„Gefahr durch Friendly Fire“: Bundeswehr-Geheimpapier enthüllt wohl heftige Kritik an Ukraine-Armee
Die Ukraine-Offensive gegen die russische Armee ist vielerorts quasi wieder zum Stehen gekommen. Aus Deutschland gibt es offenbar brisante Kritik.
München/Berlin - Die russische Armee hat offenbar größere Truppenteile von Mariupol aus nach Berdjansk im äußersten Süden der Ukraine verlegt. Womöglich, um die Großstadt mit ihren rund 115.000 Einwohnern gegen einen möglichen größeren Durchbruch der Ukrainer abzusichern.
Ukraine-Offensive: Harsche Kritik aus Reihen der deutschen Bundeswehr
Solche Truppenbewegungen der Russen sind erstmal positiv für Kiew, weil es zeigt, dass Moskau wohl nervös ist, mit Blick auf einen eventuellen Zusammenbruch seiner eigenen Verteidigungslinien oberhalb der Küsten des Asowschen Meeres. Von diesen aus wäre schließlich auch die Krim in Reichweite der im Ukraine-Krieg vom Westen gelieferten Langstreckenraketen.
Aber: Vielerorts stockt die ukrainische Offensive, was die Regierung in Kiew auch nicht verneint. Weswegen es nun wohl harsche Kritik von Seiten der deutschen Bundeswehr gibt. Die Bild berichtet von einem angeblichen Geheimpapier, in dem Einsatztaktiken sowie eine angebliche Sturheit von Kommandeuren angeprangert werden.

„Die eigenen Truppenteile werden teilweise so kleinteilig aufgeteilt, dass zwar jeder Truppenteil etwas macht, aber eine gemeinsame Gefechtsführung nicht erkennbar ist“, heißt es aus dem internen Schreiben der deutschen Streitkräfte, das der Bild vorliegen soll. Dadurch steige nicht nur „die Gefahr durch Friendly Fire, sondern die Manöverelemente fehlen dann im Schwerpunkt, um das eigene Momentum aufzubauen oder Feuerüberlegenheit herzustellen“. Mit „Friendly Fire“ ist in der Militärsprache der versehentliche Beschuss durch eigene Truppen gemeint, zum Beispiel durch entfernte Artillerie, die nicht ausreichend Überblick hat.
Ukraine-Offensive: Bundeswehr stellt Taktiken Kiews infrage
Die Bundeswehr kritisiert demnach, dass die Ukraine ihre Soldaten in kleinen Gruppen von teils nur ein paar Dutzend Soldaten angreifen lässt. So verfliege der mutmaßliche Vorteil durch moderne westliche Waffen und durch die größere Mannstärke. Hinweise, die diese Einschätzung belegen, gibt es etliche. Etwa Videos bei Twitter unter den Hashtags #Bachmut oder #Bakhmut, die wiederholt zeigen, wie beispielsweise ein einzelner Trupp ukrainischer Soldaten versucht, mit einem einzelnen Schützenpanzer eine russische Stellung einzunehmen.
Die eigenen Truppenteile werden teilweise so kleinteilig aufgeteilt, dass zwar jeder Truppenteil etwas macht, aber eine gemeinsame Gefechtsführung nicht erkennbar ist.
Für viel Aufsehen hatten die hohen ukrainischen Verluste an westlichen Panzern zu Beginn der Gegenoffensive gesorgt, was Moskau seinerseits per Video dokumentieren und bei Telegram sowie in anderen Sozialen Netzwerken verbreiten ließ, während der Kreml nun wohl sogar Getreidedepots an der rumänisch-ukrainischen Grenze bombardieren lässt.
Ukraine-Offensive: Hohe Verluste an gelieferten westlichen Panzern
Allein beim Dorf Mala Tokmatschka wenige Kilometer nördlich von Robotyne soll die ukrainische Armee in einem großen Minenfeld am 8. Juni insgesamt 25 Minenräumer und Panzer verloren haben, einschließlich sieben gelieferten Leopard-2-Panzern, schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ). Im Kampf gegen die Minen forderte Walerij Saluschnyj, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, im Interview mit der Washington Post (WP) deshalb mehr M58 Mine Clearing Line Charge (MICLIC)-Systeme. Laut New York Times (NYT) haben die Ukrainer im Süden ihres Landes nur rund acht der anvisierten 100 Kilometer bis ans Asowsche Meer zurückgelegt, wo neben Berdjansk die Großstadt Melitopol (rund 150.000 Einwohner) als Verkehrsknotenpunkt das Ziel der Offensive sein soll. Doch davon sind die ukrainischen Streitkräfte aktuell weit entfernt.
Markant: Laut Bild führt die Bundeswehr das nicht auf „individuelle Fehler oder Mängeln der meist in Deutschland abgehaltenen Ausbildung durch die USA und andere Armeen“ zurück, sondern schreibt Rückschläge der „ukrainischen Einsatzdoktrin“ zu. Mit anderen Worten: Wer vom Westen ausgebildet wurde, liefere angeblich eine bessere militärische Arbeit. Dem gegenüber stünde eine angebliche Sturheit der Kommandeure, die zum Beispiel nicht für die Fortbildung ins oberpfälzische Grafenwöhr geschickt wurden. Grundsätze der westlichen Ausbildung würden teils gar nicht verinnerlicht, heißt es in dem Bundeswehr-Papier demnach.
Ukraine-Offensive: Sture Kommandeure im Kampf gegen die russische Armee?
Aus diesem wird zitiert: „In vielen Fällen wurde festgestellt, dass Soldaten ohne jüngere Kampf- oder Militärerfahrung durch die erhaltene militärische Ausbildungsunterstützung größere Ausbildungserfolge erzielen, als vermeintlich erfahrene und ausgebildete Soldaten.“ In Deutschland ausgebildete ukrainische Soldaten hätten „die Einsatzgrundsätze von Feuer und Bewegung“ gut verstanden. Für die älteren Offiziere gelte das nicht. (pm)



