Olaf Scholz (SPD) zu Gast bei Markus Lanz (ZDF)
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Olaf Scholz (SPD) zu Gast bei Markus Lanz (ZDF)

Auch UEFA in der Kritik

„Markus Lanz“: Scholz muss sich Hartz-IV-Breitseite von „Zettel-Ewald“ stellen

Erst Fußball - dann Hartz IV. Markus Lanz hat am Dienstag ein volles Programm. Und Ewald Lienen. Der nimmt sowohl die UEFA als auch die SPD heftig in die Kritik.

Hamburg - „Markus Lanz“ meldet sich am Dienstag erst zu später Stunde: Nach der EM-Auftakt-Niederlage des DFB-Teams. Mit der Kritik von Gast Ewald Lienen an Bundestrainer Jogi Löw will sich Lanz aber gar nicht allzu lange aufhalten. Vielmehr interessiert ihn der Zusammenbruch des Dänen Christian Eriksen auf dem Europameisterschaftsrasen - und dessen gewissermaßen politische Dimension.

Eriksen war am Samstag beim Spiel gegen Finnland mit einem Herzstillstand auf dem Platz kollabierte. Ein Schicksal, das 2013 auch Lanz‘ zweiten Gast, Daniel Engelbrecht, ereilte. Der damalige Profi der Stuttgarter Kickers fühlte sich bei den Eriksen-Bildern an seine eigene Vergangenheit erinnert: „Als ich die Szene von Eriksen gesehen habe, kam mir sofort in den Sinn: Oh mein Gott, bitte nicht“, erklärte Engelbrecht: „Und im nächsten Moment liegt er auf dem Boden und in dem Moment hat es bei mir im ganzen Körper gerappelt.“ Auch Lienen war von der Szene bewegt: „Als ich sah, welche Hektik entstand, habe ich geweint vor dem Fernseher. Meine Frau und ich haben uns festgehalten, ich habe gewusst, dass der Junge um sein Leben kämpft.“

Darüber, dass die Partie zwischen Dänemark und Finnland nicht hätte fortgesetzt werden sollen, ist sich die Runde einig. ZDF-Fußballkommentator Béla Réthy meint: „Man kann die Verantwortung nicht den Spielern überlassen, sondern da muss der Verband entscheiden, dass das eben nicht geht. Entweder der dänische oder die UEFA.“ Ewald Lienen findet noch deutlichere Worte: „Für mich war die Entscheidung abgrundtief falsch. Die UEFA hätte eingreifen müssen und sagen müssen: Hier geht es heute nicht weiter und auch nicht morgen Mittag um zwölf.“ Er attestierte eine Respektlosigkeit gegenüber Eriksen, „aber diese Respektlosigkeit dem einzelnen Menschen gegenüber, die erleben wir überall.” Lienen schlägt den Bogen zur Gesellschaftskritik: „Wir brauchen nur die Nachrichten anzuschalten und sehen jeden Tag, was passiert. Aber wir machen trotzdem weiter.“

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 15. Juni:

  • Olaf Scholz – SPD-Kanzlerkandidat
  • Ulrike Herrmann taz-Journalistin
  • Ewald Lienen – Fußballtrainer
  • Béla Réthy – ZDF-Sportkommentator
  • Daniel Engelbrecht – Ex-Fußballprofi

In der zweiten Hälfte der Sendung wird die Diskussion handfest politisch - schließlich sitzt zu später Stunde auch der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in der Talkrunde, ebenso wie die taz-Journalistin Ulrike Herrmann. Scholz gibt sich ungebrochen optimistisch, trotz der stagnierenden Umfragewerte der Sozialdemokraten. Seine Hoffnung: „In Zeiten, die kürzer sind als von jetzt bis zur Bundestagswahl sind Veränderungen passiert, die genau die sind, die wir brauchen.“

Herrmann denkt ebenfalls, dass Scholz‘ Chancen von der öffentlichen Wahrnehmung abhängen. „Entscheidend wird sein, wie am Ende die Konstellation ist. Gucken wir uns mal Sachsen-Anhalt an, da war es am Ende ein Zweikampf zwischen CDU und AfD“, erläutert sie. „Kein Mensch hat sich für die anderen Parteien interessiert auch nicht für die SPD. Oder gucken wir Baden-Württemberg an. Das war ein Kampf zwischen Grünen und CDU, keiner hat sich mehr für die SPD interessiert. Wenn das passiert, dann wird es für die SPD sehr gefährlich.“

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Lienens Urteil über den Zustand der SPD ist derweil ähnlich negativ wie das über Bundestrainer Löw: „Was ich immer als sozialdemokratische Politik empfunden habe, davon kann ich nicht mehr sehr viel sehen.“ Niemand brauche sich zu wundern, „dass man die Menschen verliert, die man bei Hartz IV abgehängt hat, die man betrogen hat mit Hartz IV um das bisschen Privatbesitz, was sie sich erarbeitet haben – darüber brauchen wir nicht zu reden.“ Für einen Lacher sorgt Lienen dennoch als er erklärt: „Ich habe mich auf dieses Gespräch vorbereitet. Wenn Ihnen meine Kritik jetzt sehr sozialverträglich rüberkommt, dann liegt das daran, dass ich mir bei meiner Frau professionelle Hilfe geholt und ein Antiaggressionstraining gemacht habe die letzte Woche.“

Scholz selbst streicht SPD-Erfolge der vergangenen Legislaturperiode heraus und meint im Rückblick: „Wir haben eine ganz ordentliche Leistungsbilanz.“ Allerdings gesteht der Vizekanzler in Sachen Agenda 2010 auch Fehler ein. Diese habe die SPD erkannt und wolle sie nun korrigieren. Dafür stehe auch „das fortschrittliche Programm für Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft und für wirtschaftlichen Wohlstand, hinter dem die ganze SPD steht“. Herrmann hält dagegen: „Herr Scholz tut immer so, als hätte er ein Alleinstellungsmerkmal mit seinem Programm. Aber in Wahrheit ist es so, dass das SPD-Programm identisch ist mit dem Grünen-Programm“, bremst sie den Kanzlerkandidaten ein: „Der einzige Unterschied ist, dass die SPD immer wolkig bleibt.“

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Diese Wolkenhaftigkeit erfahren Herrmann und Talkmaster Lanz im weiteren Verlauf. Die Frage nach der Höhe des Spitzensteuersatzes unter einer SPD-geführten Regierung beantwortet der Finanzminister vage: „Für mich ist wichtig, dass wir eine Entlastung unterer, mittlerer und auch ganz ordentlich verdienender Leute zustande kriegen müssen“, betont er. „Das kann nicht funktionieren, wenn diejenigen, die sehr, sehr viel Geld verdienen, nicht einen Beitrag zur Finanzierung leisten.“

Konkret wird Scholz letztlich nur bei der Forderung nach mehr Tempo in Sachen Ausbau erneuerbarer Energien, denn um CO2-neutral wirtschaften zu können, sei ein Ausbau von 100 Terrawattstunden nötig: „Am Anfang der nächsten Legislaturperiode muss die Grundlage geschaffen werden für unseren wirtschaftlichen Wohlstand, indem wir, nachdem wir aus der Kohleverstromung aussteigen, nachdem wir aus der Atomenergie aussteigen, diesen Zubau hinkriegen. Und der heißt: In einem Jahr alle Gesetze so ändern, dass wir in zwei Jahren eine Stromleitung genehmigt kriegen und nicht in zehn.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Dass „Markus Lanz“ am Dienstagabend eine Live-Sendung ist, ist zu spüren und es tut dem Format gut. Die Diskussion ist lebhaft und kurzweilig, auch wenn der amtierende Finanzminister Olaf Scholz klare Kante schuldig bleibt. Fußball-Funktionär Ewald Lienen macht während der Diskussion seinem Trainer-Spitznamen „Zettel-Ewald“ alle Ehre: Er notiert in und zitiert aus einem mitgebrachten Büchlein, den Stift immer in der Hand. Vermutlich hätte er noch viel zur Diskussion beizutragen gehabt, doch auch trotz minimalen Überziehens ist die Sendung so schnell vorbei, wie sie begonnen hat. In großer Einigkeit endet die Runde mit der Feststellung: „Wir brauchen unbedingt eine Fortsetzung.”

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