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Kein Anschluss mehr im Landtag: Handy-Gegner und Radlfreund Martin Runge betrieb den Wahlkampf auch von der Telefonsäule aus.

191 fehlende Stimmen

Martin Runge: Und raus bist Du

München/Gröbenzell – Da sitzt man 17 Jahre im Parlament, schreibt Anträge, kämpft gegen S-Bahn-Tunnel und Transrapid. Und dann dies: Rausgeflogen aus dem Parlament, wegen 191 fehlender Stimmen. Grünen-Fraktionschef Martin Runge über das Leben danach.

Am Tag danach ist der Hauptleidtragende etwas irritiert. „Was habt Ihr denn alle?“, stöhnt Martin Runge (55), als man den Handy-Gegner endlich am Festnetz erreicht. Verlieren gehöre zum politischen Geschäft. Um seine beiden Fraktionsmitarbeiter tue es ihm sehr leid, er selber sei gefasst. Jetzt ja kein Joschka-Fischer-Reflex – also kein Totalrückzug aus der Politik. „Ich bleibe politisch denkend und handelnd.“

Dennoch: Im parlamentarischen Geschäft der Grünen wird Runge nur schwer zu ersetzen sein. Er setzte Akzente beim Kampf gegen Milliardenprojekte. Dass der Transrapid abgeblasen wurde, ist auch sein Werk. Den Feldzug gegen den zweiten S-Bahntunnel befeuerte Quertreiber Runge mit ellenlangen Anträgen – jetzt ist unklar, wer sein Werk fortsetzen wird. In seinem Gröbenzeller Büro trudeln entsetzte Briefe von Eisenbahn-Fachleuten (in der Szene „Pufferküsser“ genannt) ein, man könnte sie auch Beileidsschreiben nennen. „Für den ganzen Schienenzirkus ist das ein ganz großer Verlust“, sagt Michael Wengler, der einen Bahn-Blog zum Ausbau der Mühldorfer Strecke betreibt. Die Bürgerinitiative Haidhausen erklärt, sie sei „richtig zornig“ über Runges Scheitern.

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Die Grünen-Fraktion hat aber nicht nur den Wirtschaftsfachmann Runge verloren, sondern auch den Haushaltspolitiker Eike Hallitzky, die Sozialpolitikerin Theresa Schopper sowie die Innenpolitikerin Susanna Tausendfreund – sie war, für die parlamentarische Arbeit nicht unerheblich, die einzige Juristin der Fraktion. Stattdessen ist jetzt die Landwirtschafts-Abteilung in der künftig 18-köpfigen Fraktion gewachsen. Im Allgäu rutschte der Biobauer Ulli Leiner von Platz 26 auf Platz drei vor, in Oberbayern gelang dem Germeringer Sepp Dürr, einst Pionier im Ökolandbau, wieder der Sprung in den Landtag, obwohl er nur auf der Liste, nicht aber als Direktkandidat angetreten war. Größte Überraschung war vielleicht der Landtagseinzug der relativ unbekannten Biobäuerin Gisela Sengl aus Sondermoning (Kreis Traunstein), die auch in München Stimmen ernten konnte. Es ist schon so – wenn der umweltbewegte Städter die Berufsbezeichnung „Biobauer“ auf der Liste entdeckt, kreuzt er ihn gerne an. Zum Leidwesen von Martin Runge, dessen offizielle Berufsbezeichnung auf dem Wahlzettel nüchtern „Wirtschaftswissenschaftler“ lautete. Der aufstrebende Abgeordnete Ludwig Hartmann war da eine Spur schlauer und nannte sich „Umweltprojektplaner“, obwohl es diesen Beruf gar nicht gibt. Aus dem Landtag flog Runge letztlich, weil die junge Münchner Parteichefin Katharina („Katha“) Schulze 191 Stimmen mehr hatte.

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Mit Selbstkritik spart Runge nicht. Die leidige Steuerdebatte. Und er selbst hat den Wahlkampf glatt verschlafen. Während andere an Infoständen ausharrten, brütete Runge im heimischen Gröbenzeller Büro über Akten-Kleinkram zur Mollath-Affäre und zu einer auf dem ehemaligen Fliegerhorst Fürstenfeldbruck geplanten BMW-Hochgeschwindigkeits-Teststrecke. „Da habe ich einige Tage reingehängt, da hätte ich vielleicht lieber Wahlkampf machen sollen.“ Info-Flugblätter zur Person wurden erst fertig, als die Briefwahl schon anlief.

Was nun, Herr Runge? Über diese Frage will der 55-Jährige mit Frau, Familie und Freunden beraten. Seit 1996 saß er im Landtag, davor hatte er eine eigene Firma für Wirtschaftsberatung – Gutachten und Vorträge für die öffentliche Hand, Controlling im Auftrag von Baufirmen. Ob der im Abfallrecht promovierte Diplom-Kaufmann in seinem früheren Beruf wieder Fuß fassen will, scheint ungewiss. Ebenso, ob er im März in Gröbenzell als Bürgermeisterkandidat antreten wird. „Kaffeesatzleserei“ sei das, sagt Runge.

Urlaub will sich der Kreuzfahrt-Liebhaber Runge (drei Mal auf großer Fahrt) nicht leisten. „Keine Zeit“, wiegelt er ab. Es stehen noch Vorträge und Artikel an. So wird es wohl auch nichts mit dem Trostpreis, der ihm jetzt nach der Niederlage angeboten wurde: Den Gratis-Trip nach Bali wird er ausschlagen. Eher geeignet zur Linderung politischer Wunden scheint der Quitten-Schnaps zu sein, der von heimischen Freunden eintrudelte.

Dirk Walter

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