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Zurückgelassene Dokumente geben tiefen Einblick in den maroden Zustand der russischen Armee

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Von: Bettina Menzel

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Ein Reservist der russischen Armee in einem russischen Camp an der Frontlinie in der Volksrepublik Lugansk (Symbolbild). © IMAGO/Stanislav Krasilnikov/ITAR-TASS

Zurückgelassene Dokumente der russischen Armee zeichnen ein marodes Bild der Truppe, das auf eine niedrige Moral und eine deutlich geschwächte Kampfkraft hindeutet.

Balaklija  - Die russische Armee hat im Ukraine-Krieg offenkundig Probleme mit der Moral und Führung. Bei ihrem Rückzug aus der Region Charkiw hinterließen russische Streitkräfte in einem Gefechtsstand in der Stadt Balaklija offenbar Dokumente. Eine Analyse dieser Aufzeichnungen durch die Nachrichtenagentur Reuters gibt nun Details über den augenscheinlich maroden Zustand der russischen Truppen preis. Demnach kämpfte die Armee teils mit nur 20 Prozent ihrer Truppenstärke.

Zurückgelassene Dokumente in verlassenem Gefechtsstand geben Einblick in russische Truppen

Den Dokumenten zufolge waren die bei Balaklija stationierten russischen Einheiten stark unterbesetzt. Ein Kampfbataillon war nur zu 19,6 Prozent und eine Reserveeinheit nur zu 23 Prozent einsatzbereit. Zwei Einheiten, die insgesamt ein Sechstel der russischen Streitkräfte darstellten, hätten demnach nur mit 20 Prozent ihrer Stärke agiert. Einem Soldaten sei offenbar ausdrücklich untersagt worden, sich aus einer unhaltbaren Position in dem kleinen Dorf Hrakove zurückzuziehen.

„Die Untersuchung ergab, dass die niedrige Moral, die schlechte Logistik und die übermächtigen Kommandeure zur schlechten Leistung der russischen Streitkräfte beitrugen“, analysierten die US-Kriegsexperten des Institute for the Study of War (ISW) am Donnerstag unter Bezugnahme auf den Reuters-Report. Die ISW-Experten sehen ihre vorherigen Einschätzungen über den Zustand der russischen Militärs bestätigt, wonach Russland seit Sommer 2022 weitestgehend an Offensivkraft verloren habe. Die Moral in der Truppe sei darüber hinaus sehr niedrig.

Zudem hätten Störsender oft nicht funktioniert und Drohnen seien von nicht ausreichend geschulten Soldaten geflogen worden, so die Reuters-Analyse der Dokumetne weiter. Diese Schilderung deckt sich mit einem Bericht der New York Times, wonach iranische Ausbilder auf die Krim geschickt wurden, um russische Soldaten im Umgang mit den iranischen Shahed-136-Drohnen zu schulen. Auch die US-Zeitung berichtete von Bedienfehlern des russischen Personals. Ukrainische Truppen üben in der Oblast Charkiw indes weiterhin Druck auf Russland aus.

Bericht über niedrige Moral bei russischen Truppen kein Einzelfall

Zwar handelt es sich bei der ISW-Analyse um einen Einzelbericht, doch zusammen mit vielen anderen Beschreibungen dieser Art ergibt sich ein Gesamtbild über die Moral in den russischen Truppen. Neben der Anzahl der Soldaten und der Ausrüstung ist die Moral einer der Faktoren, die den sogenannten Gefechtswert einer Armee ausmachen.

Im Zuge der Teilmobilisierung berichteten die ISW-Experten bereits zuvor, dass viele der neuen Rekruten „nachweislich mit einer miserablen Moral in den Krieg eintreten“ würden. Unter anderem war dies der Tatsache geschuldet, dass sich die Rekrutierer nicht an die Kreml-Vorgaben hielten und teils auch Menschen einzogen, die keinerlei Militärerfahrung aufwiesen, Studenten waren oder Vorerkrankungen hatten.

Militärexperten gehen davon aus, dass vielen russischen Soldaten zu Beginn der Invasion nicht bewusst war, dass sie in einen Kriegseinsatz ziehen. Von einer militärischen Übung bogen sie offenbar in die Ukraine ab. Die russischen Truppen wurden dort vom Widerstand der Bevölkerung überrascht, die nicht „befreit“ werden wollte. Meldungen über die schlechte Führung und niedrige Moral der russischen Truppen ziehen sich wie ein roter Faden durch die Berichte seit Beginn des Krieges.

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