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Kundus-Affäre: Taliban wollten Bundeswehrfeldlager stürmen

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Die Attacke am 4. September hatte die Bundeswehr befohlen - unter anderem, um mehrere Taliban-Führer zu töten. Doch waren auch Zivilisten gestorben. © dpa

Berlin - Neue Details in der Kundus-Affäre: Die Taliban sollen einen Sturm auf die Bundeswehr geplant haben. Laut eines Medienberichts sei zudem Kanzlerin Merkel vom Verteidigungsministerium zu spät informiert worden.

Das Verteidigungsministerium hat nach Informationen der “Süddeutschen Zeitung“ Bundeskanzlerin Angela Merkel mit vier Tagen Verzögerung die Berichte über den Kundus-Luftschlag weitergeleitet. Der erste ISAF-Bericht und die Angaben des deutschen Kommandeurs Georg Klein seien zwar am 6. September im Verteidigungsministerium eingetroffen, allerdings erst am 10. September an das Kanzleramt weitergeleitet worden, heißt es in einer Vorabmeldung der Zeitung.

Der blutige Angriff in Kundus

Merkel hatte am 8. September, vier Tage nach dem Bombardement, eine Regierungserklärung zu dem Thema abgegeben. Das Bundeskanzleramt habe sich internen

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Dokumenten zufolge bereits frühzeitig wegen der schlechten Unterrichtung durch das Verteidigungsministerium beklagt, berichtete die “SZ“. Die Ministerien seien allerdings nicht verpflichtet, dem Kanzleramt fachlich Bericht zu erstatten. Für Mittwoch ist eine Aktuelle Stunde im Bundestag zu den Vorfällen und der umstrittenen Informationspolitik der Regierung anberaumt, und der Verteidigungsausschuss wird sich als Untersuchungsausschuss zu der Affäre einsetzen.

Taliban sollen Sturm auf Bundeswehr geplant haben

Der deutsche Oberst Georg Klein soll den Luftschlag in Kundus unter dem Eindruck von Geheimdienstinformationen über Pläne der Taliban zur Erstürmung des Bundeswehrfeldlagers befohlen haben. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin haben der Bundesnachrichtendienst (BND) und das Kommando Spezialkräfte der Bundeswehr (KSK) in den Wochen vor dem Luftangriff in Nordafghanistan einen Drei-Stufen-Plan der Taliban aufgedeckt. Die Recherchen sollen in der Bundesregierung bekannt gewesen sein.

Klein sei davon ausgegangen, dass die radikalislamischen Taliban am Abend des 3. September ihren Plan mit der Entführung der Tanklastwagen in die Tat umsetzen wollten. Nach Mitternacht am 4. September gab er den Befehl zum Luftangriff. Bis zu 142 Menschen starben oder wurden verletzt, darunter viele Zivilisten. Bei der Anweisung von US-Kampfjets zur Bombardierung soll Klein gegen Regeln der internationalen Schutztruppe ISAF verstoßen haben. So soll er wahrheitswidrig angegeben haben, dass eigene Truppen Feindberührung hätten. Deutsche Soldaten waren aber nicht in der Nähe.

Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

Nach den Geheimdienstinformationen hätten die Aufständischen mit Tanklastwagen den ersten Ring des Feldlagers sprengen wollen. Danach hätten Selbstmordattentäter in Kleinwagen den zweiten Ring brechen sollen. Im dritten Schritt hätten viele Dutzend bewaffnete Kämpfer dann in das Feldlager eindringen sollen. Mit dem Angriff hätten die Taliban eine spektakuläre Wirkung wie mit der Erstürmung eines Gefängnisses 2008 in Südafghanistan erzielen wollen. BND und KSK hätten die Rekrutierung von Selbstmordattentätern in der Region und Bewegungen größerer Gruppen bewaffneter Taliban beobachtet.

Mit der Kaperung der dann in einem Flussbett steckengebliebenen Tanklaster und Informationen, dass dort vier führende Taliban seien, habe Klein den Angriffsplan erfüllt gesehen. Für die Bundeswehr habe sich die Frage gestellt, wie der Plan vereitelt werden könne, wenn die Tanklaster wieder fahrbereit gemacht und in das nächste Dorf gelenkt worden wären. Eine Bombardierung in einem Dorf sei ausgeschlossen worden. Klein habe außerdem berücksichtigen müssen, dass ein Teil seiner Soldaten in anderen Gefechten und das Feldlager dadurch verwundbarer gewesen sei.

Ausschuss soll Kundus-Affäre untersuchen

In der Bundeswehr heißt es, “militärisch-taktisch sei der Angriff ein Erfolg, strategisch aber ein Desaster“. Der Afghanistan-Einsatz habe durch die hohe Zahl der Toten national und international Schaden genommen und belaste darüber hinaus das Verhältnis von Deutschland zu Bündnispartnern. Im Nachhinein sei eindeutig, dass Klein den Angriffsbefehl in dieser Abwägung nicht hätte geben dürfen. Eine Bewertung im Nachhinein werde aber der von Klein empfundenen Bedrohungslage kaum gerecht. Klein hatte schon im Juni bei einem Besuch des damaligen SPD-Fraktionschefs Peter Struck gesagt, das deutsche Wiederaufbauteam (PRT) sehe sich zunehmend von den Taliban bedroht. Klein damals: “Man muss das sehr ernst nehmen.“

Die Geheimdienstinformationen über den Drei-Stufen-Plan sollten angeblich zum Schutz der Aufklärungsarbeit von BND und KSK nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Zur Aufklärung des tödlichen Luftangriffs in Afghanistan soll heute ein Untersuchungsausschuss eingesetzt werden. Geplant ist, dass sich der Verteidigungsausschuss des Bundestages als Untersuchungsausschuss konstituiert. Als erster soll Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor dem Gremium aussagen.

Der Ausschuss will die Regierung mindestens ein Jahr lang wegen des Luftangriffs auf zwei Tanklaster nahe Kundus in die Zange nehmen.

dpa/ap

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