+
Unser Autor Mike Schier.

Merkur-Kommentar

Ein Land in Aufregung: Hysterie verdrängt Sorgen

  • schließen

Man muss schon weit in die deutsche Geschichte zurückgehen, um eine derart aufgeheizte politische Stimmung zu finden. Nicht nur in Clausnitz oder Bautzen verdrängt Hysterie berechtigte Sorgen. Das findet unser Autor Mike Schier.

Nein, auch in Familien, an Stammtischen, auf Leserbriefseiten und Internetforen argumentiert man so harsch und unversöhnlich wie lange nicht. In den ersten Bundesländern überholt die AfD die SPD – zwar ohne substanzielles Programm, aber als Ventil für massiven Frust über die Regierung. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann warnt bereits vor Weimarer Verhältnissen. Zur Erinnerung: Damals erschütterten fast täglich politische Gewalttaten das von Krieg und Armut zerrüttete Land. Die junge, schlecht konzipierte Demokratie, die noch keine Wurzeln geschlagen hatte, wurde zwischen radikalen Linken und Rechten zerrieben.

Vielleicht muss an solche Zustände erinnern, wer nun zur Mäßigung in den Debatten mahnen möchte. Selbst Horst Seehofer ist neulich erschrocken, als sein Spruch von der „Herrschaft des Unrechts“ mit der DDR assoziiert wurde. Doch wer ständig zuspitzt, verzerrt irgendwann die Realität. Tatsächlich geht es Deutschland trotz weltweiter Konflikte, massiver Flüchtlingsströme und einer europäischen Krise erstaunlich gut. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialkassen erwirtschafteten 2015 einen Überschuss von 19,4 Milliarden Euro. Das Armutsrisiko sinkt. Die Arbeitslosenquote ist so niedrig wie seit 1991 nicht mehr. Schon klar: Solche Bilanzen sind durch den Zustrom an Flüchtlingen bedroht. Aber rechtfertigt das Hysterie?

Die Entwicklung ist übrigens kein deutsches Phänomen: In Großbritannien erhält die Brexit-Bewegung Zulauf, obwohl alle objektiven Kriterien gegen einen Austritt aus der EU sprechen. In den USA ist Donald Trump auf dem Vormarsch, in Italien die 5-Sterne-Bewegung. Befeuert durch die Stimmung im Internet setzen sich Politiker an die Spitze der Bewegung. Doch wer nicht nur Beifall einstreichen, sondern Probleme lösen möchte, braucht vor allem eines: kühlen Kopf zum Nachdenken.

Sie erreichen den Autor unter

Mike.Schier@merkur.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Steinmeier verurteilt Aggression im Wahlkampf
In wenigen Tagen wird gewählt. Der Bundespräsident verurteilt Übergriffe und Randale rechter Gruppen. Der Zustand der Gesellschaft macht ihm Sorgen. Die AfD erwähnt er …
Steinmeier verurteilt Aggression im Wahlkampf
Trump-Rede vor der UN: Für seine Verhältnisse sachlich
Donald Trump tritt vor die Vereinten Nationen: Das allein hat Sprengkraft. Seine Rede fällt für Trump-Verhältnisse sachlich aus, auch wenn es ihr nicht an Härte mangelt.
Trump-Rede vor der UN: Für seine Verhältnisse sachlich
Berliner Landgericht nennt Mietpreisbremse verfassungswidrig
Die Mietpreisbremse soll, was der Name sagt: den Anstieg von Mieten begrenzen. Das Berliner Landgericht hält das Instrument für verfassungswidrig. Ändern wird sich aber …
Berliner Landgericht nennt Mietpreisbremse verfassungswidrig
Wer im Rennen um Ministerposten schon jetzt die Nase vorn hat
Spitzenpolitiker stellen sich auf drei mögliche Regierungskoalitionen ein: Schwarz-rot, schwarz-gelb oder schwarz-grün. Wer könnte sich schon bald auf einem …
Wer im Rennen um Ministerposten schon jetzt die Nase vorn hat

Kommentare