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Margarete Bause tritt für die Grünen in Schwabing an.

Stimmkreis 108

Das sind die Kandidaten für Schwabing

München - Sie haben die Wahl: Am 15. September entscheiden die Bürger, welche Politiker in den 17. Bayerischen Landtag einziehen dürfen. München ist aufgeteilt in acht Stimmkreise. Wir stellen ihnen die Kandidaten für Schwabing vor.

CSU: Ludwig Spaenle

Ludwig Spaenle ist Experte. Klar, für Schulpolitik und so. Aber man kann mit ihm auch prima über Wahlplakate fachsimpeln. Spaenle kennt die solidesten Ständer, die besten Kleber, die saubersten Techniken. Und er weiß genau, welche Parteien professionelle Plakatierer beschäftigen. „Man erkennt es daran, wie wenig Luftbläschen sich unter dem Papier bilden.“ Bei der CSU plakatiert der Chef noch selbst – was Passanten nicht selten beeindruckt. Als Spaenle neulich bei Sonnenuntergang zufrieden sein jüngstes Werk begutachtete, riefen sie aus dem benachbarten Lokal: „Respekt, Herr Minister. Das hätten wir jetzt nicht von Ihnen erwartet.“ Ja, dieser Ludwig Spaenle überrascht zuweilen. Auf der einen Seite wirkt der Minister ein wenig aus der Zeit gefallen.

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Wer ihm zuhört und die Augen schließt, meint Franz Josef Strauß zu lauschen. Der bellende Duktus, die schneidenden Kommentare. Doch halt! Spaenle trägt nicht nur den liberalen Kurs seines OB-Kandidaten Josef Schmid mit, er hat ihn sogar verinnerlicht. Er mag Mitglied einer katholischen Studentenverbindung sein, geht aber zum Christopher- Street-Day. Wenn er über die Renaturierung der Isar spricht, klingt er wie ein Naturschützer. Gerne würde er den Fluss ins Zentrum des Münchner Lebensgefühls rücken – und dann schwärmt der 53-jährige Historiker plötzlich von der Seine in Paris. Spaenle ist ein alter Hase – zum fünften Mal tritt er im Stimmkreis an. Das erste Mal verlor er gegen die vor einem Jahr verstorbene Monica Lochner-Fischer – beim zweiten Anlauf klappte es. 2008 war der Vorsprung denkbar knapp. „Bei den Zweitstimmen lag die SPD vorn“, sagt Spaenle stolz.

Hunderte Wähler der Genossen gaben ihm offenbar die Erststimme. Auch diesmal geht es für ihn um alles: Auf die Absicherung durch Listenplätze sollte sich bei der CSU niemand verlassen. Immerhin: Ministerpräsident Horst Seehofer hat dem Schwabinger, der unlängst bei der Verwandtschaftsaffäre in die Schlagzeilen geriet, eine Art Jobgarantie ausgestellt. Spaenle bleibt demnach auch dann Kultusminister, wenn er den Sprung ins Parlament verpasst. Diese Blöße will er sich aber nicht geben. Rastlos tourt der Minister mit seinem Flexi-Jahr durch Bayern. Im Wahlkreis geht er sogar von Tür zu Tür. Plakate allein reichen nicht zur Wiederwahl.

Mike Schier

SPD: Isabell Zacharias

Drohend fuchtelt sie mit dem Finger in Richtung Horst Seehofer herum. „Mein lieeeber Landesvater“, sagt sie gedehnt am Rednerpult des Landtags. Was folgt, ist eine Schimpftirade auf das Hickhack der CSU bei den Studiengebühren. Isabell Zacharias (SPD) kämpfte laut und hart gegen die „Uni-Maut“. So hart, dass sie von München bis Hamburg in den Schlagzeilen landete: Bei einer Demo gegen Studiengebühren bezeichnete sie CSU/FDP als „schwarzgelbes Gesocks“. Das gab Ärger. Abgeordnete reagierten empört, am Ende entschuldigte sich Zacharias. Manchmal geht das Temperament mit der 48-Jährigen durch. Zacharias ist bekannt für ihre spitze Zunge, beschimpft die FDP auch schon mal als „gelbe Pissnelken“. So ist sie eben.

Emotional und angriffslustig, authentisch, leidenschaftlich, aufbrausend. Sie gibt eine hohe Taktzahl vor. Geboren ist Zacharias in Husum, doch friesisch unterkühlt ist sie nicht. Sie redet schnell und präzise, sagt, was sie denkt. Seit 2008 sitzt sie für die SPD im Landtag, stieß schon beim ersten Anlauf beinahe CSU-Platzhirsch Spaenle vom Thron. Beim zweiten Versuch will sie es nun schaffen, das Direktmandat holen. Spaenle stehe für eine „verfehlte Schulpolitik“, sagt sie. Das Flexi-Jahr sei „absurd“, die G8-Reform „Murks“. Zacharias ist ein Energiebündel und alleinerziehende Mutter von drei Kindern, 19, 17 und zwei Jahre alt. „Für mich kann es gar nicht genug Arbeit geben“, sprudelt es aus ihr heraus. Sollte es die SPD in die Regierung schaffen, will Zacharias als erstes die Mitbestimmung an den Hochschulen reformieren, eine verfasste Studierendenschaft einführen, wie es sie fast überall in Deutschland gibt – nur nicht in Bayern.

Echte Partizipation, auch in Haushaltsfragen. Maßnahme zwei: Die Frauenquote in Führungspositionen einführen und für Einkommensgerechtigkeit zwischen den Geschlechtern kämpfen. „Wer sagt, Männer würden im Job nur besser verhandeln, der hat doch nicht richtig gefrühstückt!“ Nummer drei auf ihrer Liste: Das Kommunalwahlrecht für alle rechtmäßig und dauerhaft in Deutschland lebenden Ausländer einführen. „Jeder dritte Münchner hat einen Migrationshintergrund“, sagt sie. „Die müssen endlich mitbestimmen dürfen.“ Mitbestimmung, das ist wichtig für Zacharias. Denn sie weiß: „Opposition ist Mist!“

Thomas Schmidt

Grüne Margarete Bause

Aufgewachsen ist sie auf dem Bauernhof, sie kann melken, ausmisten, sogar Ferkeln auf die Welt helfen. Und doch ist Margarete Bause eine Vorkämpferin der Großstadt- Grünen, ihre Wohnung in Schwabing hat keinen Garten, nur einen kleinen Balkon voller Kräuter. Die Spitzenkandidatin der Grünen könnte sich gut vorstellen, Spaenle als Kultusministerin zu beerben. Vor 27 Jahren, als Franz Josef Strauß noch Ministerpräsident war, zog Bause zum ersten Mal über die Liste in den Landtag ein. Heute führt sie die Grünen als Fraktionschefin an. „Durch unsere Aufmüpfigkeit“, sagt sie, „haben wir Bayern verändert.“ Von der Energiewende über die Asylpolitik bis zur Gleichberechtigung von Homosexuellen seien die Grünen der „Taktgeber“ der Politik. Empathie und Emotion sind ihr wichtig, „nicht nur kühle Konzepte und Papiere“. Über Ungerechtigkeit kann sich die 54-Jährige höllisch aufregen. „Dieses innere Feuer“, sagt sie, „gibt mir die Energie, in der Politik lebendig zu bleiben.“

Taktgeber“ der Politik. Empathie und Emotion sind ihr wichtig, „nicht nur kühle Konzepte und Papiere“. Über Ungerechtigkeit kann sich die 54-Jährige höllisch aufregen. „Dieses innere Feuer“, sagt sie, „gibt mir die Energie, in der Politik lebendig zu bleiben.“

Ihr Ziel bei der Wahl ist das Direktmandat, auch wenn sie weiß, dass das nicht einfach wird. 2008 landete sie hinter Spaenle und Zacharias auf dem dritten Platz. Jetzt will Bause Boden gut machen und setzt dabei auf das „grüne Lebensgefühl“ im Stimmkreis.

Viele Konservative, die noch nie im Leben Grün gewählt hätten, würden heute darüber nachdenken, sagt Bause. Schließlich würden andere Parteien grüne Positionen immer häufiger übernehmen. Die erfahrene Wahlkämpferin steht für Bildungs- und Umwelt-Themen. Die von den Bürgern abgewatschte dritte Startbahn würde sie am liebsten gestern aus dem Landesentwicklungsplan streichen. Außerdem will Bause ein Umwandlungsverbot von Miet- in Eigentumswohnungen durchsetzen und Gemeinschaftsschulen einführen. Eine schwarz-grüne Koalition schließt sie aus. „Die sitzen seit über 50 Jahren an den Fleischtöpfen“, sagt Bause. „Es wird Zeit, dass die CSU Bescheidenheit und Demut lernt.“

Thomas Schmidt

FDP: Wolfgang Heubisch

Manchmal bricht der Schrei aus ihm raus: Wut, Frust, Kraft – auf dem Squash-Platz, nicht im Kabinett. Beim Sport baut Wolfgang Heubisch ab, was sich in der Politik aufstaut. In drei Jahrzehnten Squash lernt der FDP-Kunstminister auch viel, was er in einer Koalition mit der CSU brauchen kann: „Ein großes Maß an Gewinner- Gen, ohne den anderen zu verletzen. Die Erfahrung, dass Bälle, die an dir vorbeigehen, nicht verloren sind.“

Die Sache mit den Studienbeiträgen war wohl ein Moment, wo der Ball schon hinter ihm war. Heubisch erkannte, dass die Beiträge vorerst nicht zu retten sind, dass es für die FDP da um mehr geht als nur um einen Ballverlust. Mit einem präzise gesetzten Interview drehte er die Stimmung in der Partei.

Man unterschätze ihn also nicht – auch im lokalen Umfeld. Heubisch, 67 Jahre jung und als gelernter Zahnarzt Polit-Quereinsteiger, kämpft in einem Stimmkreis, der privat und politisch intensiv seine Heimat ist. Er wohnte seit der Studentenzeit in Schwabing, derzeit mit neuer Partnerin im Lehel. In Schwabing liegen die Exzellenz-Unis (Titel wieder geholt), die Pinakotheken („haben an Ansehen gewonnen“), Theater, Oper, die weltweit mit zur Spitze zählen – und zu seinem Zuständigkeitsbereich als Minister. Sein Ziel im Stimmkreis: „Fünf Prozent über der Partei.“ Das wären, an 2008 gemessen, fast 20 Prozent. Da dürfte diesmal mancher Gegenkandidat aufschreien.

Christian Deutschländer

Freie Wähler: Otto Bertermann

Otto Bertermann kann mit Fug und Recht behaupten, im Handstreich Stadt- und Landespolitik kurzfristig durcheinandergewirbelt zu haben. 2008 hielt der heute 67-Jährige noch die gelbe Fahne der Liberalen hoch und fuhr in Bogenhausen mit 14,1 Prozent das beste Ergebnis der FDP in Oberbayern ein. Er saß sowohl im Landtag als auch im Münchner Stadtrat – eine recht ungewöhnliche Doppelfunktion. Fünf Jahre später ist das Tischtuch zerschnitten. Im Frühjahr kehrte Bertermann der FDP den Rücken und schloss sich den Freien Wählern an. Das Ja der FDP zur Präimplantations-Diagnostik und passiven Sterbehilfe hätten für ihn als Christen den Ausschlag zum Austritt gegeben. Die FDP war sauer, die Freien Wähler hoch erfreut.

Der erfahrene Gesundheitsexperte betreibt eine Arztpraxis und versteht sich als Sachpolitiker mit eigenem Kopf. Er setzt sich vor allem für Altersund Palliativ-Medizin sowie eine Verbesserung der Notfallversorgung ein. „Ich werde konservative Wähler von Heubisch und Spaenle mit rüber nehmen“, sagt er. Mit Platz zwölf auf der Liste sind seine Chancen auf einen Landtagssitz allerdings sehr gering.

Thomas Schmidt

Wer noch antritt

ÖDP: Der 31-jährige ÖDP-Chef Sebastian Frankenberger kandidiert für Landtag und Bundestag. Das liegt zum einen am Personalmangel der ÖDP, zum anderen aber natürlich an seiner Berühmtheit. Der gebürtige Passauer wurde mit seinem Nichtraucher- Begehren überregional bekannt – heute hat er Hausverbot in zahlreichen Gaststätten. 2008 holte die ÖDP gerade mal ein Prozent. Frankenberger soll als Identifikationsfigur mehr schaffen, polarisiert jedoch auch in seiner eigenen Partei.

Die Linke: Lilian „Lili“ Schlumberger- Dogu ist 63 Jahre alt, Lehrerin und Kreissprecherin der Linken in München. Sie ist gegen das gegliederte Schulsystem. Zuletzt solidarisierte sie sich ausdrücklich mit dem Flüchtlingsprotest am Rindermarkt.

Bayernpartei: Charlotte Gornik ist die Wirtin der Kneipe „Ungewitter” in der Arcisstraße. Sie beklagt vor allem, dass Schwabing immer weniger für die Münchner Lebensart stehe. „Auch das ist bayerische Tradition“, so Gornik, „und auch das wollen wir erhalten.”

Piratenpartei: Martin Liebe, technischer Angestellter.

Republikaner: Abdul-Latife Khalid.

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