kommen, stellen sie fest, dass es dort an allem fehlt: Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Kleidung. Doch wegen der immer wieder aufflammenden Kämpfe ist die Versorgung der notleidenden Bevölkerung schwierig. Und gefährlich. Da die ukrainische Regierung befürchtet, dass die Hilfslieferungen in den umkämpften Gebieten auch in die Hände der Separatisten fallen könnten, erschwert sie die Versorgung durch hohe bürokratische Auflagen.

Je länger der Krieg währt, desto schlimmer wird die Not, gleichzeitig nimmt die Solidarität ab. Während die ersten Flüchtlinge aus dem Osten mit großer Hilfsbereitschaft aufgenommen wurden, werden die Neuankömmlinge mittlerweile immer häufiger als Konkurrenten um Jobs und erschwingliche Wohnungen wahrgenommen. Doch für die ukrainischen Kirchen ist Barmherzigkeit keine Frage der Kriegsdauer. Im heiligen Himmelfahrts-Kloster von Swjatohirsk haben Mönche mehrere Hundert Flüchtlinge aufgenommen. Und auch Pfarrer Vasyl Ivanjuk ist seit Kriegsbeginn eher Sozialarbeiter als Geistlicher.

Er fährt jetzt mit seinem Lada Niva durchs dunkle Kramatorsk, einer Stadt im Donbass. „Entschuldige, dass ich so schnell fahre. Das habe ich mir im Krieg angewöhnt“, sagt der Kirchenmann. Im Februar schlugen hier mehrere Raketen ein, es gab Tote.

Kramatorsk liegt rund 50 Kilometer von der Front entfernt. 50 Kilometer, auf denen der Priester mit dem Geländewagen schon mehrfach von Separatisten beschossen wurde. Ivanjuk nimmt die gefährliche Fahrt trotzdem regelmäßig auf sich. „Ich möchte die Angst nicht ausnutzen, um für meine Religion zu werben, aber wenn die Soldaten mich darum bitten, dann segne ich sie vor dem Kampf und bete mit ihnen“, sagt der 48-Jährige, der früher selbst als Oberstleutnant in der Roten Armee diente. Er hält beten für sinnvoll und kämpfen für notwendig. Während sein jüngerer Sohn Michail das Priesterseminar besucht, kämpft sein älterer Sohn Alexj in der ukrainischen Armee gegen die Separatisten. „Der eine ist Soldat Gottes, der andere Soldat der Ukraine“, sagt der Geistliche. Stolz ist er auf beide.

Doch immer mehr Ukrainer sagen, dass sie nicht verstünden, worum im Osten des Landes eigentlich gekämpft wird. Nach über einem Jahr Krieg wollen viele nur noch Frieden. Egal zu welchem Preis, egal unter welcher Flagge. Andere wollen weiterkämpfen.

Von Philipp Hedemann

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