+
Typisch für den Stimmkreis? Florian von Brunn sucht für den Fototermin das Sechzgerstadion aus.

Das sind die Kandidaten für München-Giesing

München - Sie haben die Wahl: Am 15. September entscheiden die Bürger, welche Politiker in den 17. Bayerischen Landtag einziehen dürfen. München ist aufgeteilt in acht Stimmkreise. Wir stellen ihnen die Kandidaten für Giesing vor.

CSU: Andreas Lorenz

Was ihn von seinem Konkurrenten von der SPD unterscheidet? Da muss Andreas Lorenz nicht lange überlegen. „Die politische Erfahrung“, sagt der CSU-Abgeordnete. 42 ist er erst – aber schon sehr, sehr lange im politischen Geschäft. In die CSU trat Lorenz mit 17 ein, mit 24 wurde er Stadtrat. Auch als er ins Maximilianeum einzog, blieb er im Bezirksausschuss Sendling.

Lorenz sitzt auf der Terrasse der Landtagsgaststätte, um Bilanz zu ziehen und sieht ziemlich zufrieden aus. Uns in Bayern geht es gut, findet Lorenz. „Ich bin der Großstadt- Vertreter“, sagt der 42-Jährige, „das ist meine Aufgabe, auch in der Partei.“ In München habe man doch andere Probleme als in Mittelstädten oder auf dem flachen Land. „Wir Münchner haben zum Beispiel immer gesagt: Ein Wiedereinführen der Sperrstunde kommt nicht in Frage!“

Im Landtag ist Lorenz keiner der Abgeordneten an vorderster Front. „Ich war vor Ort präsent und habe mich für die Themen eingesetzt, die mir wichtig waren“, betont der Sendlinger. Vor der SPD ist ihm nicht bange. „Die haben ein Thema – und das war‘s.“ Gemeint sind natürlich die Mieten, ein Problem, das Lorenz aus seinem Stimmkreis bestens bekannt ist. „Die SPD will einfach nur bezahlbaren Wohnraum erhalten“, sagt er. „Wir haben eine Zwei-Säulen-Strategie und wollen auch Wohnraum schaffen.“ Er möchte, dass auch im öffentlichen Dienst in München höhere Löhne bezahlt werden. „Ich halte es für gerechtfertigt, dass man in München mehr Geld für die gleiche Arbeit bekommt als in Weiden.“

Sie wissen noch nicht, was Sie wählen sollen - Hier geht's zum Wahl-O-Mat!

Als Lorenz auf die rot-grüne Münchner Stadtregierung zu sprechen kommt, wird auf der Landtagsterrasse sein Spezi warm, so sehr redet er sich in Rage. „Die Stadt tut nichts!“ (Untertunnelung des Mittleren Rings), „Irre! Das ist doch eine der reichsten Städte Europas!“ (Zustand von Schultoiletten), „der größte Spekulant ist die Landeshauptstadt selbst!“ (Wohnungsmarkt), so geht es in einem Zug.

Der Wahlkreis ist für die CSU nicht sicher, das weiß auch Lorenz – und als Nummer Zwei wäre er nicht unbedingt wieder im Landtag. „Ich muss den Stimmkreis schon gewinnen“, sagt er. Die politische Erfahrung spricht auf jeden Fall schon mal für Andreas Lorenz.

Felix Müller

SPD: Florian von Brunn

Florian von Brunn ist in Sendling verankert. Das kann man erleben, wenn man mit ihm einen Kaffee an der Danklstraße trinkt und immer wieder Nachbarn im Vorbeigehen grüßen. Das hört man aber auch heraus, wenn man mit ihm über seine Politik spricht. Denn das große Thema in Sendling, aber auch anderswo im Stimmkreis, etwa in Giesing, sind die Mieten. Als seine Tochter auf die Welt kam, sagt von Brunn, 44, sei es für ihn „schwierig geworden, die Miete in Sendling zu bezahlen“.

Das Problem für die Mieter, klar, hat sich die letzten Jahre noch verschärft. Von Brunn arbeitet als IT-Berater, ist ein zurückhaltender Typ, der seine Worte gut abwägt. Aber bei den Mieten, da wird er sauer. „Die alte Frau aus Giesing“, sagt von Brunn, „die können Sie doch nicht aus ihrem sozialen Gefüge rausreißen, der können Sie nicht sagen, sie soll in den Neubau ans andere Ende der Stadt ziehen!“ Von Brunn will sich aus solchen Überlegungen heraus nicht darauf beschränken, Neubauten zu fördern, sondern auch den Mieterschutz noch weiter vorantreiben. In Untergiesing, sagt er, gebe es Fälle, da sei die Miete nach Modernisierungen um 130 Prozent gestiegen. „Mit einem Schlag!“ Mieten, sagt von Brunn, der in der SPD als Linker gilt, „dürfen wir einfach nicht dem Markt überlassen!“ Er will ein Umwandlungsverbot von Miets- in Eigentumswohnungen im Landtag durchsetzen, ein altes Herzensthema vieler in seiner Partei. Der Markt und seine negativen Auswirkungen, so sieht es von Brunn, schlagen mittlerweile in alle Lebensbereiche durch: auf das Soziale, auf die Bildung.

Der Kandidat kann immer noch ausgiebig über die Agenda 2010 schimpfen. „Ich bin durchaus wachstumskritisch“, sagt er über sich. Viele Menschen würden ihre Stadt nicht mehr wiedererkennen, „weil sie sich so schnell verändert!“

Von Brunn ist Vorsitzender der SPD im Münchner Süden und tritt an, der Nachfolger von Adelheid Rupp zu werden, die aus privaten Gründen nicht mehr ins Maximilianeum will. Dort möchte er sich auch um Bildungsthemen kümmern. Von Brunn, der Linke, schimpft über den „vorgezeichneten Bildungsweg“ in Bayern. „250 Millionen Euro werden hier im Jahr für Nachhilfe ausgegeben!“, sagt er. Und wenn die nötig ist, könnten sie sich eben nur bestimmte Bayern leisten – und andere nicht.

Felix Müller

Grüne: Thomas Pfeiffer

Eigentlich, sagt Thomas Pfeiffer, hätte er bei seinen ersten parteiinternen Wahlen einfach nur mit einem Wort für sich werben können. „Du bist doch unser Pirat“, haben sie oft zu ihm gesagt, nachdem er im Oktober 2010 eingetreten war. Pfeiffer war zur rechten Zeit am rechten Ort, so was beschleunigt politische Karrierren. Denn als die Piraten groß wurden, stellten die Grünen wie andere Parteien fest, dass sie manche Themen vernachlässigt hatten. Das könnte Pfeiffer – falls er es wirklich ins Maximilianeum schaffen sollte – auch dort behilflich sein. „Bei den Grünen gibt es dort schon eine personelle Lücke in der Netz- und Medienpolitik“, sagt er. „Eigentlich gibt es a in ganz Oberbayern niemanden Profillierten.“ Pfeiffer, 37, findet einen Generationswechsel in der Partei ziemlich okay, trägt schwarzes T-Shirt zur Jeans – und bringt jede Menge Ideen mit, die nicht alle mehrheitstauglich sein dürften. Den Penzberger Imam Benjamin Idriz zum Beispiel würde er gerne im Rundfunkrat sehen. „Wir brauchen einen Rundfunkrat, der die Gesellschaft abbildet“, sagt Thomas Pfeiffer Die Landesmedienzentrale solle nicht nur private Radiosender fördern, sondern auch Blogs, die im Internet über Kommunalpolitik berichten. Transparenz ist ihm eine wichtige Forderung. „Wenn mit öffentlichem Geld ein Gutachten erstellt wird, soll das Gutachten auch veröffentlicht werden“, sagt er zum Beispiel. Ein anderes Thema ist die Medienerziehung. Pfeiffer hat einen Ratgeber geschrieben, der „Mein Kind ist bei Facebook“ heißt. Für den grünen Piraten selbst gehören die neuen Medien zum Alltag. Die BRSendung „Quer“ schaut er nur auf dem i-Phone. „Donnerstagabends bin ich doch nicht zu Hause.“

Felix Müller

FDP: Julika Sandt

Das Büro mit den leuchtend blauen Augen liegt mitten im Leben. Links eine Dönerbude und das Matratzen-Outlet, drüben die Drogeriekette, dazwischen drei Spuren Autos: An der Humboldtstraße hat Julika Sandt (41) heuer ihr Bürgerbüro „Freiraum“ eingerichtet, eines der Markenzeichen ist ein Plakat mit ihren Augen. Hinschauen, zuhören, mitreden ist das Motto, deshalb gibt’s im gelb-blau möblierten Büro auch Plakate mit Ohren und Mund. Sandt kämpft von ihrer auffälligen Giesinger Zentrale aus um den Wiedereinzug in den Landtag. Über die Liste schaffte sie es 2008, wurde weit nach vorne gehäufelt. In der kleinen FDP-Fraktion gelang ihr aber nicht auf Anhieb der Sprung in Reihe eins oder zwei. Von wegen Freiraum: Die Konkurrenz der Münchner dort um Posten und Schlagzeilen ist hoch, Ellbogeneinsatz inklusive. Sandt will sich ab Herbst verstärkt um Gesundheitspolitik kümmern: mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin, „ein Psychiatriegesetz, damit man nicht einfach einsperren kann“, Werbung für Organspende. Sandt, früher Pressechefin der Kassenzahnärztlichen Vereinigung, ist drin in den Themen, hält aus dem Stegreif ein Kurzreferat zu den Privatkassen, plant ein „Bündnis gegen die Bürgerversicherung“. Auch in Bildungs- und Medienpolitik sieht sie ihre Schwerpunkte. Für den Stimmkreis will sie um Kita-Plätze kämpfen, gute Schulangebote, den Erhalt der Dorfkern-Ensembles und den Regionalhalt an der Poccistraße. Direkt ist der heterogene Stimmkreis kaum zu holen für Liberale. Sandt aber hat dank Listenplatz 6 gute Chancen. Kommt die FDP über fünf, sechs Prozent, droht kein Leerstand im Freiraum.

Christian Deutschländer

Freie Wähler: Michael Piazolo

Es gibt vielleicht keinen anderen prominenten Freien Wähler, den man sich so gut in einem Bündnis mit Roten und Grünen vorstellen könnte. Unzählige Fotos zeigen den Münchner Professor Michael Piazolo, 53, einträchtig mit SPDlern und Grünen. Der Grund: Mit ihnen hat Piazolo schon mal außerparlamentarisch geübt, was theoretisch nach der Wahl im Maximilianeum Realität werden könnte: eine enge Zusammenarbeit. Mit dem Kampf gegen die dritte Startbahn und gegen die Studiengebühren hat er zwei erfolgreiche Kämpfe an vorderster Front bestritten. Als ein Verfechter von Udes Wunsch-Bündnis mag Piazolo trotzdem nicht missverstanden werden. „Nein, nein“, betont er. Auch bei der CSU gebe es viele vernünftige Leute. Es gehe doch vor allem darum, seine Themen durchzusetzen. Dass das bei Studiengebühren und Startbahn auch ohne Regierungsverantwortung gelungen ist, macht Piazolo immer noch ganz euphorisch. „Ich dachte, aus der Opposition heraus würde man hauptsächlich kritisieren, aber wir konnten auch außerparlamentarisch gestalten!“ Piazolo, der an der Hochschule Europäische Studien lehrt, hat für einen Freien Wähler etwas sehr weltläufiges. Arroganz gegenüber den Sorgen der Leute wird ihm trotzdem niemand unterstellen. Drinnen, im Maximilianeum, das ist ihm wichtig, seien viele Anträge direkt auf Bürger-Anliegen zurückgegangen. Er verstehe sich im Landtag „absolut als Giesinger Abgeordneter“, sagt er. Im Stimmkreis hat Piazolo selbst seine Plakate aufgestellt. Für Giesing will er ein Bürgerbegehren durchsetzen, mit dem die Untertunnelung des Mittleren Rings erzwungen werden könnte. „Unser schönes Viertel“, wie Piazolo Giesing nennt, wäre so endlich wieder vereint.

Felix Müller

Wer noch antritt

Piratenpartei: Roland Jungnickel. Der 32-Jährige nennt Transparenz, Bildung und Familienpolitik als seine politischen Schwerpunkte.

Bayernpartei: Ulrich Leischner (36). Der Wissenschaftler arbeitet in der Hirnforschung. Er sagt, die Bayernpartei solle „erkennbar Politik für Bayern gestalten, und für die Menschen in diesem Land etwas tun.“

Linke: Kerstin Weiß. Die 46-jährige Politologin sagt, die Lebens- und Arbeitsbedingungen würden sich rasant verschlechtern. „Diese Entwicklungen müssen sich wieder umkehren.“

ÖDP: Birgit Oswald. Die gebürtige Giesingerin, Jahrgang 1945, sagt: „Unendliches wirtschaftliches Wachstum ist auf einem Planeten mit endlichen Ressourcen nicht möglich.“

FM

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Seehofer: Obergrenze nicht ausdrücklich Koalitionsbedingung
Die Obergrenze für Flüchtlinge war ein Dauerbrenner der CSU. Parteichef Seehofer hatte sie sogar zur Bedingung für einen Koalitionsvertrag gemacht. Das sieht er nun zwar …
Seehofer: Obergrenze nicht ausdrücklich Koalitionsbedingung
US-Abgeordnete: Trumps Geisteszustand überprüfen!
Die demokratische US-Abgeordnete Zoe Lofgren will Präsident Donald Trump dazu zwingen, sich medizinisch untersuchen zu lassen - auch auf seinen Geisteszustand hin.
US-Abgeordnete: Trumps Geisteszustand überprüfen!
CSU: „Kein Abrücken von der Obergrenze“
Äußerungen des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zur Obergrenze für Flüchtlinge haben am Sonntag unterschiedliche Interpretationen hervorgerufen.
CSU: „Kein Abrücken von der Obergrenze“
Messer-Anschlag in Turku: Ermittler prüfen IS-Verbindungen
Nach dem Terrorangriff in Turku gedenkt Finnland der Opfer mit einer Schweigeminute. Die genauen Hintergründe der Tat sind noch unklar. Allerdings dürfte der Angreifer …
Messer-Anschlag in Turku: Ermittler prüfen IS-Verbindungen

Kommentare