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Die Schweizerin Nora Illi war in der Sendung mit Niqab aufgetreten. Foto: Karlheinz Schindler

Propaganda oder Aufklärung?

Talkshow-Auftritt bei "Anne Will" mit Niqab empört

Eine vollverschleierte Konvertitin tritt bei Anne Will auf und preist die Rolle der Frau im Islam. Reicht das 2016 noch für einen Aufschrei der Empörung? Ja - vor allem dann, wenn der gebürtigen Schweizerin krude Zitate von früher vorgehalten werden.

Berlin (dpa) - Der Auftritt einer vollverschleierten Muslimin in der ARD-Talkshow "Anne Will" hat scharfe Kritik hervorgerufen. Zuschauer und Politiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach hielten Will unter anderem bei Twitter vor, sie habe dem radikalen Islam damit eine Plattform geboten.

Im Zentrum der Empörung stand Nora Illi (32), muslimische Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrates der Schweiz, die am Sonntagabend mit einem Niqab auftrat, der nur einen schmalen Sehschlitz freiließ. Bosbach und der Autor Ahmad Mansour warfen der jungen Frau vor, sie verherrliche den Krieg und verharmlose den IS-Terror.

Sie bezogen sich dabei auf einen Essay Illis, in dem sie Verständnis für junge Muslime äußert, die sich diskriminiert fühlen und deshalb in den Krieg nach Syrien ziehen. Eine solche Überzeugung müsse "als Zivilcourage" gelobt werden, schrieb Illi 2014. In Syrien selbst werde Teenagern jedoch bald klar, dass der Krieg "eine bitterharte Langzeitprüfung mit ständigen Hochs und Tiefs" sei.

Die Zitate wurden in der Sendung von der Redaktion eingeblendet. Mansour kritisierte die Ausstrahlung: "Das kann man in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht machen. Das ist offene Kriegspropaganda." Auch Bosbach sagte: "Das geht gar nicht."

Thema der Sendung war, warum sich Jugendliche radikalisieren. Illi schrieb heute bei Facebook, es sei ihr mit ihrem Essay 2014 keinesfalls darum gegangen, auf irgendeine Art für Reisen in den Dschihad zu werben.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Sebastian Steineke twitterte nach der Sendung: "Dass man im Fernsehen dem radikalen Islam eine solche Plattform bietet, finde ich abenteuerlich!" Und die frühere baden-württembergische Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) kommentierte: "Zustimmung. Provokation. Und Quote. Morgen redet jeder darüber. Medienkrise zu Zeiten von Talkshow-Overkill..."

Die ARD verteidigte die Einladung der Frau in die Talkshow. Sie sei sorgfältig abgewogen worden, teilte die verantwortliche NDR-Redakteurin Juliane von Schwerin mit. "Die umstrittene Haltung von Frau Illi zum Beispiel zur Problematik der Ausreise von Jugendlichen nach Syrien ist deutlich zutage getreten und heftig debattiert worden." Die Zusammensetzung der Diskussionsrunde habe zu einer "angemessenen wie notwendigen Auseinandersetzung" geführt.

Illi verteidigte auch ihren Niqab. "Für mich bedeutet das erstens Selbstbestimmung und zweitens auch Freiheit", sagte sie in der Talkshow. Frauen hätten im Islam viele Rechte und Möglichkeiten, sich auszuleben. "Wir müssen den Spagat zwischen Karriere-Frau und Familien-Frau, dem andere Frauen ausgesetzt sind, weniger machen." Im Islam könne sie selbst bestimmen, ob sie ein Kopftuch trage, das Gesicht verschleiere oder wie sie leben wolle. "Sie tragen ein politisches Symbol", konterte Mansour. Illi dagegen betonte, mit Verboten wie einem Verschleierungsverbot würden Muslime aus der Gesellschaft ausgeschlossen und in die Radikalisierung getrieben.

Bosbach verteidigte seine Teilnahme an der Anne-Will-Sendung. "Sitzen bleiben und argumentieren ist die bessere Form des Protests", sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Ausgewählte Tweets zur Sendung

Umstrittener Essay von Nora Illi

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