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Kundus-Geheimbericht im Internet aufgetaucht

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In der Kritik: Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) sitzt am Montag in Hamburg kurz vor Beginn der Aufzeichnung der ARD-Sendung "Beckmann" im Studio. © dpa

München - Das Internet-Portal Wikileaks hat geheime Dokumente der Bundeswehr zur Tanklaster-Bombardierung in Kundus veröffentlicht. Diese enthalten neue, brisante Informationen zum blutigen Angriff.

Die Frage aller Fragen lautet im Moment: Sind die Dokumente echt? "Verschlusssache - Nur für den Dienstgebrauch", steht über dem 40-seitigen Bericht, der laut Datum am 9.September, also nur fünf Tage nach dem Bombenangriff auf zwei Tanklastzüge im afghanischen Kundus, verfasst wurde. Bei diesem Angriff kamen nach aktuellem Kenntnisstand 142 Menschen ums Leben. Unter den Toten sollen neben Taliban-Kämpfern auch 30 bis 40 Zivilisten gewesen sein. 

Unter diesem Link finden Sie den Bericht bei wikileaks: 

Das Verteidigungsministerium wollte sich bislang nicht zu Inhalt oder Echtheit des Dokuments äußern. Das Internetportal wikileaks ist darauf spezialisiert, dass Informanten brisante Daten anonym online stellen können. Daher kann der Urheber der Datei nicht ermittelt werden. Zudem sind auch die Hintermänner des Portals wikileaks unbekannt.

Das steht im geheimen Bericht:

So soll sich der Bombenangriff laut der im Netz veröffentlichen Dokumente zugetragen haben:

Am Abend des. 3. September wurde das deutsche Feldlager in Kundus informiert, dass mutmaßliche Anhänger der Taliban zwei Tanklaster entführt hätten. Um kurz nach 21 Uhr hatten Wachen Schüsse vernommen. Ein deutscher Unteroffizier (Codename "Red Baron 20") meldete um kurz vor Mitternacht, dass die beiden Tanklaster in einer Furt steckengeblieben waren. 

Oberst Klein musste nun das weitere Vorgehen anordnen. Als Grundlage seiner Entscheidung standen ihm nur ein paar Bilder eines B1-Bombers sowie die telefonischen Aussagen eines afghanischen Informanten zur Verfügung. Laut Bericht konnte der Oberst die Koordinierungsstelle OCC-P mehrfach nicht telefonisch erreichen.

Der blutige Angriff in Kundus

Somit hätte er nicht gewusst, ob in der Nähe der Furt verbündete afghanische Soldaten waren, die eventuell die Taliban hätten angreifen können. Trotz der düfitigen Informationen wurden laut Geheimbericht bei einem Angriff zivile Opfer ausgeschlossen. Der Oberst soll den Bombenangriff um 1.35 Uhr befohlen haben. Die amerikanischen Piloten sollen bis zum Abwurf der Bomben weniger aggressive Maßnahmen vorgeschlagen haben.

Im Bericht wird auch moniert, dass weder das Hauptquartier der Bundeswehr in Afghanistan noch der Rechtsberater-Stabsoffizier eingebunden wurden. Oberst Klein handelte somit auf eigene Faust. Nach dem Bombenangriff dauerte es außerdem etliche Stunden, bis das deutsche Hauptquartier in Camp Marmal vollständig informiert wurde.

Minister Jung und die toten Zivilisten

Im Geheimbericht vom 9. September heßt es auch, dass von den damals bereits bekannten 87 Toten "möglicherweise zehn Zivilpersonen" gewesen seien. Auch an anderer Stelle ist zu lesen, dass der Tod von Unbeteiligten "sehr wahrscheinlich" sei.

Der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) dementierte zu diesem Zeitpunkt (in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs) noch, dass es zivilie Opfer gegeben habe. Kannte Jung den Geheimbericht damals etwa noch nicht?

Bericht: Stammesführer befürworten Bombanangriff

Aus dem Feldjägerbericht geht zudem hervor, dass der intenationalen Schutztruppe ISAF von Seiten der Afghanen keine Vorwürfe wegen des Bombenangriffs gemacht wurden. Zwei afghanische Bezirksführer, die einen Tag nach der Bombardierung befragt werden, befürworteten den Angriff vielmehr. Haji Motashem, der Chef des Bezirks Aliabad (südlich von Kundus) betonte: "Ich respektiere die Aktion und kann sie nur gutheißen." Und weiter: "Leider waren die internationalen Kräfte immer zu nachsichtig mit den Taliban. Das ist das erste Mal, dass sie richtig robust vorgehen."

Was dürfen deutsche Soldaten in Afghanistan?

In einer Befragung durch ISAF-Kräfte äußerte auch der Bezirkschef von Chahar Darreh, Omar Khel,sein Verständnis. "Das PRT (Wiederaufbauteam; Anm. d. Red,) hat leider nicht immer reagiert, wie wir es erwartet hätten. Aber vielleicht beginnt jetzt das richtige Vorgehen gegen die Aufständischen.“

Als sie nach zivilen Opfern befragt wurden,  machten die Bezirksführer widersprüchliche Angaben. Einerseits behaupteten sie, in der Nähe der Tanklaster hätten sich ausschließlich Aufständische befunden. Andererseits sprach Haji Motashem selbst von zehn getöteten Zivilisten.

Berzirkschef: "Das sind alles Taliban"

Omar Khel gab weiter zu Protokoll: "Ich möchte auch keine zivilen Oper, aber warum sind diese Personen dort? Welche unbeteiligte Person hält sich um 22.00 - 02.30 Uhr, 4 - 5 Kilometer von seinem Dorf entfernt auf?" Khel kam zu dem Schluss: "Das sind alles Taliban und ihre Unterstützer." Dem pflichtete Haji Mostashem bei: "Ich wohne hier in der Nähe und ich sage ihnen, das war eine gezielte Versorgung der Unterkommandeure."

So viel steht zu erwarten: Die Debatte über den Angriff in Kundus wird durch die im Internet veröffentlichen Dokumente weiter geschürt.

Falls der Geheimbericht echt ist, stellt sich die Frage: Ab wann kannten Verteidigungsminister Jung (CDU), die Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dessen Inhalt? Und ab wann kannte der aktuelle Verteidigunsgminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der den Angriff noch vor kurzem als "angemessen" bezeichnete, diesen Bericht?

fro

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