+
„Schluss, Aus, Äpfel, Amen“: Horst Seehofer will sich neu erfinden als Dialogpartner. Macht abgeben will der CSU-Chef aber keinesfalls.

Krisenklausur der CSU

Neun Stunden Gewitter

München - Neuneinhalb Stunden berät die CSU über ihre Fehler und über die ihres Chefs. Sein Machtinstinkt bringt Horst Seehofer mit nur leichten Kratzern durch die Marathon- Debatte. Er lockt, lobt, droht und verzeiht.

Der Mann will einfach nur noch heim. Leichenblass und heiser tritt Horst Seehofer am Abend vor die Kameras. Er blickt starr auf einen Punkt an der Wand, verhaspelt sich, ringt um Namen und Begriffe. Als die Fragen kaum enden, bittet er nur halb im Scherz um Schonung. Neuneinhalb Stunden Dauerdebatte bei der Krisenklausur, weit mehr als intern befürchtet, haben den Chef sichtlich geschlaucht. „Es hat sich vieles heute geglättet“, krächzt er. „Von einem Tribunal kann keine Rede sein.“

Gegen ihn nicht. Gegen seine Kritiker aber auch nur bedingt. Die Sondersitzung des CSU-Vorstands, die wichtigste für Seehofer seit Amtsantritt, löst den Streit nicht auf, schon gar nicht um den Europakurs, dämpft ihn aber. Seehofer gibt sehr wortreich Erklärungen ab. Aus denen kann man mit Geduld und guten Ohren rausfiltern, dass er seinen teils autoritären Führungsstil ein bisschen ändern will. „Reden verbindet und reden stärkt. Ich habe deutlich mehr Zeit für den Dialog.“ Es habe sich „auch bei mir etwas verändert“.

Seehofer zieht für die Sitzung alle Register, ein kleiner Polit-Krimi. Er weiß von Stoibers Sturz 2007, dass stundenlanges Palaver einen Politiker zu Fall bringen kann – auch wenn die Kritiker nicht in der Überzahl sind. In der Landtagsfraktion damals in Kreuth war eine Minderheit gegen Stoiber, vielleicht jeder Dritte. Sie aber nölten so laut, dass er sich des Vertrauens plötzlich nicht mehr sicher sein konnte. Stoiber unterschätzte die Kritik damals. Seehofer wiederholt diesen Fehler nicht. Er zieht schon vorab die Grenze, es gebe heute keinesfalls personelle Konsequenzen.

Den 50 Vorständlern, bei Schnitzel und Klimaanlage in München tagend, lässt er gleich eine neue Infratest-Umfrage präsentieren: 54 Prozent der Bayern seien mit ihm zufrieden, unter den CSU-Wählern 86 Prozent. 50 Prozent der Bayern sind mit der CSU zufrieden. Das klingt alles besser als die fatalen 40,5 Prozent vom Abend der Europawahl am 25. Mai, der Startpunkt der parteiinternen Diskussion.

Vor und in der Sitzung rufen seine Unterstützer zur Geschlossenheit auf. „Wir müssen schon höllisch aufpassen, dass wir nicht mit dem Hintern einreißen, was wir mit den Händen aufgebaut haben“, warnt Ministerin Christine Haderthauer. „Die Bedeutung der Landtagswahl ist übergroß, die hat Seehofer sensationell gewonnen“, wird Innenminister Joachim Herrmann zitiert. „Mit dem heutigen Tag muss Schluss sein mit dem Dahergerede“, sagt Stoiber, so etwas wie 2007 werde sich nie mehr wiederholen. „Ruhig bleiben“, rät der Ehrenvorsitzende Theo Waigel.

Wer als erster ruhig bleiben muss, ist Seehofer. Trotz seiner Vorarbeit läuft das Treffen nicht wie geplant. In mehreren Punkten bremst ihn der Vorstand aus. Er wollte den Zeitplan für seine Nachfolge absegnen lassen: 2016 den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2017 küren, 2017 den/die für die Landtagswahl 2018. Die Kollegen aber wollen das nicht abnicken. Er wollte den Europaplan nochmal zur Abstimmung stellen, eine Art Trotzreaktion – gestandene Abgeordnete sagen in die Kameras, das sei „Unfug“. Es folgt nur eine weiche gemeinsame Feststellung, die Programme seien weiter „Grundlage“.

Seehofer muss improvisieren. Der neue Parteivorstand 2015 wird den Zeitplan zum Machtwechsel bestimmen, sagt er also. Seine Getreuen schicken SMS-Nachrichten in die Welt: „Demonstrativ langer Beifall“. Er selbst stellt klar: Ich gehe erst, wenn ich das will. Wolle ihn jemand als Parteichef stürzen, werde er einen Sonderparteitag einberufen und dort in die Kampfkandidatur gehen, heißt es. Auch als Ministerpräsident mag er keinesfalls vorzeitig abtreten. „Dass ich bis 2018 im Amt bleibe, wird stattfinden“, sagt er. Die Wähler und der Parteitag hätten ihm eine „hohe Legitimation“ gegeben.

Der Satz klingt nach Machtbewusstsein, aber packt auch das Fremdeln zwischen Seehofer und seinen CSU-Kollegen gut in Worte. Seit wann muss ein Parteivorsitzender und Ministerpräsident der eigenen Partei seine Legitimation erklären? Seehofer kann wie kaum ein anderer Politiker der Republik die Stimmung in der Bevölkerung erfühlen, aber in seinem Vorstand versteht er viele einfach nicht. Er hält sie für „Kleinstrategen“. Sie ihn für einen Einzelgänger ohne Prinzipientreue.

Seehofer entkommt kurz vor seinem 65. Geburtstag abgekämpft, aber politisch einigermaßen unbeschadet dem miefigen Sitzungssaal – weil er zwei heikle Situationen gut besteht. Weit über vier Stunden sind schon vorbei, als seine beiden größten Kritiker Markus Ferber und Erwin Huber zu Wort kommen. Beide hatten in Interviews heftige Kritik an Seehofer geäußert. Jetzt treffen sie auf den Chef, den diese Aussagen heftig geärgert haben.

Huber sagt, eine ehrliche Aussprache sei nötig, auch als Signal an den Wähler. Er gibt sich aber betont versöhnlich, spricht vom gemeinsamen Ziel einer „starken CSU vor großen Herausforderungen“.

Härter wird es vorher mit Ferber. „Wenn es ein bisserl schwül wird, hilft ein Gewitter, dann sieht man wieder klar“, kündigt Ferber an, die Blitze aber schlagen bei ihm ein. Er muss sich rechtfertigen für seine Attacken, die CSU setze in Berlin unter Seehofer nichts mehr durch und kapriziere sich auf Randthemen wie Mütterrente und Maut. „Vielleicht ist das ja alles falsch zitiert?“, verspottet ihn Parteivize Barbara Stamm. Ex-General Alexander Dobrindt setzt nach: Wer bei kleinen Schwierigkeiten nicht zusammenstehe, mache der Opposition die Arbeit leicht. Dobrindts süßer Rat an Intimfeind Ferber: Man solle auch mal „die Größe haben, den Mund zu halten“.

Seehofer verliest einen Zettel, den er sich für diesen Tag aufhob: Zitate, wie Ferber den Koalitionsvertrag gelobt habe, vor allem Mütterrente und Maut. Ob Ferber mit seinem eigenen Verhalten zufrieden sein könne? „Ein Massiv-Einlauf“, sagt ein Ohrenzeuge.

Es folgt wohl der Höhepunkt des Treffens: Seehofer vergibt großherzig seinem Kritiker, dreht den Spieß also einfach um. Ferber habe in der Politik ja noch viele Jahre vor sich. Er wolle da als sein Chef nichts weiter unternehmen und „wieder in Freundschaft zusammenarbeiten“, zitieren ihn Zuhörer. Oha – ist das schon der neue Seehofer, der nicht mehr wie der alte über die Kollegen lästert? Er schließt seine Absolution mit den Worten: „Schluss, Aus, Äpfel, Amen.“

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Schleswig-Holstein: Grünen-Parteirat empfiehlt „Jamaika“-Verhandlungen
Der Parteirat der Nord-Grünen hat sich für die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit CDU und FDP für eine neue Landesregierung in Schleswig-Holstein ausgesprochen.
Schleswig-Holstein: Grünen-Parteirat empfiehlt „Jamaika“-Verhandlungen
SPD-Kanzlerkandidat Schulz: Bin ziemlich optimistisch
Der SPD-Vorsitzende Martin Schulz zeigt sich trotz der jüngsten Schlappen bei Landtagswahlen optimistisch, dass seine Partei die Bundestagswahl gewinnen kann.
SPD-Kanzlerkandidat Schulz: Bin ziemlich optimistisch
Merkel in München: Heimspiel in der „Fuchsenstube“
Merkel auf München-Reise, der nächste Versuch. Nach den Pleiten beim CSU-Parteitag und dem Versöhnungstreffen kommt die Kanzlerin zum Treffen der Unions-Fraktionschefs. …
Merkel in München: Heimspiel in der „Fuchsenstube“
Merkel: „Ich hätte sehr gerne Franz Josef Strauß persönlich kennengelernt“
Ob das gut gegangen wäre? Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hätte CSU-Legende Franz Josef Strauß gerne persönlich kennengelernt. Das sagte sie am Montag in München.
Merkel: „Ich hätte sehr gerne Franz Josef Strauß persönlich kennengelernt“

Kommentare