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„Wir haben ständig gegen die Prognosen gekämpft.“ Und am Ende gegen sie bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg verloren.

In Koalition aus CDU, SPD und FDP

Landtagswahl Baden-Württemberg: Kann Guido Wolf doch regieren?

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Stuttgart - Die CDU hat bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg krachend verloren. Aber: In einer Koalition mit SPD und FDP könnte Spitzenmann Guido Wolf regieren.

Am letzten Tag vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg muss sich der Kandidat nicht mehr verstellen. Guido Wolf, 54, steht im Wahllokal in Tuttlingen, man sieht ihm die Last der letzten Wochen an. Er könnte jetzt noch zum Schein ein bisschen Zuversicht versprühen, noch sind die Wahllokale ein paar Stunden offen, aber er versprüht gar nichts mehr. „Wir haben so gekämpft“, sagt Wolf. „Wir haben ständig Wahlkampf geführt gegen die Prognosen.“ Die Prognosen haben gewonnen. Er nicht.

Mit unter 30 Prozent bleibt Wolfs CDU in Baden-Württemberg weit unter den Hoffnungen, sogar unter den Erwartungen. Alles ging schief für den landesväterlich-gemütlich auftretenden Spitzenkandidaten, der sich als bessere Alternative, nicht als Gegenentwurf zum grünen Amtsinhaber Winfried Kretschmann positionieren wollte. Kaum einer sagt, dieser Wolf sei unsympathisch, böse, durchtrieben. Aber sein Wahlkampf war aus der Zeit gefallen: Leuchttürme sollten sie sein, rief er seinen Mitstreitern zu, „Blinken Sie! Blinken Sie! Nur nachts brauchen sie nicht blinken!“ Ach, Leuchttürme.

Auch Wolf stand nicht, sondern schwankte durch den Wahlkampf: Lange verteidigte er Merkels Flüchtlingspolitik, rückte dann davon ab, aber nur ein bisschen. Unvergessen sind die Bilder, wie er Merkel auf einem Parteitag ein Plüschtier überreichte, einen Wolf, was zum Streicheln. Seit Wochen sanken die CDU-Werte konstant ab.

Zynismus macht sich breit am Abend auf der Wahlparty, wo saure Gurken zu Maultaschen serviert werden. „Yeah, zweistellig“, ruft einer verbittert in den Saal. Was wirklich zweistellig ist, sind die Verluste der CDU im Land. Bisher waren sie ja noch stärkste Kraft, jetzt haben Kretschmanns Grüne auch Platz 1 erobert. Seit 30 Jahren geht es für sie nur bergauf. Ja, man kann sich das Ergebnis aus CDU-Sicht irgendwie hinreden: So hat Kretschmanns grün-rotes Bündnis seine Mehrheit verloren. Die CDU könnte Juniorpartner in einer grün geführten Regierung werden. Vielleicht geht es aber auch ohne sie, ein quietschbuntes Dreierbündnis von Grün, Rot und FDP.

Landtagswahl Baden-Württemberg: Merkel rät Wolf zum Weiterkämpfen

Er solle weiter kämpfen, rät Merkel Wolf schon am Nachmittag am Telefon. Da kennt sie die ersten verheerenden Prognosen schon, die kursieren in Berlin bald nach 16 Uhr. Rechnerisch ist ja auch ein Bündnis von CDU, SPD und FDP möglich, wegen der Farben schwarz-rot-gelb läuft das unter dem Stichwort „Deutschland-Koalition“. Die FDP würde wohl mitmachen, auch Merkel rät dazu. Experten im Land halten das aber nicht für wahrscheinlich. Der Abstieg der CDU, die bis 2011 das Land 58 Jahre lang regierte, geht weiter. Sie fällt noch tiefer als 1952, und da hatte sie 36 Prozent, was heute ein Spitzenergebnis wäre.

Der Wahlsieger jedenfalls ist woanders. Als Winfried Kretschmann auf seiner Wahlparty ankommt, hüpfen die Anhänger, sie recken ihm ihre Handys entgegen, als wäre er ein Pop-Star. Oder, wie es eine Spiegel-Journalistin sagt: „Applaus wie im Musikantenstadl.“ Der bedächtige Katholik Kretschmann, 67 Jahre alt, ist keiner, der sich im Beifall sonnt. Aber diesen Jubel nimmt er fröhlich hin. „Ihr habt zu Recht geklatscht“, ruft er in den Saal. „Die Baden-Württemberger haben heute nochmal Geschichte geschrieben.“ Das neue Kapitel an dieser Geschichte: Noch nie waren die Grünen in einem Bundesland stärkste Partei. Sie holen sogar 46 der 70 Direktmandate. 89 Prozent der Bürger halten Kretschmann für einen guten Ministerpräsidenten. „Furios“, sagt er. Mitarbeiter schieben seine Frau Gerlinde neben ihn vor die Kameras, sie legt ihren Schal auf sein Rednerpult, so heiß ist es im Saal.

Dass sein Bündnis nicht hält, liegt jedenfalls nicht an seinen Grünen, sondern am Desaster der SPD. Sie verliert fast die Hälfte ihrer Wähler. Am Abend steht Spitzenkandidat Nils Schmid, bisher Vize-Ministerpräsident, mit roten Ohren und roten Augen vor seinem roten Wahlplakat. „Ein bitterer Tag“, sagt er. Die SPD muss jetzt hoffen, dass sie noch gefragt wird für eine Regierungsbildung. Sie ist jetzt nicht mal mehr drittstärkste Kraft – überholt von der AfD, die im Siegestaumel der CDU gleich (erfolglos) eine Koalition anbietet.

Und nun? Viele blicken am Abend ratlos auf das Ergebnis, gerade auch das zweistellige der AfD. Der hohe Wert lässt sich nicht auf die Wahlbeteiligung schieben, die ist mit 71 Prozent ungewöhnlich hoch. Es sind auch nicht nur graue, zornige Mäuse, die da antreten. In Pforzheim und Mannheim holt die Alternative, wenn auch nur knapp mit 22 und 24 Prozent, Direktmandate. Andererseits bekunden viele AfD-Wähler Sympathie für eine andere Partei: Zwei Drittel würden begrüßen, wenn die CSU außerhalb Bayerns anträte. Die AfD-Abspaltung Alfa holt übrigens nur ein Prozent.

Landtagswahl Baden-Württemberg: Wochenlange Koalitionsverhandlungen?

Auf Baden-Württembergs Politik kommen zweifellos hektische Tage zu. Die Koalitionsverhandlungen könnten sich über Wochen hinziehen, der Landtag konstituiert sich erst Mitte Mai. Rollen vorher noch Köpfe? Bei der SPD gilt als möglich, dass Spitzenkandidat und Landeschef Schmid (42) gehen muss. Das sei „zu kurz gesprungen“, beeilt er sich zu sagen, man müsse doch erst „das Ergebnis verstehen“. Vermutlich wird er auch erst mal sein persönliches Ergebnis verstehen müssen: Im eigenen Wahlkreis Reutlingen wird er nur Vierter.

Auch Wolf weiß, dass seine Lage heikel ist. Er wehrt sich. Bei einer eilig einberufenen Fraktionssitzung am Dienstag will er sich vorzeitig als CDU-Fraktionschef wiederwählen lassen, Fakten schaffen. Es ist in vielerlei Hinsicht ein gewagtes Unterfangen – einige seiner Leute murren. Die neuen Abgeordneten sind ja nicht vereidigt, die alten haben aber nicht mehr das politische Mandat, um über die Zukunft zu entscheiden. Seine Partei habe ihn „ganz offenbar nicht auf den Spaziergang geschickt, sondern auf einen steinigen Weg“, sagt Wolf am Abend, „und ich bin bereit, diesen steinigen Weg auch weiterzugehen“.

Mitarbeit: Stefan Reich

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