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Otmar Bernhard tritt für die CSU an.

Stimmkreis 106

Das sind die Kandidaten für München-Pasing

München - Sie haben die Wahl: Am 15. September entscheiden die Bürger, welche Politiker in den 17. Bayerischen Landtag einziehen dürfen. München ist aufgeteilt in acht Stimmkreise. Wir stellen ihnen die Kandidaten für Pasing vor.

CSU: Otmar Bernhard

„Gegen Altersgrenzen ist kein Kraut gewachsen“, stöhnte Otmar Bernhard, als er 2008 mit allen über 60-Jährigen aus dem Kabinett gekegelt wurde. Wäre auch ein lustiges Kraut. Bernhard aber hätte eine biologische Verjüngung eh nicht nötig. Mit 66 fühlt er sich jung genug, nochmal für den Landtag zu kandidieren. Und fit genug, dank Fitnessraum in seinem Keller, den er „kleine Folterkammer“ nennt. Der Stimmkreis im Westen gilt als einer der schwärzeren, Bernhard will die 37 Prozent vom letzten Mal steigern. Der Ex-Minister ist lokal bekannt, in Vereinen aktiv, geht Gassi mit Dalmatiner Barney. Die CSU-Basis stellte ihn einstimmig wieder auf. Er will vor allem für Verkehrsprojekte kämpfen: die Verlängerung der U5 nach Pasing und Freiham („ganz zentral wichtig“), den Lückenschluss beim Autobahnring A99 („bisher ein Torso“). Aber auch für Sanierung und Ausbau der Schulen, sie seien oft „in miserablen Verhältnissen“. Bernhard wird das selten laut tun oder gar krawallig. Das ist nicht so seine Art. Wer ihn nur oberflächlich kennt, unterschätzt den Ministerialrat a.D. gern. Als er 2005 Umwelt-Staatssekretär wurde, amüsierte sich die Presse über seine unwichtigen Mitteilungen zu Waldpilzen und Wespenstichen. 2007 wurde er schon Minister, da war Umwelt längst kein Streichelzoo- Ressort mehr, sondern das große Krisenministerium mit Gammelfleisch, Seuchen und Fluten. Bernhard führte den Laden sicherer und leiser als sein Vorgänger, Bärenjäger

Schnappauf. So wie er im Ehrenamt 2004-2011 in der affärengeplagten CSU München für mehr Ruhe gesorgt hatte: nie schrill, aber konsequent. Für ihn spricht auch: Bernhard rennt seit dem Rauswurf aus dem Kabinett nicht waidwund über die Landtagsflure. Weil er eh selten rennt, typbedingt eher schreitet. Und weil er damit seinen Frieden gemacht hat. In der Fraktion gilt der Münchner deshalb als verlässlich und vielseitig. In

23 Landtagsjahren kümmerte er sich unter anderem um Finanzen, Wirtschaft, Umwelt, Verkehr, zuletzt auch um den komplexen NSU-Ausschuss. Solche Vorgeschichten befeuern Ideen, auf Bernhard komme nochmal was Großes zu. Fraktionsvorsitz, murmeln manche, er sei so gut vernetzt, Kompromisskandidat. Das ist vielleicht zu viel der guten Nachrede – auch dagegen ist halt kein Kraut gewachsen.

Christian Deutschländer

SPD: Florian Ritter

Sollte ein junger Politiker sich je Illusionen über den Bekanntheitsgrad eines Münchner Landtagsabgeordneten machen – Florian Ritter raubt sie ihm: „In einer kleinen Kreisstadt werden Sie vielleicht wahrgenommen“, sagt der 51-Jährige, der dem Parlament seit 2003 angehört. „In München können Sie auf Deutsch gsagt mit dem nackerten Hintern über den Marienplatz laufen – es erkennt Sie keiner.“ Mit einem Lachen gibt Ritter zu verstehen, dass er auf Prominenz auch nicht aus ist: „Ich habe ja gewusst, worauf ich mich einlasse.“ Mit 19 trat der gebürtige Kraillinger der SPD bei – wegen Themen, die ihm am Herzen lagen. Unter anderem der Rechtsextremismus beschäftigte ihn: „Das Oktoberfest- Attentat hat mich geprägt.“ Heute ist der Chef einer Werbeagentur Experte für Datenschutz und Rechtsradikalismus – unter anderem sitzt er im NSU-Untersuchungsausschuss. Der Beschluss, das rechtsradikale Freie Netz Süd zu verbieten, ging auch auf seine Initiative zurück. In der Frage der islamophoben Partei „Freiheit“ hat Ritter nach eigener Auskunft dafür gesorgt, dass „das Innenministerium sich die Gruppierung mittlerweile genauer anschaut“. Als im Juli Nazis in Obermenzing zu einem Gartenfest einluden, stand er vor dem Haus und klärte die Bürger auf. Bürgerrechte sind generell sein Thema. Sei es ein Volksbegehren gegen den Transrapid oder der Unmut gegen ein geändertes Polizeiaufgabengesetz – Ritter organisierte den Protest. „Da hat sich auch bei den Bürgern einiges verändert“, betont er. Noch 2005 habe er die bittere Erfahrung machen müssen, dass sich kaum Protest gegen das neue Polizeiaufgabengesetz regte – obwohl das nicht unerheblich in die Freiheitsrechte eingriff. 2008 jedoch, als die Gesetzgebung zum Vesammlungsrecht anstand, habe sich eine breite Front dagegen stark gemacht. „Ich kann mir schon auf die Schulter klopfen, da einiges mit angeschoben zu haben.“

Dass die Arbeit in den Gremien wenig Bestätigung mit sich bringt, frustriert ihn nicht – man schätzt ihn ob seiner besonnenen Art ja über die Fraktionsgrenzen hinweg. Aber vielleicht kocht er deshalb so gerne. „Kochen ist so ganz anders als Politik“, sagt Ritter. „Man nimmt sich etwas vor mit fest definierten Zutaten, es ist überschaubar – und man kriegt am Schluss immer eine Rückmeldung, ob’s geschmeckt hat oder nicht.“

Johannes Löhr

Grüne: Christian Hierneis

Wer sich mit Christian Hierneis, 50, über eine Olympiabewerbung Münchens unterhält, muss sich auf Fragen wie diese einstellen: „Wissen Sie noch, wo die vorletzten Olympischen Winterspiele stattgefunden haben?“ Jeder weniger Sportbegeisterte kommt da ins Grübeln – und sieht Hierneis schmunzeln. „Sehen Sie? Die Spiele sollen eine nachhaltige Imagewirkung für eine Stadt haben? Völliger Käse!“ Das Einzige, was da von Dauer sei, sei die Umweltzerstörung. Hierneis mahnt, sich in der Kosten-Nutzen-Abwägung öfter gegen die Versiegelung von Flächen zu entscheiden. Der Münchner Vorsitzende des Bundes Naturschutz ist der Überzeugung: „Die 55. ,großflächige Einzelhandelseinrichtung‘ im Umkreis von 15 Kilometern rund um den Marienplatz braucht kein Mensch – eine intakte Umwelt und intakte Landwirtschaftsflächen dagegen schon.“ Die Politik könne hier mit dem Landesentwicklungsplan eingreifen, tue dies aber nicht – und müsse oft erst von den Bürgern an ihre Pflicht erinnert werden: Wie etwa von den Feldkirchnern,

die sich erfolgreich gegen den dritten Ikea-Markt in Münchens Umgebung wehrten. Den Kampf für die Natur lernte der gebürtige Münchner Hierneis früh, in den Ferien mit dem Opa in Oberau. „Wir waren immer am Lauterbach im Schilf beim Angeln“, schwärmt er. „Mein Großvater lag in seinem Liegestuhl und hat mir alles beigebracht. Ich habe von der Waldameise bis zur Hirschbrunft alles inspiziert – es war sensationell schön.“ Als später genau in seinem Refugium ein Golfplatz gebaut wurde, „bin ich zum ersten Mal sauer geworden“. Seinen Job in einer Patentrechtskanzlei hängte der Rechtsfachwirt an den Nagel – und widmet sich seitdem mit Leidenschaft einer Politik, die das erhalten soll, was er „unsere Lebensgrundlagen“ nennt. Wachstum um seiner selbst willen? Da gehe „die Lebensqualität vor die Hunde“, findet er. Das gelte auch für die Nachverdichtung in der Stadt und den „Zwang zur industriellen Landwirtschaft“. Sein Credo: „Wachstum bringt dann etwas, wenn’s den Leuten dabei gut geht.“

Johannes Löhr

FDP: EVA Hübener

Im Internet findet man sie nur unter ferner liefen auf der FDP-Seite. Dennoch: Als ehemalige Leistungssportlerin sieht sich Eva Hübener bestens gerüstet für die Politik. „Kaum ein anderes Ressort, transportiert so sehr die Werte einer liberalen, leistungsorientierten Gesellschaft.“ Freude am Wettbewerb, Risikobereitschaft und Mut kennzeichneten den Charakter vieler Sieger, über die Hübener als Radioreporterin beim Bayerischen Rundfunk in den vergangenen Jahren berichtet hat. „Bewegung ist Leben, Leistung macht Spaß, und Erfolge erzeugen Freiheit und Unabhängigkeit – diese Botschaften haben längst auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung.“ Dabei dürfe man auch die Verlierer nicht vergessen, sie mitnehmen, integrieren. Hübener setzt sich unter anderem für mehr Sport in den Schulen ein und für Sport als wirksame Prävention im Gesundheitsbereich. Eine Verstaatlichung des Gesundheitssystems und eine Einheitsversicherung lehnt sie ab und sie fordert für ihren Arbeitsbereich, das Fernsehen, mehr Qualität statt Quote. In den sozialen Netzwerken fände sie einen besseren Datenschutz angebracht. do

Freie Wähler: Ursula Sabathiel

Wären Wahlkämpfe echte Schlachten, müsste man Ursula Sabathil als Veteranin bezeichnen. Denn dieser ist ihr sechster. „Und es ist sicher der ungewöhnlichste“, sagt die 63-Jährige lachend. Anfang 2012 trat die CSU-Stadträtin (seit 1992 sitzt sie im Rathaus) enttäuscht aus der Fraktion aus, weil sie sich dort nicht mehr wertgeschätzt fühlte – und ging wenig später zu den Freien Wählern. Als Landtagskandidatin bedeutet das eine ziemliche Umstellung: „In meinem Stimmkreis gibt es sechs Freie-Wähler-Mitglieder“, berichtet sie. Wer auf sich aufmerksam machen will, muss hart arbeiten, 1000 Plakate selber kleben. „Aber es macht Spaß – sogar mein Mann und meine drei Töchter machen mit.“ Leib- und Magenthemen der Sozial- und Kulturpolitikerin bleiben freilich auch bei den Freien Wählern dieselben: „Wir brauchen eine gescheite Frauenpolitik, und zwar eine, von der Frauen wirklich was haben. Eine Rente für Mütter etwa und viel mehr Betriebskindergärten.“ Sabathil ist erklärte Befürworterin eines zweiten Konzertsaals in der Stadt. Außerdem fordert die ehemalige Lehrerin, die Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht: „Das G 8 war eine Schnapsidee – wir sollten dringend wieder zum neunstufigen Gymnasium, oder zumindest die Wahlfreiheit gewähren.“ Dass sie ihre sechste Schlacht bei den Freien Wählern schlägt und nicht mehr bei der CSU, diese Entscheidung hat sie nicht bereut. „Es ist ein tolles Klima, sehr kollegial“, sagt sie. „Kein Vergleich.“ Johannes Löhr

Wer noch antritt

Folgende Parteien und Kandidaten stellen sich im Stimmkreis Pasing (106) außerdem zur Wahl: Die Linke schickt auf Listenplatz 19 die Regionalmitarbeiterin der Rosa Luxemburg Stiftung in Bayern, Julia Killet, ins Rennen. Bildung und Geschlechtergerechtigkeit sind ihre Themen. Für die Piratenpartei geht auf Listenplatz 19 der Diplom-Informationswirt Alexander Kohler an den Start. Er will vor allem eine „Verbesserung des Schulsystems“ erreichen. Franziska Spannagl, Jahrgang 1948, steht für die ÖDP auf Listenplatz 18. Die Erzieherin fordert: „Lieber fair und nachhaltig wirtschaften als immer mehr verbrauchen.“ Familien- undKinderfreundlichkeitsind ihre Hauptanliegen an die Politik. Richard Schöps von der Bayernpartei ist deren Kreisvorsitzender, ein gelernter Einzelhandelskaufmann und heute selbstständiger Grafiker. Er ist für die Wiedereinführung des neunstufigen Gymnasiums, ein Verbot der Agro-Gentechnik und er will die Stromversorgung in die Hand der Landkreise und Bezirke legen. Schöps tritt auf Listenplatz 2 an. Republikaner: Angelika Haas.

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