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100 Jahre Völkermord an den Armeniern

Das Land der Sehnsucht und des Todes

München – Der Völkermord an den Armeniern jährt sich heuer zum 100. Mal. Die Hinterbliebenen leben auf der ganzen Welt. Der Münchner Fotograf Erol Gurian hat einige getroffen. Hinter jedem seiner Bilder steht eine Geschichte, die mit einer Katastrophe begann.

1918, Kaukasus: Der Armenier Malchas Krmadjian hat Glück. Oder es ist seinem klugen Vater zu verdanken, dass der 13-Jährige nicht sterben muss – wie über eine Million Angehörige seines Volkes. Einige Tage, bevor türkische Horden in seinem Dorf einfallen, die Männer niedermetzeln und die Frauen vergewaltigen, wird er und sein zweijähriger Bruder ins Landesinnere zu einem Müller geschickt. Dort soll Malchas eine Lehre beginnen. Die letzten Worte des Vaters, die er in seinem Leben hört: „Jetzt musst du ein Mann sein und für dein Brot arbeiten.“

Malchas nimmt den kleinen Bruder an die Hand – und geht. Den Vater sehen sie nie wieder. Nachdem die Türken das Dorf verlassen haben, hängt er an einem Baum – die Kehle durchgeschnitten. Doch sein Sohn überlebt.

Seine Enkelin Esther Reed, 46, lebt heute in München. Der Fotograf Erol Gurian hat sie für sein Projekt „Terra ArMEnia“ fotografiert. Ihr Portrait kann man derzeit in der Aspekte Galerie der Münchner Volkshochschule im Gasteig sehen. Genau wie die Portraits von Diaspora-Armeniern aus Paris, Beirut, Los Angeles, Bukarest, den ehemaligen Sowjetrepubliken, Istanbul und Köln.

Das „ME“ im Titel steht im Englischen für „mich“: Gurian, selber Sohn eines Armeniers, hat sich auf die Reise nach den eigenen Wurzeln begeben. Wie viele der von ihm Portraitierten treibt ihn die Sehnsucht, ein kleines bisschen mehr über seine Herkunft zu erfahren. Und die wird immer verbunden sein mit einer der größten Christenverfolgungen der Geschichte.

Aghet, Katastrophe, nennen sie die Armenier und fordern noch heute von den Türken ein angemessenes Gedenken. Die Massaker und Todesmärsche fanden hauptsächlich in den Jahren 1915 und 1916 statt. Männer, Frauen und Kinder wurden wie Vieh zusammengetrieben und in die syrische Wüste geschickt. Vor dem Tod gab es kein Entrinnen, viele verdursteten qualvoll. Davor verschließen die Türken heute noch ihre Augen, sagen die Armenier. Auch wenn Regierungschef Erdogan den Nachkommen jüngst sein Mitleid ausgesprochen hat, den Begriff „Völkermord“ vermeidet er. Das Thema ist noch heute hochpolitisch.

Erol Gurian sitzt in seinem Studio in München am Schreibtisch. Vor ihm steht eine rot lackierte Keksdose – eine Sparbüchse. Die Worte „Terra ArMEnia“ und ein Schlüsselloch hat Gurian in den Deckel gestanzt. „Zu meinem 50. Geburtstag wollte ich von meinen Gästen nur eine kleine Geldspende für mein Projekt“, erzählt er und schüttelt die Dose. Sie war mal voll bis oben hin. Jetzt ist sie leer – und sein Projekt fertig. Dass er sich überhaupt für Armenien interessieren würde, war nicht abzusehen. Sein Vater hat Gurian fast gar nichts über die Vergangenheit und die Aghet erzählt. „Er hat nicht gern darüber gesprochen“, sagt Gurian. Als junger Mann hat er sich selbst auch nicht dafür interessiert. Mit dem Alter, sagt er, habe sich das geändert.

Aber anstatt die Geschichte rund um den Genozid wieder aufzurollen, ging es dem Fotografen um das Hier und Jetzt. Um die Familien, die mit dieser Vergangenheit leben. Um ihre Sehnsucht. Um die Menschen. Um Menschen wie Esther Reed, 46. Sie ist ein herzlicher, lebendiger Mensch. Die Münchnerin fühlt sich Armenien stark verbunden. Auch wenn ihre Mutter bereits in Deutschland geboren wurde. Ihr Vater ist Deutscher. Für Esther hat Erol Gurian den Sewansee fotografiert – einen der größten Hochgebirgsseen der Welt. Das war ihr Herzenswunsch. Die hellblauen Bretterbuden im Vordergrund heben sich effektvoll vom dunklen Wasser ab, am Horizont schlängelt sich eine Gebirgskette – ein Sehnsuchtsort.

Die Stadtführerin war mit ihrem Mann und den Kindern nur einmal in Armenien. Das war 2006. Mit den Verwandten hat sie am Ufer des Sees ein Picknick gemacht. Es waren heitere, glückliche Stunden gewesen. „Obwohl alle so arm sind, hat man bereits am frühen Morgen getanzt“, erinnert sie sich. Das habe ganz ihrem Naturell entsprochen. „Ich habe mich da zum ersten Mal selbst gefunden.“

Mit diesem Erlebnis hat sich für sie ein Kreis geschlossen. Auf ihrem Portraitfoto schaut Esther sinnlich in die Kamera. Haarsträhnen fallen ihr über die Schulter, der Teint ist dunkel. Ihre Mutter Anusch Thiel, 67, die ebenfalls in München wohnt, sagt, sie sehe ihrem Großvater Malchas sehr ähnlich. „Ich hab mich vorher an keinem Ort wohlgefühlt, auch in Deutschland nicht“, sagt Esther. Wo kommst du eigentlich her? Du bist doch keine Deutsche? Fragen, auf die sie schwer eine Antwort geben konnte. Vielleicht am ehesten noch so: Ich habe einen deutschen Pass, aber eine armenische Seele. Dass letztere nicht verkümmert ist, dafür hat ihre Mama gesorgt. „Sie hat uns Kindern ständig von Armenien und unserem Großvater erzählt, unsere Ohren haben schon geraucht“, sagt Esther, lacht und legt ihre Hand auf die Schulter der Mutter.

Sie sitzen am Esstisch von Anusch. Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee, Kekse türmen sich in kleinen Schälchen. „Wir Armenier sind sehr gastfreundlich“, sagt Mama Anusch und stellt auf den einzig freien Platz noch ein Tablett mit Kuchen. Wie die Tochter ist sie sehr lebhaft. Wenn sie erzählt, bewegt sie ihre Hände wie eine Dirigentin. Und die 67-Jährige hat viel zu erzählen. Sie hat sich mit der Geschichte ihres Volkes sehr genau auseinandergesetzt.

Der Leidensweg ihres Vaters, er steht exemplarisch für eine ganze Generation. „Papa war 18 Jahre alt, als er die Tochter des Müllers geheiratet hat“, sagt Anusch, „mit ihr hatte er zehn Kinder.“ Drei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Malchas zum sowjetischen Militär gezwungen. 1941 fällt der Armenier in die Hände der Deutschen. Die stellten ihm ein Ultimatum: „Entweder gehst du ins KZ oder kämpfst auf unserer Seite.“ Er entscheidet sich für die Front und wird damit zum Verräter im eigenen Land, das damals mittlerweile die Kommunisten beherrschen. Er flieht, muss Frau und die zehn Kinder zurücklassen.

Irgendwann gelangt er nach Deutschland. Dort beginnt er ein neues Leben mit einer neuen Familie. Anusch wird geboren. Doch die Schatten der Vergangenheit verfolgen Malchas. An manchen Tagen hat er abends nach der Arbeit nur auf dem Sofa gelegen und an die Decke gestarrt, erzählt die Tochter. Eine Stunde, zwei Stunden. „Papa, wie geht es dir? Was denkst du?“, fragt die kleine Anusch damals. „Ich denke in meine Zuhause“, antwortet Malchas in gebrochenem Deutsch. Und dann hat er angefangen zu erzählen. „Und ich hab’ gebohrt und gebohrt“, sagt Anusch Thiel. Von da an war Armenien auch für sie ein Ort der Sehnsucht.

Vieles im Wohnzimmer der Thiels erinnert an Armenien. Ein Gemälde zeigt den Ararat, der heute auf türkischem Gebiet steht. „Er ist das Symbol aller Armenier“, sagt Anusch, „und es schmerzt, wenn man hört, er sei der höchste Berg der Türkei.“ Unter dem Gemälde steht eine Holzschale mit Tuffsteinen. Die haben ihr Esthers Kinder von der Reise 2006 mitgebracht. „Armenien ist das Land der Steine“, erklärt Anusch, „Ich hab’ fast geschrien vor Freude.“

Esther sieht das Foto, das Erol Gurian von ihr gemacht hat, heute zum ersten Mal. Sie nimmt das Buch zur Ausstellung in die Hand und blättert. Als sie ihr Portrait findet, hält sie die Luft an. Dann schmunzelt sie. „Du siehst toll aus“, sagt ihre Mutter, die neben ihr sitzt. Die Züge von Malchas, sie finden sich auch in ihrem Gesicht. Und heute, 100 Jahre nach dem Völkermord, sitzt sie mit ihrer Mutter am Küchentisch – weil ihr Großvater verschont wurde.

Und Erol Gurian, der Fotograf? Hat er seine Wurzeln gefunden? Das Projekt habe ihn vorangebracht, sagt er. Vielleicht kann er jetzt auch den eigenen Vater besser verstehen. Nur einmal hat er ihn gefragt, warum er als Diaspora-Armenier nie sein Land besucht habe. „Ach, weißt du, es würde mich zu traurig machen“, hat der Vater nur geantwortet.

Gurian hat die Worte nie vergessen. Auch für seinen Vater war Armenien ein Land der Sehnsucht. Eine Sehnsucht, die bei manchen Armeniern noch heute so groß ist, dass sie ihre Seele zerreißt.

Maria Gerhard

Ausstellung

Die Fotos von Erol Gurian sind noch bis zum 25. Mai in der Aspekte Galerie im Gasteig in München zu sehen.

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