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Robert Sommer forschte jahrelang in Archiven. Am Ende wusste der 35-Jährige mehr, als er verarbeiten konnte.

"Am Lagerbordell zeigt sich die Grausamkeit des KZ-Systems"

Im zweiten Teil des Interviews erklärt Robert Sommer, warum die Erinnerungsarbeit Lagerbordelle lange ausklammert hat und Zwangsprostituierte bis heute nicht entschädigt worden sind.

Können Sie sich erklären, warum die Erinnerungsarbeit Lagerbordelle bis heute fast gänzlich ausklammert?

Lesen Sie hier:

Interview: Teil eins

Sommer: In der DDR passte das Thema Lagerbordelle nicht in die stark ideologisierte Erinnerungspolitik. So wurde einerseits der Terror der Nazis vermittelt aber ganz besonders der Widerstand der deutsche Kommunisten und Sozialisten unterstrichen. Eine besondere Rolle spielte dabei das KZ Buchenwald. Dort konnte der organisierte Widerstand der Antifaschisten vielen Menschen das Leben retten. Allerdings waren in Buchenwald auch einige der führenden Köpfe der Widerstandsbewegung selbst Bordellbesucher. Das war ein riesiges Problem. Das Thema hätte ihr politisches Gewand als Widerstandskämpfer befleckt.

Und in Westdeutschland?

Sommer: In der Bundesrepublik war Dachau der zentrale Ort des Gedenkens. Dort trieben ehemalige politische Häftlinge die Erinnerungsarbeit voran. Dabei ging es auch um ihre eigene Anerkennung als Opfer. KZ-Bordelle störten im damals sehr vereinfachten Erinnerungsdiskurs.

Sexuelle Zwangsarbeit: Bilder der KZ-Bordelle

Sexuelle Zwangsarbeit in KZ-Bordellen

Hat wirklich gar keine Gedenkstätte das Thema aufgegriffen?

Sommer: Nicht ganz. Im Fall Mittelbau-Dora, wo unter anderem die sogenannten V-2 Waffen hergestellt wurden, passte das Thema sehr gut in den ideologischen Erinnerungsdiskurs der DDR. Dort konnte man sehr gut die Verbindung von Rüstungsindustrie und Nationalsozialismus vermitteln. Das Lagerbordell war dabei eine weitere grausame Facette dieses Komplexes. Nach der Wende wurde das Thema in der pädagogischen Arbeit verstärkt vermittelt. Jugendliche hatten ein großes Interesse an dem Thema. Besonders junge Mädchen waren sehr berührt von dem Schicksal der Frauen. Das zeigt, dass man das Thema sehr gut in die Erinnerungsarbeit integrieren kann.

Gab es eine Entschädigungen für die ausgebeuteten Frauen?

Sommer: Nein, als ehemalige „asoziale“ Häftlinge hatten sie kein Anrecht auf Entschädigung, waren ausgegrenzt und wurden sogar teilweise in beiden deutschen Nachkriegsstaaten weiterverfolgt. Als Opfergruppe hatten sie so keine eigene Stimme. Hinzu kam, dass die Gesellschaft damals für Themen wie sexuelle Gewalt oder sexuelle Ausbeutung noch nicht sensibilisiert war.

War es das Ziel Ihrer Arbeit, das Schicksal der Frauen in das öffentliche Bewusstsein zu rufen?

Sommer: "Es muss an die Opfer der KZ-Bordelle erinnert werden."

Sommer: Es muss an die Opfer der KZ-Bordelle erinnert werden. Nur so kann man ihnen zumindest teilweise ihre Würde wieder geben. Das werden sie wohl kaum mehr persönlich erfahren, denn fast alle Frauen sind verstorben. Mit meiner Arbeit unterstreiche ich auch die politische Forderung nach Anerkennung, Rehabilitierung und Entschädigung aller Zwangsprostituierten der KZ, aber auch anderer „vergessener Opfer“, wie die sogenannten „Asozialen“ oder „Kriminellen“.

Haben Sie Angst, dass Menschen beim Lesen Ihres Buchs einen falschen Eindruck vom Leben der Frauen im Lagerbordell kriegen könnten?

Sommer: Nein. Die Lebensbedingungen im Bordell waren zwar besser, denn die Baracke war beheizt und es gab mehr zu Essen. Somit hatten die Frauen eine reale Überlebenschance. Am Lagerbordell zeigt sich aber auch die Grausamkeit des KZ-Systems. Eine ehemalige Zwangsprostituierte sagte nach dem Krieg aus, dass es besser war, im Lagerbordell zu sein, als jeden Morgen in Bergen-Belsen neben einer Toten aufzuwachen. Ich denke nicht, dass wir heute das Recht haben, so etwas moralisch zu werten.

Das Interview führten: Christoph Seidl und Katrin Woitsch

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