Wer zieht in den Landtag ein?

Zittern bis zuletzt

München - Die letzten Kandidaten zittern sich in den Landtag. Nach quälenden Tagen und Nächten ohne Ergebnis steht nun weitgehend fest, wer über die Listen doch noch ein Mandat erringt. Einige Abgeordnete stürzen ab.

Sie saß bis nachts um 4 Uhr vor dem Computer, schreckte morgens um 5.30 Uhr aus dem Schlaf hoch. Noch immer kein Ergebnis, noch immer leere Spalten auf dem Bildschirm. Zum Frühstück neue vage Zahlen. „Bescheuert, wirklich bescheuert“, fühle sich das an, sagt Eva Gottstein: „Ich hab Muffensausen bekommen.“

Gottstein, 53, bangt sich wieder in den Landtag. Fast 48 Stunden nach Schließung der Wahllokale dauert es, bis die Listenführerin der Freien Wähler und alle anderen Kandidaten Gewissheit über ihr Schicksal haben. Es sind Stunden, in denen man Martin Huber (CSU) aufs Handy-Display starrend durch die Stadt laufen sieht. Tage, in denen Sepp Dürr (Grüne) twittert: „Das hält doch kein Schwein aus!“

Wer die Bilder vom jubelnden Seehofer sah, vom zerknitterten Zeil, mag kaum glauben: Zwei Tage nach dem Wahlsonntag zählten Behörden noch immer, wer wirklich in den Landtag kommt. Schuld sind das Wahlsystem mit Erst- und Zweitstimme, die in München schleppende Auszählung und eine große Computerpanne beim Landratsamt München – der Landkreis ist Bayerns Schlusslicht.

Thomas Goppel kam auf Liste ganz nach vorn

Extrem knapp ging es beim Sieger CSU zu. Die Direktmandate waren früh klar. Vier Listenplätze gibt es dazu in Oberbayern. Die Münchnerin Mechthilde Wittmann ist glatt drin. Für Ex-Minister Thomas Goppel hat sich gelohnt, auf Risiko nur auf der Liste zu kandidieren: 17 000 Wähler häufeln ihn ganz nach vorn. Um wenige Stimmen landen am Abend Seehofers persönlicher Referent Martin Huber und der Bauernverbands-Chef Anton Kreitmair vorn, Markus Fröschl wird erster Nachrücker. Huber, Martin, wurde dabei fast zum Verhängnis, dass viele Wähler ihr Kreuzchen bei Huber, Marcel, setzten.

Ein anderer Huber – Erwin – setzte sich in Niederbayern durch. Er wurde von Platz 13 auf Platz 2 auffallend weit nach vorne gewählt. Noch ungewöhnlicher: In Mittelfranken drängte Markus Söder den Ministerkollegen Joachim Herrmann von Platz 1.

Was noch auffällt auf der CSU-Liste: Musikproduzent Leslie Mandoki stürzt weit nach hinten. Er habe zu wenig Wahlkampf gemacht, klagen mehrere Parteifreunde. Selbst in seiner Heimat Starnberg holte er nur 1027 Stimmen. Mandoki war von Bezirkschefin Ilse Aigner für die Liste geworben worden, beide sind befreundet.

In der Landtags-SPD mischt künftig ein Bürgermeister-Duo mit: Herbert Kränzlein, bis vor kurzem Bürgermeister von Puchheim (Kreis Fürstenfeldbruck), gelang ebenso der Wechsel in den Landtag wie dem Bürgermeister von Mühldorf, Günther Knoblauch – der 66-Jährige hätte im März wegen der Altersgrenze nicht mehr für den Rathausposten kandidieren dürfen. Ins Maximilianeum ziehen ferner die acht Münchner Abgeordneten, darunter Routiniers wie der Münchner SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann. Geschafft hat es auch Peter Paul Gantzer, der als Alterspräsident die erste Sitzung des Landtags eröffnen darf. Auch der Schulpolitiker Martin Güll aus Dachau kann weitermachen. Rausgeflogen ist Agrarexpertin Maria Noichl.

Prominente Verlierer bei der Franken-SPD: der Innenpolitiker Harald Schneider und die junge Internet-Expertin aus Udes Kompetenzteam, Doris Aschenbrenner.

Bei den Grünen liegen Jubel und Schmerz nahe beieinander. In Oberbayern stürzt Fraktionschef Martin Runge aus dem Parlament. Der wohl unbequemste und hartnäckigste Oppositionspolitiker, bei den Beamten der Regierung für seine detaillierten Anfragen verhasst, ist nur Nachrücker. Auch Innenexpertin Susanna Tausendfreund ist gescheitert. Sichere Oberbayern-Mandate gehen an Margarete Bause (siehe auch Seite 4), Claudia Stamm, Ludwig Hartmann, Sepp Dürr, Christian Magerl. Geschafft hat es auch die junge Münchner Grünen-Chefin Katharina Schulze.

Den Spitzenplatz der Freien Wähler behauptet nach ihren kurzen Nächten Gottstein. Ihre vier oberbayerischen Fraktionskollegen werden Florian Streibl, Michael Piazolo und Benno Zierer sowie in letzter Minute auch Nikolaus Kraus. Bitter: Der Freisinger Haushaltspolitiker Manfred Pointner ist weit draußen, ebenso Schlagerstar Claudia Jung. Aussichtslos nach hinten gerutscht: FDP-Überläufer Otto Bertermann. In der Oberpfalz verpasste der Chef des Landtags-Innenausschusses, Joachim Hanisch, ein Mandat.

Christian Deutschländer und Dirk Walter

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