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Reicher Wüstenzwerg: Katar, auf dem Bild eine verschleierte Frau vor der Skyline von Doha, hat das größte Pro-Kopf-Einkommen der Welt. 

Krise im Nahen Osten

Katar, das einsame Emirat

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    Stefan Sessler
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Das Land Katar im Osten der Arabischen Halbinsel ist nur halb so groß wie Hessen – doch Erdöl und Erdgas machen es zu einem der reichsten der Welt. Seit Montag jedoch steht Katar im Nahen Osten völlig isoliert da. Was sind die Folgen?

München/Doha – Im Sitzen nie die Beine kreuzen, und auf gar keinen Fall die Fußsohlen herzeigen. Wird Tee, Kaffee, Wasser angeboten, und das passiert bei jeder Einladung automatisch, einfach „Ja“ sagen, auch ohne Durst. Und wer sich im Hotel einen Rausch angedudelt hat, geht besser nicht mehr vor die Tür.

Das ist nur ein kleiner Auszug aus einer Art Gebrauchsanweisung für Katar: Das Außenwirtschaftszentrum Bayern hat auf 58 Seiten Tipps zum Geschäftemachen mit dem Mini-Land auf der Arabischen Halbinsel gesammelt. Katar hat viele Regeln – aber auch viel Geld. Deshalb dürften deutsche Firmen aufmerksam beobachten, was gerade in dem Wüstenstaat passiert. Und Fußballfans fragen sich: Soll dort tatsächlich die WM 2022 stattfinden?

Die Grenzen nach Katar sind dicht

Seit Montag steht Katar im Zentrum einer massiven diplomatischen Krise im Nahen Osten. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Ägypten und der Jemen hatten alle diplomatischen Kontakte zu Katar abgebrochen. Die Grenzen sind dicht. Damit ist das Golf-Emirat isoliert. Der Vorwurf: Finanzierung des internationalen Terrorismus.

Die Menschen in dem dank seiner Erdöl- und Erdgasvorkommen extrem reichen Land drängen in die Supermärkte, füllen Einkaufswagen bis obenhin mit Wasser und haltbaren Lebensmitteln. Am Flughafen in Doha stranden Passagiere, weil die staatliche Qatar Airways den Flugverkehr zu wichtigen Nachbarländern eingestellt hat. Andererseits haben auch die Nachbarn ihre Airports für Flüge aus Doha gesperrt. Das spüren auch Reisende aus dem Westen: Qatar Airways bedient über sein Drehkreuz in Doha zahlreiche Verbindungen von Europa zu Zielen im Nahen Osten, aber auch in Asien, Ozeanien und Afrika. Eine Reihe deutscher Flughäfen wird angeflogen: München, Frankfurt, Berlin und Düsseldorf.

Hamsterkäufe in einem Supermarkt in Doha.

Wie kam es zum Streit der Nachbarn? 

Wie kam es zum arabischen Nachbarschaftsstreit? Die anderen Staaten beschuldigen Katar, Terrororganisationen wie den sunnitischen Islamischen Staat (IS) zu unterstützen. IS-Unterstützer finden sich zwar überall in der Region, allerdings gilt Katar als besonders böser Bube – italienische Wissenschaftler haben das 2014 sogar mit einer Studie belegt. Ergebnis: In keinem Land ist die Zustimmung für den Islamischen Staat so groß wie in Katar. Die Studie ergab, dass knapp die Hälfte aller Twitter- und Facebook-Nachrichten aus dem Land, die sich um den IS drehen, Sympathien für die selbst ernannten Gotteskrieger erkennen lassen. Zum Vergleich: In Saudi-Arabien waren es 19,8 Prozent, in der Türkei 22 Prozent, in Deutschland knapp 16 Prozent. Untersucht wurden zwei Millionen Nachrichten, alle auf Arabisch.

Schon Ende 2015 hatte Saudi-Arabien eine Militärallianz zahlreicher islamischer Staaten geschmiedet. Die neue Krise begann jetzt, nachdem sich Katars Emir Tamim bin Hamad Al Thani vor einigen Wochen angeblich positiv über Irans stabilisierende Rolle in der Region geäußert hatte. Der schiitische Iran gilt für das sunnitische Königreich Saudi-Arabien als Erzrivale. Alarmiert sind die Herrscher in Riad nicht zuletzt, weil sie einen Aufstand der benachteiligten schiitischen Minderheit im Osten des Landes fürchtet, dort also, wo wichtige Ölvorräte liegen. Auch das Gipfeltreffen der Golfstaaten mit US-Präsident Donald Trump in Riad vor knapp drei Wochen nutzte König Salman für eine Schimpftirade gegen den Iran. In die stimmte Trump, den seine erste Auslandsreise als Präsident nach Saudi-Arabien führte, lautstark ein: Er wetterte gegen den Iran und versprach den Saudis Waffengeschäfte in Milliardenhöhe.

Katars Emir Scheich Tamim bin Hamad Al Thani.

Katars Außenminister sagte im Gespräch mit dem arabischen Sender Al-Dschasira, er könne sich die Eskalation nicht erklären: „Wir wissen nicht, ob echte Gründe hinter dieser Krise stecken oder versteckte Gründe, die wir nicht kennen.“ Sein Land sei einer beispiellosen Medienkampagne ausgesetzt, die Lügen verbreite und Katar beleidige. Sein VAE-Kollege Anwar Karkasch wiederum twitterte, der Konflikt könne nur gelöst werden, wenn sich Katars provozierende Politik ändere.

In Europa ist Katar bekannt für schlechte Schlagzeilen, vor allem in Verbindung mit Fußball. Die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an den Wüstenstaat hat für viele Fußballfans einen faden Beigeschmack. Weil es in dem Land im Sommer so heiß ist, wird das wichtigste Turnier des Weltfußballs erstmals im Winter stattfinden. Finale: am 18. Dezember 2022. Und auch die verheerenden Arbeitsbedingungen der Wanderarbeiter aus Nepal und Indien, die die Stadien fertigstellen, sind immer wieder Thema. Franz Beckenbauers Ausspruch, er habe „noch keinen einzigen Sklaven in Katar gesehen“, ist inzwischen fast ein geflügeltes Wort.

Der FC Bayern will die Situation nicht kommentieren

Der FC Bayern fliegt seit sechs Jahren jeden Winter zum Trainingslager in den Wüstenstaat – meist begleitet von Kritik durch Menschenrechtsorganisationen. Umstritten ist auch der Sponsorenvertrag mit dem Doha Airport, den der Verein seit Januar 2016 hält – deshalb wirbt der katarische Flughafen auf der Bande der Allianz Arena. Die aktuelle politische Situation will der Verein gestern nicht kommentieren. Allerdings teilt ein Sprecher mit, dass sich der FC Bayern in der Vorbereitung dieses Sponsorenvertrages „auch auf Einschätzungen der Bundesregierung verlassen“ habe. Die Auskunft, die man 2016 vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier bekommen habe: „Gegen eine Geschäftsbeziehung zwischen Bayern München und einem katarischen Unternehmen sei aus ,außenpolitischer Sicht nichts einzuwenden‘.“ Man stehe jetzt im Kontakt mit der Bundesregierung.

WM-Austragungsort 2022: das Fußballstadion in Doha.

Im diplomatischen Konflikt will Trump vermitteln. Ein Drahtseilakt: Wie Saudi-Arabien und Ägypten ist auch Katar ein Verbündeter der USA und gehört zur Anti-IS-Koalition. In Katar befindet sich der größte Militärstützpunkt der USA in der Region, auf der Luftwaffenbasis Al-Udeid sind mehr als 10 000 US-Soldaten stationiert. Das Pentagon betonte am Dienstag zwar, es gebe keinerlei Pläne, etwas an der Präsenz in Katar zu ändern. Für Irritationen bei den Katarern dürfte aber ein Tweet Trumps von gestern sorgen: Der Gipfel mit arabischen Staats- und Regierungschefs zahle sich aus, erklärte er. „Sie haben gesagt, dass sie eine harte Linie einnehmen werden, was die Finanzierung von Terrorismus angeht, und alle Hinweise deuteten auf Katar“, schrieb er weiter. „Vielleicht wird das der Anfang vom Ende des Terrorhorrors sein.“

Trump erwähnte nicht, dass er Katars Emir bei einem Treffen der beiden in Riad als „langjährigen Freund“ gelobt hatte und mit ihm vor allem über den Kauf von „jeder Menge wunderschöner militärischer Ausrüstung“ sprechen wollte. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel kritisiert am Dienstag Trumps Vorgehen deutlich – und springt Katar bei. Eine „solche Trumpisierung des Umgangs“ sei in einer ohnehin krisengeschüttelten Region besonders gefährlich.

Carina Zimniok, Stefan Sessler und Jan Kuhlmann

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