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Mechthilde Wittmann (CSU): „Die Politik darf dem Zeitgeist nicht hinterherrennen.“

Stimmkreis 104

Das sind die Kandidaten für München-Milbertshofen

München - Sie haben die Wahl: Am 15. September entscheiden die Bürger, welche Politiker in den 17. Bayerischen Landtag einziehen dürfen. München ist aufgeteilt in acht Stimmkreise. Wir stellen ihnen die Kandidaten für Milbertshofen vor.

CSU: Mechthilde Wittmann

Sieben Männer und eine Frau: Mechthilde Wittmann ist die einzige weibliche Kandidatin, die die Münchner CSU ins Rennen um die Plätze im Landtag schickt. Leicht macht man es ihr dabei nicht. Ihr Stimmkreis ist der wohl schwierigste für die Schwarzen in ganz München. Aber das schreckt die 45-Jährige nicht. Sie sei eben eine Kämpfernatur, sagt sie. „Das war schon früher beim Sportunterricht so. Ich beiße mich rein und halte durch bis zum Umfallen.“

Reinbeißen, durchhalten, kämpfen – das kennt sie. Als Wittmann vor 19 Jahren in den Stadtrat einzog, war sie als 26-Jährige die jüngste Politikerin im Rathaus. Sie musste sich Respekt verschaffen bei den Platzhirschen, allesamt deutlich älter. Die Männer hatten hier das Sagen. Das war nicht immer einfach für die Nachwuchspolitikerin. Hinzu kommt: Sie drängt nicht um jeden Preis ins Rampenlicht. Sie ist eine akribische Arbeiterin, die sich im zweiten Glied wohler fühlt als ganz vorn an der politischen Front. Loyalität und Inhalte sind ihr wichtiger als die schnelle Schlagzeile. Doch Respekt, den hat sie sich auch ohne Getöse verschafft. Heute ist sie stellvertretende Fraktionschefin der Rathaus-CSU – und will jetzt den nächsten Schritt gehen.

Bei Wittmann passt zusammen, was nicht zu passen scheint. Einerseits ist da ihr konservatives Weltbild, ihr Einstehen für die Mütterrente, für die Familie. Die Politik, sagt sie, dürfe nicht dem Zeitgeist hinterherrennen und „nicht dem Exotenanschein Sonderrechte einräumen“. Andererseits „habe ich kein Problem mit dem Adoptionsrecht für schwule Paare“. Sie selbst sei eine „Patchwork-Mama“, die politisch Karriere macht – will aber, dass Mütter finanziell stärker gefördert werden, wenn sie sich daheim um ihre Kinder kümmern. Der Vater ihrer beiden Töchter (5 und 8) lebt in Wien, Wittmann ist die meiste Zeit alleinerziehende Mutter. „Spätestens abends ist die Mama da, das werde ich für die Politik auch nicht aufgeben“, sagt sie.

Im Landtag will die Rechtsanwältin ihre Erfahrungen im Insolvenzrecht einbringen, um Unternehmen zu retten. Außerdem will Wittmann das Tarifsystem des MVV vereinfachen und die Kooperation zwischen Stadt und Land verbessern. Die Kandidatin fordert zudem mehr Betreuungsplätze für Kinder und flexiblere Arbeitszeiten für deren Eltern.

SPD: Ruth Waldmann 

Die Frau mit dem roten Koffer tritt ans Mikro und wird sich gleich verhaspeln. Es ist Parteitag, 20. Juli, Wahlkampfauftakt der Bayern-SPD. Als lokale Kandidatin darf Ruth Waldmann ein Grußwort halten. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück lauscht, hört, wie sie die „Ablösung von Schwarz-Geld“ statt Schwarz-Gelb fordert. Schwarzgeld, das stimme ja wohl auch, flachst Steinbrück: „Das ist der beste Versprecher, den ich in den letzten zehn Jahren gehört habe!“

Vielleicht ist Waldmann nicht die größte Redenschwingerin unter Bayerns blauem Himmel. Dafür hört sie zu. Ganz genau. Und was sie hört, das packt sie in ihren roten Koffer. Den hat sie fast immer dabei, eingeklemmt unterm Arm. Zettel und Stifte liegen bereit, auf denen jeder Vorschläge notieren und in den Koffer legen kann. Auch Schimpfen ist erlaubt. „Ich bringe die Sorgen und Themen der Menschen in den Landtag“, verspricht die 42-Jährige.

Waldmann ist tief in ihrem Viertel verwurzelt. Sie ist hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen. Seit 23 Jahren ist sie bei der SPD, holte zwei Mal als einzige Rote in Bayern das Direktmandat für den Bezirkstag, war Franz Magets persönliche Referentin, schrieb seine Reden, bastelte an seinem Erfolg. Die jahrelange Arbeit im Viertel, das sei ihr Pfund. „Ich kann nicht verstehen, wenn Politiker kein Bürgerbüro haben“, sagt sie. „Die Bürger haben ein Recht darauf, dass wir ihnen zuhören. Wir sind ihre Vertreter.“

Waldmann ist eine Sozialdemokratin vom alten Schlag, steht für Gerechtigkeit, Toleranz, Mindestlohn. „Wenn die Bevölkerung immer weiter auseinanderdriftet, gerät die Demokratie in Gefahr“, warnt sie. Solides Wirtschaften und soziale Verantwortung, das gehöre zusammen. Als stellvertretende Geschäftsführerin der AWO München kenne sie sich in beiden Bereichen gut aus. In der Bildungspolitik wünscht sie sich mehr Förderung und weniger Auslese. „Wenn ich weiß, in welcher Straße ein Kind aufwächst, kann ich mit 80-prozentiger Sicherheit sagen, wie der Bildungsweg verläuft“, behauptet sie. „Das liegt doch nicht an der Luft, da stimmt etwas nicht mit der Bildungsgerechtigkeit.“

Mit solchen Themen packt sie Tag für Tag ihren Koffer. Milbertshofen, sagt sie, „ist das rote Asterix-Dorf auf der schwarzen Landkarte“. Dann muss der Koffer wohl ihr Zaubertrank sein.

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Grüne: Katharina Schulze 

Sie spürt die bohrenden Blicke von Grünen-Chefin Claudia Roth, als sie die bislang wichtigste Rede ihrer politischen Karriere hält. Mit weichen Knien betritt Katharina Schulze das Rednerpult auf dem Parteitag 2010 in Freiburg. Sie will die Basis überzeugen, sich einer Münchner Bewerbung um olympische Winterspiele 2018 entgegen zu stellen. Damit legt sich Schulze nicht nur mit ihrer Stadtratsfraktion an, sondern auch gleich mit ihrer Bundeschefin: Claudia Roth sitzt im Olympia-Kuratorium – daher die bösen Blicke. Doch Schulze überwindet ihre Nervosität, hält eine kämpferische Rede und trifft ins Herz der Basis. Die Grünen stimmen gegen die Spiele, Claudia Roth muss sich aus dem Kuratorium zurückziehen. Schulze gewinnt.

Mutig und frech, links und lebendig, selbstbewusst und direkt – so kann man die heute 28-Jährige beschreiben, die seit 2010 Vorsitzende der Münchner Grünen ist. Wegen ihrer unbeschwerten, freundlichen Art könnte man sie leicht unterschätzen – doch das ist ein Fehler, wie Claudia Roth weiß. „Wir jungen Menschen müssen laut werden und Verantwortung übernehmen“, sagt Schulze. Verantwortung, die würde sie künftig gern im Landtag übernehmen. Mit Platz 5 auf der Liste wird sie es vermutlich ins Maximilianeum schaffen, das Direktmandat aber scheint außer Reichweite.

Inhaltlich steht Schulze vor allem für ökologische Themen. „Klimaschutz ist der Grund, warum ich Politik mache. Ich bin der klassische Öko.“ Neben ihrem Kampf gegen Winterspiele in den Alpen – den sie wegen der möglichen Bewerbung für 2022 weiterführen wird – stritt sie energisch gegen den Bau der dritten Startbahn im Erdinger Moos. „Die Startbahn und Olympia stehen dafür, was falsch läuft in unserer Gesellschaft“, sagt sie. „Immer nur höher, schneller, weiter.“ Sollte sie den Sprung in den Landtag schaffen, will sie sich für ein bayerisches Klimaschutzgesetz stark machen, das festschreibt, wie viele Tonnen CO2 der Freistaat jährlich einsparen muss.

Thomas Schmidt

Freie Wähler: Felix Stahl 

Für Felix Stahl (35) ist Milbertshofen als „Swing State“ der „spannendste Wahlkreis Bayerns“. Der Kandidat der Freien Wähler (FW), der im Jobcenter als Leistungssachbearbeiter tätig ist, weiß zwar, dass das Direktmandant in weiter Ferne liegt – auf einen Platz im Landtag hofft er auf dem oberbayerischen Listenplatz 13 trotzdem. Sein Lieblingsfeld ist das Thema Bildung und vor allem die Schulen, deren Gebäude in München er zum Teil in „desolatem Zustand“ sieht. Ein zweites Projekt der FW, das ihm am Herzen liegt, ist der kreuzungsfreie Mittlere Ring – also der komplette Ausbau des Rings mit Untertunnelung der Abschnitte Landshuter Allee, Innsbrucker Ring bis Anschluss A8, Chiemgaustraße und Tegernseer Landstraße.

Stolz ist Stahl auf das „Nein“ der FW zur dritten Startbahn am Flughafen: „Das Thema wird spätestens nach der Kommunalwahl wieder kommen.“ Auch bei den Studiengebühren hätten die FW gezeigt, dass man auch aus der Opposition heraus „die Regierung vor sich hertreiben kann“. Im Hinblick auf die Rolle der FW nach der Wahl räumt er aber ein: „Natürlich ist Regieren immer schöner als Opposition.“

FDP: Andreas Keck 

Früher war Andreas Keck „ein relativ unpolitischer Mensch“, sagt er – doch mit der Geburt seines Sohnes vor 16 Jahren habe sich das geändert. Seither ist er in der FDP aktiv. Egal ob er im Süden, Westen oder Norden der Stadt gewohnt hat, immer war er im Kreisvorstand, bei der Landtagswahl 2008 trommelte er für Wolfgang Heubisch. Jetzt will der 50-jährige Unternehmer, der in seiner Freizeit gerne Golf und Schlagzeug spielt, selbst ins Maximilianeum. Seine Chancen schätzt er selbst „mindestens 50:50“ ein – das darf angesichts der Konkurrenz im Wahlkreis, Listenplatz 13 und den aktuellen Umfragen als optimistisch gelten. Doch Keck glaubt, dass seine Partei die Fünf-Prozent-Hürde nimmt: „Die Menschen wollen keine Alleinregierung der CSU.“

Die Lieblingsthemen des gebürtigen Münchners sind Bildung und Wirtschaft. Für frühkindliche Bildung will er sich einsetzen, die Qualität der Kita-Betreuung verbessern. Er ist gegen das Konzept der Gesamt- und für Ganztagsschulen. Um die Wirtschaft anzukurbeln, will er die „Willkommens-Kultur in Bayern“ für ausländische Fachkräfte verbessern. Und auch auf eines der drängendsten Münchner Probleme hat er eine Antwort: die Wohnungsnot. „Wir müssen dichter und höher bauen.“

Sein Sohn, der ihn einst zur Politik brachte, wird wenige Tage vor der Wahl 16 Jahre alt – und ist schon bei den Jungen Liberalen aktiv. „Freiwillig“, betont Andreas Keck und lacht.

akg

Wer noch antritt

- Die Linke: Der Soziologe Jürgen Lohmüller-Kaupp ist Kreisvorsitzender der Linken in München, steht für Abrüstung, faire Löhne und bezahlbaren Wohnraum. „Wohnungen sind ein Grundrecht und keine Ware“, so der 67-Jährige.

- ÖDP: Klaus Buchner war bis 2010 Bundesvorsitzender der ÖDP. Aus Altersgründen trat der Physikprofessor (72) nicht erneut an und übergab das Zepter an Sebastian Frankenberger. Künftig möchte er vor allem „inhaltlich und programmatisch“ arbeiten.

- Bayernpartei: „Der Regionalismus ist zukunftsgewandt, er verspricht passende Lösungen für viele Probleme unserer Zeit“, sagt Johann Eberle, 64, Sozialpädagoge und Landesgeschäftsführer der Bayernpartei. Die Menschen, sagt er, wollen nicht „aus dem fernen Berlin über ihre Köpfe hinweg regiert werden“.

- Piratenpartei: Mit Florian Deissenrieder geht ein junger Medizinstudent ins Rennen, der bereits Schlagzeilen gemacht hat: Im Hintergrund eines Wahlkampfvideos auf Youtube ließ der 29-Jährige einen Porno laufen. Laut Deissenrieder eine „gezielte Provokation“.

- Republikaner: Wolfgang Meinhart.

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