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„Das sind Tiere“: Selenskyj gibt emotionalen Einblick in Kiew-Alltag - und zeigt sich plötzlich kompromissbereit

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Von: Tom Offinger

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj widersetzt sich eindrucksvoll gegen die russischen Invasoren. In einem emotionalen Interview schildert er seine Eindrücke und die Rolle seiner Familie.

Kiew/München - Seit dem 24. Februar kennt ihn fast jedes Kind: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, eigentlich ein gelernter Schauspieler und Regisseur, stieg in Folge des russischen Angriffs im Ukraine-Konflikt zum starken Staatsmann auf, der lieber in seinem umkämpften Land verweilt, als von den USA in Sicherheit geflogen zu werden. Seit drei Wochen harrt der 44-Jährige in Kiew aus und erlebt dabei die Schrecken des Krieges hautnah. In verschiedenen Interviews gewährt Selenskyj einen Einblick in seine Gefühlswelt und den Alltag als Feind Russlands.

Wolodymyr Selenskyj: Verlassen von Kiew keine Option

„Ich mache das für meine Kinder und meine Enkelkinder. Ich möchte kein Schwächling sein“, unterstreicht der 44-Jährige zu Beginn eines aufgezeichneten Interviews mit Bild.TV. Das olivfarbene T-Shirt, welches in den vergangenen Tagen zu seinem Markenzeichen wurde, trägt er auch heute. Auch mit der sich zuspitzenden Situation rund um die Hauptstadt Kiew denkt Selenskyj nicht an eine Flucht: „Ich habe auch meine Pflichten als Präsident. Ich muss da sein, wo mein Volk ist.“

Angesprochen auf die Reaktionen und Maßnahmen der deutschen Regierung hielt sich Selenskyj merklich zurück. Er wolle nicht zu früh über das Handeln von Bundeskanzler Olaf Scholz urteilen, dies wolle er erst nach Ende des Krieges tun. „Wir sehen ja einige Schritte, mit denen uns Deutschland unterstützt – Nord Stream 2, Sanktionen und so weiter. Wir sehen, was Deutschland macht.“ Dennoch sei jeder Augenblick jetzt entscheidend, betonte der 44-Jährige: „Für uns ist jede Minute wertvoll, in jeder Minute können Menschen sterben.“

Wolodymyr Selenskyj: Deutliche Worte an russische Kämpfer und an die EU

Die allgemeine Kriegssituation beängstige ihn nicht, gab Selenskyj klar zu verstehen. „Ich habe keine Angst. Wovor auch? Ich darf keine Angst haben, ich bleibe ruhig“, versicherte er wiederholt. „Das schlimmste was passieren könnte, ist schon passiert. Wir haben einen Krieg, Russland gegen die Ukraine. So viele Menschen sind schon gefallen. Das Land wurde zerstört.“ Die Hoffnung habe er dennoch nicht verloren, er und seine ukrainischen Landsleute glaubten weiterhin an die Zukunft. „Wir werden nicht aufgeben, wir werden unser Land nicht verkaufen.“

Die russischen Raketenangriffe auf das Kinderkrankenhaus in Mariupol verurteilte er auf‘s Schärfste: „Das sind Tiere, die so etwas veranlassen.“ Angesprochen auf die Wut in Deutschland, ob der gestiegenen Benzin- und Gaspreise, fand er nicht minder deutliche Worte: „Es gibt bestimmte Werte, die man sehr schwer erklären kann, bis man im eigenen Land einen Krieg hat.“ Das wahre Glück sei nur das Leben selbst, so Selenskyj: „Wir sterben auch für ihre Freiheit.“ Der stockende Aufnahmeprozess in die Europäische Union sorge in der Ukraine ebenfalls für wenig Verständnis. „Die Regierungen, die unsere Mitgliedschaft in der EU nicht unterstützen, weisen auf Reformen hin, die noch passieren müssen. Sie betrachten uns nicht als gleichwertig.“

Friedensverhandlungen mit Russland: Kompromisse von beiden Seiten nötig

In jeder Verhandlung ist es mein Ziel, den Krieg mit Russland zu beenden“, gab Selenskyj zu verstehen. „Dafür bin ich bereit auf gewisse Kompromisse einzugehen, aber diese dürfen nicht der Verrat meines Landes sein. Genauso muss die Gegenseite für Kompromisse bereit sein.“ Verhandeln könnten allerdings nur die beiden Staatspräsidenten direkt, verdeutlichte der 44-Jährige, nicht Repräsentanten.

Zum Ende kam Selenskyj noch einmal auf seine Familie zu sprechen: Seine Frau und Kinder, die die Hauptstadt bereits verlassen haben, stehen ihm zur Seite. „Meine Kinder sagen, ich soll hier bleiben. Sie sollen ihre wunderschöne Kindheit nicht dafür verschwenden, ihren Vater zu überreden, das eigene Land zu verlassen.“, sagte er sichtlich bewegt.

Wolodymyr Selenskyj: Das Leben als Russlands Staatsfeind Nummer 1

Auch in einem Gespräch mit der Zeit ließ der 44-Jährige tief blicken. „Ich schlafe sehr wenig, trinke extrem viel Kaffee und führe sehr viele Gespräche“, beschrieb er seinen Alltag als Russlands Staatsfeind Nummer 1. Sein persönlich bester Schutz sei die Nähe zu seinem Volk, führte er weiter aus. „Wenn die Ukraine bei dir ist, fühlst du dich sicher. Dies ist ein Grundsatz, von dem sich viele im Westen etwas abschauen sollten.“ Russlands Einmarsch habe ihn nicht überrascht, das brutale Vorgehen hingegen schon.

Einen Atomkrieg, wie Putin ihn ins Spiel brachte, hält er hingegen für abwegig. „Es ist eine Sache, ein Mörder zu sein. Ein Selbstmörder ist eine andere Sache.“ Letztlich werde der Hunger des russischen Präsident nicht durch die Ukraine gestillt sein, befand Selenskyj. Auch Moldawien, Georgien, das Baltikum und auch Polen seien bedroht. „Er will Europa auseinanderreißen, genau wie die Ukraine.“ (to)

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