+
So demontiert man einen Nazi-Aufmarsch: 2014 hat die Initiative „Wunsiedel ist bunt“ eine Demonstration von Rechtsextremen kurzerhand zum Spendenlauf uminterpretiert

Bürgermedaille 

Landtag ehrt Initiativen gegen Rechts

  • schließen

München - Der Bürgerpreis des Landtags geht heuer vor allem an Initiativen, die sich für Demokratie und gegen rechtes Gedankengut einsetzen. Am Donnerstag wurden die Beteiligten geehrt. Die Veranstaltung: eine Demonstration demokratischer Stärke.

Man kommt an diesem Tag einfach nicht daran vorbei. Kurz bevor der Hauptpreis verliehen wird, bittet Moderator Udo Wachtveitl die Gäste im Senatssaal um eine Schweigeminute. Einige seufzen, wohl aus Unkenntnis darüber, dass der Polizist, der tags zuvor von einem „Reichsbürger“ angeschossen wurde, verstorben ist. „Das belegt, wie wichtig die Arbeit vieler Preisträger von heute ist“, sagt Wachtveitl. Stille.

Es stimmt: Die Ereignisse des Vortags passen auf beklemmende Art zu dieser Veranstaltung. Zwei der Initiativen, die mit dem Bürgerpreis ausgezeichnet werden, arbeiten gegen Rechtsradikalismus, alle Preisträger stärken auf verschiedene Art die Demokratie. Die Jury hatte mit ihrer Auswahl zum 70. Geburtstags der Bayerischen Verfassung ein Zeichen setzen wollen.

Kreativer Protest: Eine Initiative aus Wunsiedel erhält den Sonderpreis.

Eine der wohl aktivsten bayerischen Initiativen gegen Rechts erhält den mit 15 000 Euro dotierten erste Preis: die „Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg“. Sie hat über 300 Mitglieder, darunter zivile Organisationen, Gewerkschaften, Kirchen, Kommunen und kämpft mit Demonstrationen oder Plakataktionen gegen rechtsextreme Umtriebe an – mittlerweile weit über den Großraum Nürnberg hinaus. Die Mitglieder spüren, dass ihre Arbeit an Bedeutung gewinnt. „Wir müssen rechtzeitig handeln“, sagt Erlangens Bürgermeisterin Elisabeth Preuß. „Und wenn wir jetzt nicht handeln, ist rechtzeitig vorbei.“

Münchens früherem Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel spricht das aus tiefstem Herzen. Er, 90 Jahre alt, wortgewaltig, leidenschaftlich, hat kurz zuvor noch mit Moderator Wachtveitl über die Herausforderungen der Demokratie gesprochen. Die, sagt er inbrünstig, dürfe man „keinesfalls bagatellisieren“. Dass manche die Kanzlerin und den Bundespräsidenten als Volksverräter denunzieren, sagt er, „vermittelt mir eine dunkele Ahnung“. Er, der 90-Jährige, ballt die Faust. „Nie wieder. Dafür sind wir alle verantwortlich.“

Es sind ernste Zeiten, was nicht heißt, dass Lachen keine Option ist. Den Sonderpreis – und damit 5000 Euro – bekommt die Initiative „Wunsiedel ist bunt“, die sich seit 15 Jahren mit kreativen Aktionen gegen die Rudolf-Heß-Gedenkmärsche wehrt. 2014 zum Beispiel deklarierte die Gruppe den Nazi-Aufmarsch einfach zum Spendenlauf um, die finsteren Gestalten marschierten an Plakaten mit Aufschriften wie „Wenn der Führer das wüsste“ oder „Im Spendenschritt, Abmarsch“ vorbei. Mit jedem Schritt, den sie taten, floss Geld an die Aussteiger-Organisation Exit.

10 000 Euro kamen zusammen. „Die Auszeichnung ist etwas ganz Starkes“, sagt Jürgen Schödel, Gemeindepfarrer in Wunsiedel. Auch für den diesjährigen Marsch am 12. November haben sie sich etwas ausgedacht. St. Martin spielt eine Rolle – mehr will Schödel nicht verraten. Kleine Stadt, große Ideen.

Der zweite Preis (10 000 Euro) wird in diesem Jahr doppelt vergeben, nämlich an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und an die Cadolzburger Burgfestspiele, deren Musical „Mademoiselle Marie“ vom Massaker der Waffen-SS an den Menschen im französischen Oradour-sur-Glane handelt. Beide Initiativen setzen sich laut Jury für Völkerverständigung ein.

Auch der dritte Preis wird doppelt vergeben: an Radio Lora aus München und das Nürnberger Radio Z. Sie können die je 5000 Euro Preisgeld gut gebrauchen, denn sie werden von Bürgern in ehrenamtlicher Arbeit betrieben.

Dann noch mal Musik von einer Augsburger Band mit dem seltsamen Namen „Swing tanzen verboten“. Er spielt auf auf die während der Nazizeit verpönte Musik an – und er ist ein Statement: Die Rufe von rechts mögen lauter werden, wir tanzen weiter.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

US-Seuchenbehörde muss verbotene Wörter wie "Fötus" meiden
Begriffe wie "Fötus" und Formulierungen wie "auf wissenschaftlicher Grundlage" darf die US-Seuchenbehörde CDC nicht mehr verwenden - zumindest nicht im Zusammenhang mit …
US-Seuchenbehörde muss verbotene Wörter wie "Fötus" meiden
Erster SPD-Landesverband stimmt gegen Sondierungsgespräche
SPD und Union ringen um eine neue Bundesregierung. GroKo ja oder nein? Ist „KoKo“ vom Tisch? Immerhin hat sich die SPD nun geeinigt, Sondierungen aufzunehmen. Alle News …
Erster SPD-Landesverband stimmt gegen Sondierungsgespräche
Europas Rechtspopulisten fordern in Prag Ende der EU
Die Rechtsaußen-Fraktion ENF im Europaparlament hält einen großen Kongress in Prag ab. Der Tagungsort dürfte kein Zufall, sondern ein Signal sein: In Tschechien rechnen …
Europas Rechtspopulisten fordern in Prag Ende der EU
Seehofer als CSU-Vorsitzender bestätigt - Söder zum Spitzenkandidaten gekürt
Horst Seehofer ist als Parteivorsitzender wiedergewählt worden, Markus Söder geht als Spitzenkandidat der Union ins Rennen: alles zum CSU-Parteitag im News-Ticker zum …
Seehofer als CSU-Vorsitzender bestätigt - Söder zum Spitzenkandidaten gekürt

Kommentare