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Eiszeit unter Spezln: Ludwig Spaenle und Ministerpräsident Markus Söder. Das Bild stammt von der Pressekonferenz im Mai, bei der Spaenle als bayerischer Antisemitismusbeauftragter vorgestellt wurde. 

Ehemals Kultusminister - jetzt sogar ohne Mandat

Ludwig Spaenle: „Ich bin ziemlich blöd in der CSU angemacht worden“

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Der Fall Ludwig Spaenle. Einst Kultusminister. Sein Landtagsmandat hat der CSU-Politiker an einen Grünen verloren. Wie es weitergeht? Offen. Vielleicht kandidiert er als Oberbürgermeister in München. Vielleicht. Ein Besuch. 

Als am Odeonsplatz ein Demonstrant Ludwig Spaenle mit einer Tomate bewirft, ist die Welt noch in Ordnung. 2010 ist das. Spaenle ist bayerischer Kultusminister. Markus Söder Gesundheitsminister. Beide sind Spezl. Acht Jahre später sitzt Spaenle in einem Büro im fünften Stock des Kultusministeriums: Schreibtisch, drei Bücher, wenige Unterlagen, kein Bild, keine Pflanze. Bis März gab es dieses Büro nicht. Es war irgendein kleiner Besprechungsraum in seinem eigenen Ministerium.

Spaenle ist heute weder Minister noch Landtagsabgeordneter. Sein Direktmandat in Schwabing nahm ihm am 14. Oktober ein Grüner weg, das Ministeramt am 21. März Ministerpräsident Markus Söder. 

Seitdem herrscht Eiszeit zwischen den beiden. Ob Ludwig Spaenle Bezirkschef der CSU in München bleibt, ist ebenfalls fraglich. Spaenle ist angezählt – in der letzten Runde. Immerhin ist er Nachrücker für den Landtag. Sein Ergebnis auf der Oberbayernliste ist gut.

„Gefühle spielen keine Rolle“

Über das, was intern in der Partei und mit Söder passiert ist, redet Spaenle – der Taufpate von Söders Sohn ist – nie öffentlich. So oft ist er danach gefragt worden. Genau so oft dürfte er sich selbst den Kopf zerbrochen haben, wie er aufs Abstellgleis gekommen ist. Aber er weiß, wann er den Mund halten muss. „Gefühle spielen keine Rolle“, sagt er. Pause. Spaenle schnieft, schaut aus seinen großen Bürofenstern auf den Maximiliansplatz, grübelt. Es herbstet – nicht nur da draußen.

Spaenle und die CSU: Irgendwie will er dann doch darüber reden. Fast 25 Jahre saß der 57-Jährige im Landtag. In den letzten Wochen sei er „ziemlich blöd in der CSU angemacht worden“, beginnt er.

Spaenle ist noch Mitglied im Parteivorstand. CSU-Chef Horst Seehofer kennt er gut. Unter ihm wurde er 2008 Minister. Schon vor dem Wahldebakel bei der Landtagswahl in diesem Jahr habe er intern die Misere thematisiert. Von „Milieubruch“ der Wählerschaft habe er gesprochen. Dass viel mehr Menschen die Grünen wählen – vielleicht, weil es ihnen wirtschaftlich gut gehe und sie sich das erlauben können. Und dass das nicht nur in den Städten der CSU das Genick brechen könnte.

Als auch Horst Seehofer mit Spaenle bricht...

Das wollten intern in der CSU nicht alle hören. Über was er denn da palavere, sei ihm vorgehalten worden. Wenn er darüber laut nachdenkt, klingt es wie eine kleine Abrechnung mit seiner Partei und bestimmten Herrschaften. Vielleicht schwingt auch Selbstschutz mit, wenn er sagt, er habe seinen Verlust kommen sehen.

Ludwig Spaenle, gebürtiger Münchner, verheiratet. Seine Hemdsärmel hat er nach oben gekrempelt, um den Hals hängt ein hellbrauner Schal. 1974 Schülerunion, 1994 Landtag, 2008 Staatsminister für Unterricht und Kultus. Er ist am Ende der dienstälteste Kultusminister in Deutschland. Wenn er davon spricht, lächelt er stolz. Kritik musste er öfters einstecken – nicht nur seines Auftretens wegen.

Einige halten ihn für zu forsch. Zuletzt, als er noch Minister war, brach Horst Seehofer, damals noch Ministerpräsident, mit ihm. Es ging um die Zukunft des Gymnasiums. Seehofer kanzelte Spaenle ab, erklärte das Thema zur Chefsache. Der Unmut der Landtagsfraktion, die sich nicht genügend informiert gefühlt habe, richtete sich gegen Spaenle. 2017 war das – der Anfang vom Ende.

Spaenles neue Stelle: Antisemitismus-Beauftragter

Spaenle starrt weiter aus dem Fenster auf den Maximiliansplatz. Dass es in den letzten Monaten in der CSU gekracht hat, dass es wieder er abbekommen habe unter Söder, und dass andere sich an die Nase fassen sollten, will Spaenle nicht offen aussprechen. Er versucht es so: „Im Wahlkampf sind Leute auf mich zugekommen und haben gesagt, dass sie die CSU nicht wählen, weil sie so enttäuscht sind, was die mit mir gemacht hat.“

Von seinem früheren 14-Stunden-Tagen ist heute nichts mehr übrig. Seinen Terminplan macht er wieder selbst. Abends könne er sich in Ruhe Kabarett im Fernsehen anschauen, sagt Spaenle. Und am Wochenende in die Fränkische Schweiz fahren, wo seine Mutter herstamme. Seit Mai 2018 ist Spaenle „Beauftragter für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe“ der Staatsregierung. Eine für ihn neu geschaffene Stelle. Dienstfahrzeug, Fahrer und eben das Büro.

Dass er damit abgespeist worden sei, wird ihm öffentlich vorgehalten. Wenn er das hört, wird Spaenle laut: „Das ärgert mich tierisch“, sagt er. Seine Miene wird ernst und grimmig. Es gehe um die Aufgabe. Antisemitismus sei ein wichtiges Thema, Geschichtspolitik sei immer schon sein Steckenpferd gewesen; Spaenle hat Geschichte und Theologie studiert.

Europaabgeordneter? Danke, nein! 

An einem Schrank hinter Spaenle hängt ein Wimpel des Internationalen Olympischen Komitees mit hebräischer Schrift. Aus Israel habe er den Wimpel, erzählt er. Zwei Mal im Jahr sei er dort. Wie lange er als Antisemitismusbeauftragter hier bleiben wird, in seinem neuen Büro, darüber wird das neue bayerische Kabinett entscheiden. Die Freien Wähler wollen Beauftragtenstellen kürzen.

Was für Spaenle feststeht: Als Europaabgeordneter will er sich nicht aufstellen lassen. Ob er in die Münchner Stadtpolitik geht, vielleicht als Bürgermeister kandidiert? „Ich schließe nichts aus“, sagt er. Und: „Dass ich mich nicht auf das Altenteil zurückziehe mit 57, ist sicher.“

Ein OB für München

Eine OB-Kandidatur scheint aber kaum denkbar. Die Münchner CSU dürfte da andere Vorstellungen haben. Kommunalreferentin Kristina Frank, 36, gilt als chancenreich, eine Frau gegen OB Dieter Reiter zu setzen, als interessanter Schachzug. Auch Fraktionschef Manuel Pretzl, 42, wird stark gehandelt, Stadtrat Hans Theiss, 41, als Außenseiter genannt.

Den Namen Ludwig Spaenle hört man nicht. „Ich hätte gerne weitergemacht“, sagt Spaenle – im Landtag, als Minister. Alles sei sehr schade. Er schnauft tief ein und blickt wieder nach draußen auf den Maximiliansplatz.

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