+
Bayerische Spezialitäten: Wie viele Horst Seehofer wählen, weiß man erst am 15. September. Die Umfragen im Vorfeld beherrschen allerdings die politische Debatte.

Das Kreuz mit den Umfragen

Wie gut sind Wahl-Prognosen wirklich?

München - Die CSU liegt bei 48 Prozent, die SPD nur bei 20. Ist die Landtagswahl entschieden? Einige Politprofis zeigen sich skeptisch: Erstens sind 46 Prozent der Wähler noch unentschlossen. Zweitens birgt das komplexe bayerische Wahlsystem für Demoskopen durchaus Tücken.

Hubert Aiwanger wagt mal wieder die steilste These: „Die CSU kriegt keine 48 Prozent“, legt sich der Vorsitzende der Freien Wähler nur wenige Tage vor dem Urnengang am kommenden Sonntag fest. Mehr noch: „Die wird um die 40 kämpfen müssen.“ Seine eigene Partei, die die Meinungsforscher nur bei sieben oder acht Prozent verorten, sieht der wortgewaltige Niederbayer „eher bei 15 als bei zehn Prozent“.

Erststimme, Zweitstimme: Das müssen Sie wissen

Klappern gehört nicht nur bei Aiwanger zum Geschäft. Generell glauben Politiker nur jenen Umfragen, die positiv für sie ausfallen. FDP-Abgeordnete sind deshalb felsenfest davon überzeugt, auch die nächsten fünf Jahre im Maximilianeum arbeiten zu dürfen – allen Drei-Prozent-Werten zum Trotz. SPD-Spitzenkandidat Christian Ude zitiert in einer Art Dauerschleife die Umfragen aus dem Jahr 2008, die die CSU noch kurz vor der Wahl deutlich besser einstuften als am Wahlabend: „Wer glaubt, den Ausgang der Wahl jetzt schon zu wissen, hat offenbar vergessen, wie falsch die Vorhersagen beim letzten Mal waren.“ Doch was ist da eigentlich dran?

Alle Infos zur Landtagswahl finden Sie hier!

Tatsächlich gab es in der Vergangenheit im Freistaat immer wieder deutliche Abweichungen zwischen Umfragen und Wahlausgang. 2008 beispielsweise bescheinigte Forsa eine Woche vor der Wahl der CSU 50 Prozent – am Wahlabend folgte der Absturz auf 43,4. Fünf Jahre vorher war die Differenz nicht ganz so groß – dennoch versetzten die 19,6 Prozent der SPD einen schweren Schock: Erstmals fielen die Genossen unter die 20-Prozent-Marke. Zwei Wochen vorher hatte ihnen die Forschungsgruppe Wahlen noch 22 Prozent in Aussicht gestellt. 1998 lagen die Demoskopen noch deutlicher daneben: Forsa maß nur zwei Tage vor dem Urnengang für die CSU 49 und die SPD 34 Prozent – am Ende waren es fast 53 und 28,7.

Ergebnisse der Landtagswahl Bayern 2013 finden Sie ab Sonntagabend hier - ebenso ab jetzt die Ergebnisse von 2008!

„Die Umfragen können das bayerische Wahlrecht nicht richtig abbilden“, ist sich die bayerische FDP-Vorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sicher. „Das komplizierte bayerische Wahlsystem legt es nahe, erst dem amtlichen Endergebnis zu glauben“, sagt auch Ude. Anders als im Bund wird mit der Erststimme im Freistaat nicht nur der Direktkandidat bestimmt – sie wird mit der Zweitstimme für die Sitzverteilung addiert. Zugleich müssen die knapp 9,5 Millionen Wahlberechtigten mit der Zweitstimme nicht unbedingt für den Listenführer einer Partei stimmen – sie können auch Hinterbänkler nach vorne wählen. In Telefonumfragen, in denen allein nach Parteienpräferenz gefragt wird, lässt sich so was schwer abbilden.

Hier geht's zum Wahl-O-Mat

Der Münchner Politikwissenschaftler Paul Thurner vom Geschwister-Scholl-Institut will die Einwände der Politiker „relativieren“ – bislang hätten die Sonntagsfragen zumindest bei Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen die Wahlergebnisse recht gut getroffen. Die Abweichungen sieht er weitgehend von der normalen Ungenauigkeit von Umfragen gedeckt, bei der letzten Wahl 2008 seien lediglich die Christsozialen etwas zu gut und die Freien Wähler zu schlecht bewertet worden. Thurner hat sich die Zahlen genauer angesehen und Interessantes entdeckt: „Wir haben bei den Landtagswahlen ein sehr viel geringeres Stimmensplitting als bei Bundestagswahlen.“ Gut für die Demoskopen! Aber woran liegt das? Im Bund wird gerne taktisch gewählt, beispielsweise um die FDP für Schwarz-Gelb in den Bundestag zu hieven. „Solche Gründe waren im bayerischen Kontext zumindest bis 2008 so bisher nicht relevant“, sagt Thurner. Die CSU regierte stets allein.

Landtagswahl Bayern in Zahlen und Fakten

Landtagswahl Bayern in Zahlen und Fakten

Nach der Abgeordnetenaffäre könnte sich dies Landtagswahl Bayern in Zahlen und Faktenes Wahlverhalten 2013 aber ändern. „Ich kann Ihnen aus dem Stand mindestens zehn CSU-Abgeordnete aufzählen, die fünf Prozent bei den Erststimmen verlieren. Das decken die Umfragen nicht ab“, sagt Hubert Aiwanger. „Der Wähler wird am Telefon überfallen und gefragt, was er wählt – da sagt er zur Sicherheit: CSU. Aber wenn die Leute dann vor der Wahl wirklich nachdenken, dann stellen viele fest: Den Alexander König wähle ich diesmal nicht – der soll seine Digitalkamera künftig selber kaufen.“ Die FDP hat das längst zur Strategie erklärt: „Thomas Hacker legt in Oberfranken einen Schwerpunkt auf dieses Thema“, sagt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger über ihren Fraktionschef, der gezielt mit diesem Thema in Königs Heimat plakatiert.

Landtagswahl: Die fünf Spitzenkandidaten im Porträt

Landtagswahl: Die fünf Spitzenkandidaten im Porträt

Die CSU gibt sich dennoch gelassen. „Umfragen sind keine Wahlergebnisse, sondern messen aktuelle Stimmungen“, sagt Generalsekretär Alexander Dobrindt. Es gelte aufgrund dieser Stimmungen politisch zu reagieren. Dazu sei bis zum Wahlabend Zeit, weshalb Abweichungen zwischen Umfrage und Ergebnis logisch seien. „Wer glaubt, dass Umfragen ein Blick in die Glaskugel sind, hat das System nicht verstanden.“

Aktuelle Infos zur Landtagswahl finden Sie hier bei Facebook!

Mike Schier

 

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kommentar zu Seehofer: Vielleicht kriegt’s ja keiner mit!
Horst Seehofer hat die Kehrtwende vollzogen. Plötzlich rückt der CSU-Chef im Wahlkampf von seiner erst propagierten Obergrenze für Flüchtlinge ab. Doch was steckt …
Kommentar zu Seehofer: Vielleicht kriegt’s ja keiner mit!
Ministerin Zypries fordert Abschaffung der Luftverkehrssteuer
Als Reaktion auf die Pleite von Air Berlin hat Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) eine Abschaffung der Luftverkehrssteuer gefordert, um den …
Ministerin Zypries fordert Abschaffung der Luftverkehrssteuer
Ermittler auf der Spur eines Terrorverdächtigen
Während Barcelona um die Anschlagsopfer trauert, sucht die Polizei noch immer nach den Schlüsselfiguren des Terrors. Sind sie möglicherweise schon tot? Es soll eine neue …
Ermittler auf der Spur eines Terrorverdächtigen
Seehofer und das O-Wort - Wahlkampfversprechen oder Luftnummer?
2016 hatte sich Horst Seehofer festgelegt. Es werde keinen Koalitionsvertrag ohne Obergrenze für Flüchtlinge geben. Doch je näher die Bundestagswahl rückt, desto …
Seehofer und das O-Wort - Wahlkampfversprechen oder Luftnummer?

Kommentare