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„Was für ein irrer Satz“: Belarus-Aussage der Reporterin entsetzt Lanz

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Belarus: Journalistin spricht bei „Lanz“ über brutalen Umgang – „Hunde auf seine Tochter gehetzt“
Belarus: Journalistin spricht bei „Lanz“ über brutalen Umgang – „Hunde auf seine Tochter gehetzt“ © Screenshot ZDF-Mediathek

Polen, Weißrussland und die EU. Bei „Markus Lanz“ gibt FDP-Mann Lambsdorff seine Einschätzung zum Konflikt zum Besten und eine Journalistin erzählt, was sie in der Region erlebt hat.

„Markus Lanz“ versucht am Dienstagabend den Blick auf die polnisch-weißrussische Grenze scharfzustellen. Dazu hat er sich die Journalistin Muriel Kalisch eingeladen, die vor Ort recherchiert hat. Dass das Erlebte nicht spurlos an ihr vorbeiging, ist ihr anzumerken: „Heute ist es natürlich besonders dramatisch. Wir haben heute Bilder gesehen von Flüchtlingen, die Steine und Baumstämme schmeißen am Grenzübergang Kusnica. Auf der anderen Seite sehen wir polnische Soldaten, die Wasserwerfer einsetzen, einzelne berichten auch von Tränengas.“

Talkmaster Markus Lanz fragt genauer nach: „Wie müssen wir uns das vorstellen, Frau Kalisch? Sie waren dort. Da irren Tausende Menschen durch den Wald, über Landstraßen, durch Sümpfe, mit kleinen Kindern. Manche auch einfach junge Männer. Die irren einfach durch den Wald und werden, wenn sie es nach vorne versuchen, von polnischen Grenzschützern zurückgestoßen und wenn sie versuchen, Richtung Weißrussland zurückzukommen, wieder nach vorne getrieben an die polnische Grenze. Ist das die Situation?“ „Ganz genau“, sagt Kalisch und erklärt, dass die polnischen und weißrussischen Soldaten bis letztes Jahr noch zusammengearbeitet hätten. Doch seit Mai 2020 schicke der belarussische Diktator Lukaschenko gezielt Menschen nach Europa.

Grenzkonflikt in Polen – Lambsdorff bei „Markus Lanz“: „Deren Angst ist natürlich, dass das der Beginn einer großen Operation ist“

FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, der als nächster deutscher Außenminister im Gespräch ist, hört den Schilderungen der Journalistin aufmerksam zu, ehe Gastgeber Lanz ihn darauf anspricht, dass er selbst kürzlich zu Gesprächen in Warschau gewesen sei. „Polen ist hier das Opfer einer Aggression“, stellt Lambsdorff fest und blickt auf die Lage: „Das sind ungefähr 15 bis 20.000 Menschen, die jetzt in Minsk und dort sich an der Grenze befinden. Also eine Zahl, und das zu sagen ist mir ganz, ganz wichtig, die überhaupt kein Vergleich zu 2015 ist. In zweierlei Hinsicht: Die Zahlen sind viel niedriger. 2015 hatten wir 800.000 bis eine Million, also eine völlig andere Dimension. Wir hatten 2015 auch eine originäre, also eine wirklich genuine Flüchtlingssituation. Die Menschen sind geflohen vor Krieg und Horror in Syrien. Wir haben hier eine von Lukaschenko produzierte Krise.“

Lambsdorff erklärt, warum er die polnische Regierung besucht hat: „Die Polen haben zunächst einmal das Recht, ihre Grenze zu schützen vor einem solchen Angriff. Ich finde es deswegen falsch, wenn man hingeht und den Polen jetzt erklärt, was sie alles genau tun müssen. Ich bin deswegen nach Warschau gefahren, um mit der Regierung zu reden. Um da mal zuzuhören – wie sehen die das eigentlich?“ „Und was ist deren Angst?“, fragt Gastgeber Lanz. Lambsdorff: „Deren Angst ist natürlich, dass das der Beginn einer großen Operation ist. Dass das sozusagen eine neue Route wird, die durch Polen führt, so wie das jetzt im Moment in Italien, in Spanien, Malta, Griechenland ist. Und diese Angst ist so groß, dass dort eine Härte herrscht, die, und das habe ich in den Gesprächen auch deutlich gemacht, zu einer Fehlentscheidung geführt hat. Und diese Fehlentscheidung ist in meinen Augen, diesen Grenzstreifen total abzuriegeln für Hilfsorganisationen, für Frontex, für die Vereinten Nationen, für Journalisten.“

Polnisch-weißrussische Grenze – Lambsdorff bei „Markus Lanz“: „Mir wurde in Warschau gesagt, man vermutet, dass Putin hinter der ganzen Operation steckt“

Lambsdorff weitet den Blick: „Diesen Mangel an Transparenz machen zwei andere Länder, die genau so Opfer dieser Aggression sind, nämlich Lettland und Litauen, machen das nicht. Dort kann man als Journalist, als NGO, als Hilfsorganisation nach vorne gehen und sehen, was passiert.“ Polen und die baltischen Staaten hätten nun Angst vor russischen Einflüssen in ihren Ländern, erklärt Lambsdorff: „Die glauben, Lukaschenko macht nichts ohne Putins Erlaubnis. Oder sogar: Ohne Putins ausdrückliche Aufforderung. Mir wurde in Warschau gesagt, man vermutet, dass Putin hinter der ganzen Operation steckt. Ich habe dazu allerdings keine Belege gesehen, deswegen würde ich das auch nicht behaupten. Aber eins ist klar: Die Unterstützung aus Moskau für Lukaschenko – die ist eindeutig gegeben.“

„Wir haben sogar eine militärische Übung gesehen, genau in der Ecke wo das passierte, in Grodno, wo russische Luftlandetruppen, also Fallschirmjäger, abgesetzt worden sind. Wo natürlich dann in Vilnius, also der Hauptstadt von Litauen und in Warschau alle Alarmglocken angehen. Weil das ist der westlichste Punkt von ganz Belarus, wo dann plötzlich russische Soldaten kommen“, beschreibt Lambsdorff weiter und zeigt Verständnis für die baltischen Staaten: „Das ist natürlich für die polnische, litauische und lettische Politik ein Grund, enorm nervös zu sein.“ Die Länder hätten Angst, dass ihnen das gleiche Schicksal wie der Ukraine drohen könnte.

„Markus Lanz“ - das waren seine Gäste am 16. November:

Kalisch widerspricht der Ansicht, man könne Polen in seinem Vorgehen nicht in die Pflicht nehmen: „Eine Sache, die man Polen sehr wohl sagen könnte, wäre, dass es gerade EU-Recht bricht, indem es diese Pushbacks legalisiert hat und jeden Tag durchführt. Wir in Europa sind eigentlich recht oft recht schnell dabei, Polen zu sagen, wenn es gerade EU-Recht bricht. In diesem Punkt hält sich die EU aber noch relativ bedeckt.“ Die ernüchternde Zustandsbeschreibung der Journalistin: „Wir haben mehrere Tausend Menschen an der Grenze zu Polen, die in diesen Wäldern verhungern und erfrieren.“

Im Video: Frauen und Kinder übernachten in Logistikzentrum

Die darauffolgende Aussage erwischt selbst den erfahrenen Moderator Lanz eiskalt. Die junge Journalistin beschreibt zunächst bildhaft, wie die Menschen an der belarussischen-polnischen Grenze hin- und hergeschoben werden. Dann fällt ein Satz, der die ganze Dramatik, die sich aktuell im Grenzgebiet abspielt, verdeutlicht. Ein Grenzschützer habe ihr gesagt: „Diese Menschen sind wie Steine, die Belarussen werfen sie zu uns rüber und wir werfen sie wieder zurück.“ Darauf reagiert Lanz schockiert. „Was für ein irrer Satz“, so der Talkmaster.

Den Unterschied zwischen dem polnischen und belarussischen Militär macht Kalisch allerdings deutlich: „Die Flüchtlinge haben uns erzählt, die polnischen Soldaten sind eigentlich recht freundlich. Die geben denen oft was zu trinken oder zu essen, aber die schicken sie zurück. Brutal sind die belarussischen Soldaten. Die schlagen Menschen, die rauben die aus. Uhren, das letzte Geld. Zurückgelassen wird man überhaupt nur, wenn man die Menschen mit Hunderten Dollar schmiert. Das, was mich glaube ich am meisten betroffen hat, war, als jemand erzählt hat, man habe Hunde auf seine Tochter gehetzt.“

FDP-Außenministerkandidat Lambsdorff kehrt bei „Markus Lanz“ vor der eigenen Tür: „Deutschland hat alles blockiert“

Gastgeber Lanz regt sich über Polens Haltung auf und fragt: „Sind wir ein so zerstrittener Haufen, dass wir nicht mal in der Lage sind, den Polen anzusagen: ‚Ihr lasst bitte das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen oder NGOs, Ärzte, Journalisten – ihr lasst die dort rein!‘“ Lambsdorffs realpolitische Einschätzung: „Ich würde lieber hier sitzen und jetzt sagen, wir haben eine gemeinsame Asylpolitik und im Rahmen dieser Politik verhält sich Polen gerade nicht korrekt und das könnten wir in Brüssel adressieren. Warum haben wir diese Politik nicht? Auch, weil Deutschland sie massiv behindert hat. Deutschland hat bis 2015, bis die Flüchtlinge bei uns in Massen ankamen, hat Deutschland, die Innenminister de Maizière, Hans-Peter Friedrich, Otto Schily, wie sie alle heißen, Horst Seehofer – alles blockiert in Brüssel, was in Richtung einer gemeinsamen europäischen Asylpolitik ging.“

„Markus Lanz“ - Das Fazit der Sendung

Die „Markus Lanz“-Runde blickt am Dienstagabend zusammen mit dem Politiker Alexander Graf Lambsdorff (FDP) und der Journalistin Muriel Kalisch an die EU-Außengrenze in Polen. Die Beschreibungen von Lambsdorff und Kalisch machen klar: Die Lage ist extrem angespannt, die Situation für die Migranten ausweglos. Lambsdorffs Wunsch für die Zukunft: Dass die Ampelkoalition das Dublin-Abkommen reformiert. (Hermann Racke)

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