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Erwin Sellering ist der Sieger der Wahl - und doch zeigte er sich eher verhalten.

Verhaltener SPD-Spitzenkandidat

Erwin Sellering: Ein Wahlsieger, dem nicht nach Feiern ist

Berlin - Zwischenzeitlich hatten die Sozialdemokraten wegen der „Meck-Pomm“-Wahl das Schlimmste befürchtet. Nun ist es glimpflich ausgegangen. Aber es bleibt ein übergroßes Problem mit drei Buchstaben.

Diesmal bleibt ihnen das Desaster erspart. Die Sozialdemokraten wissen, wie sich das anfühlt - von der AfD überholt werden. Im März ist ihnen das bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg passiert. Nun hat es die CDU in Mecklenburg-Vorpommern getroffen, ausgerechnet im Stammland der Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel. Für die Sozialdemokraten geht die Abstimmung im hohen Norden dagegen glimpflich aus: Sie landen auf Platz eins. Ihr Regierender dort, Erwin Sellering (SPD), kann weitermachen. Die Verluste bei der Wahl fallen geringer aus als befürchtet. Aber in Feierlaune ist die SPD trotzdem nicht.

Sonntagabend, 18 Uhr im Willy-Brandt-Haus. Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, steht in der SPD-Zentrale und wartet auf die erste Hochrechnung aus Mecklenburg-Vorpommern. Die besagt: 30,5 Prozent für die SPD. Kurzer Jubel. Auch Müller lacht und klatscht. Doch dann kommen die ersten Prognosezahlen für die AfD: über 20 Prozent, mehr als die CDU. Im Saal wird es schlagartig still. Müller schüttelt den Kopf. Er hat in zwei Wochen ebenfalls eine Wahl zu überstehen - und die AfD macht ihm auch in Berlin zu schaffen.

Sigmar Gabriel zeigt sich zufrieden

Gegen 18.20 Uhr steigt SPD-Chef Sigmar Gabriel gemeinsam mit Müller auf die Bühne. Gabriel hat ein einigermaßen zufriedenes Gesichtaufgesetzt. Endlich mal passable Nachrichten für seine Partei. Gabriel lobt, Sellering habe Kurs gehalten und sei belohnt worden. Aber ja, natürlich könne man nicht zufrieden sein mit dem Erfolg einer Partei wie der AfD.

Gabriels Antwort: Politiker müssten die Sorgen der Menschen ernstnehmen. Niemand dürfe Angst haben, wenn Deutschland Flüchtlinge aufnehme. Die Menschen dürften nicht fürchten, da selbst zu kurz zu kommen. Und dann kommt er wieder mit seiner Idee für ein „Solidarpaket“: eine Art Kümmerer-Paket für die einheimische Bevölkerung. Und er meint: „Wir Sozis sind Experten für gesellschaftlichen Zusammenhalt.“

Die SPD sucht händeringend nach einem Rezept gegen die AfD. Müller meint, die Lösung sei „klare Kante zu zeigen“. Hannelore Kraft, die Regierungschefin aus Nordrhein-Westfalen, die im kommenden Jahr eine Wahl zu bestehen hat, formuliert es so: „Wir müssen klar sagen, wofür wir stehen.“ Ja - aber wofür denn?

Sellering kritisiert Merkels Flüchtlingspolitik

Sellering kritisierte im Wahlkampf, Merkels Kurs in der Flüchtlingspolitik sei realitätsfremd. Auch Gabriel setzte sich zuletzt knallhart von Merkels Linie ab und referierte plötzlich über die Sinnhaftigkeit von Obergrenzen. Dabei haben die Sozialdemokraten die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung nun mal mitgetragen und mitbestimmt, sich zeitweise sogar ordentlich gebrüstet damit, sie seien die einzige Kraft in der Koalition, die geschlossen zu Merkel stehe und Kurs halte. „Kurs halten“ - das ist offenbar ein dehnbarer Begriff.

Die SPD sei in „Meck-Pomm“ „mit einem hellblauen Auge davongekommen“, sagt ein führender Genosse. Zwischenzeitlich hatte es noch ganz anders ausgesehen. Da ließen Umfragen es möglich erscheinen, dass die SPD den Ministerpräsidenten-Posten verlieren und selbst von der AfD überrundet werden könnte. Doch das ist nun abgewendet. Er sei erleichtert, „dass nicht immer nur wir die Zeche zahlen müssen“, sagt der Genosse mit dem hellblauen Auge. Nein, diesmal trifft es die CDU.

Gabriel hält sich mit Sticheleien Richtung Union zurück

Gabriel hält sich mit Sticheleien Richtung Union an diesem Abend zurück. Sein Vize Ralf Stegner nicht. „Das ist eine schwere persönliche Niederlage für die Kanzlerin“, sagt Stegner. „Als drittstärkste Kraft hinter der AfD zu landen, hinterlässt Zweifel an der Regierungsfähigkeit und ist ein schwerer Schlag für die Konservativen.“

Der SPD-Spitze setzte sich zuletzt gleich an verschiedenen Fronten von der Union ab. CDU und CSU ätzten zurück. Der Wahlkampf im Bund hat längst begonnen. Nach der denkwürdigen Wahl an der Ostsee dürfte der Wind nun noch rauer wehen.

dpa

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