1. Startseite
  2. Politik

„Wenn dieses Land in 20 Jahren noch wohlhabend sein soll ...“: „Lanz“-Runde schlägt Bildungs-Alarm

Erstellt:

Kommentare

Markus Lanz und seine Gäste in der Sendung vom 16.11.2022.
Markus Lanz und seine Gäste in der Sendung vom 16.11.2022. © Cornelia Lehmann/ZDF

Markus Lanz versucht in seinem ZDF-Talk die Ursache für die deutsche Bildungsmisere an Schulen und Kindergärten zu ergründen. Ein Experte spricht von „permanenten Krisenmodus“.

Bei „Markus Lanz“ geht es am Mittwochabend um den Bildungsnotstand an deutschen Schulen. Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger von der FDP verhehlt nicht die Probleme.

In der Folge kochen dennoch die Emotionen hoch: Bildungskrise. Bildungsnotstand. Bildungskatastrophe. Nach Einschätzung von Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani von der Universität Osnabrück, befindet sich das Deutschland bereits im letzten Stadium: „Die Hütte brennt! Man kann es nicht anders sagen“, so der Professor. Und kommentiert in Richtung Markus Lanz: „Die Sendung hätten wir vor 20 Jahren machen müssen.“ Man sei bereits jetzt „permanent im Krisenmodus“.

Der teils sichtlich angefasste Experte fordert in der Sendung ein klares „Signal“ zum „Umdenken“ und ein „Umorganisieren von Fachkräften“ von der Politik. Zweitere müssten von außerhalb in die Schulen „reingebracht“ werden, um zumindest den massiven Lehrermangel zu beheben. Stark-Watzinger bleibt ruhig – und in der Sphäre des Allgemeinen. Sie spricht von „Chancenbudget“, der Möglichkeit zum „Bildungsaufstieg“ und spezieller Förderung. Die Politik müsse eine „Balance finden“ - helfen und dennoch die Verantwortung der Bürger fördern. 

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Markus Lanz ist nicht überzeugt. Es seien „Schockwellen, die gerade durch das Bildungssystem gehen“, befindet der Moderator und zeigt in einem Einspieler Bilder einer deutschen Schule: kaputte Fenster, Schimmel an den Wänden und in den Toiletten. Verdrecktes und stark beschädigtes Inventar. Die Runde ist nach den Bildern peinlich berührt. Auch die Bildungsministerin muss schlucken und kommt ins Stottern, als sie auf Nachfrage zugeben muss, dass sie über die baulichen Missstände grundsätzlich informiert sei.

Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger wiegelt ab und verweist auf die Länderhoheit

Wie kann es sein, dass ein reiches Land wie Deutschland kein Geld für die Bildung seiner Kinder hat? Lanz will wissen, wer die Verantwortung dafür trägt und die Macht habe, „an diesen Zuständen etwas zu ändern“. Die Ministerin wiegelt ab - selbst wenn sie wollte, könnte sie an dem Umstand nichts verändern und verweist auf die Länderhoheit in Sachen Bildung.

El-Mafaalani gibt der Ministerin indirekt Recht und erklärt die ungünstige Aufteilung von Bund, Länder und Kommunen im deutschen Bildungssystem: Für Lehrer und Lehrerinnen und den Lehrplan sei das Land zuständig, für die bauliche Substanz und die Digitalisierung die Kommunen, für Zuschüsse und politische Grundsatzfragen der Bund.

Autor Sascha Lobo will den Bund nicht so leicht aus der Verantwortung nehmen. Er sieht in der von Finanzminister Christian Lindner (FDP) hochgehaltenen „Schuldenbremse“ ein politisches Instrument, um die nötige Finanzierung für eine Bildungsreform nicht anzuschieben. Lobo karikiert die zugehörige Haltung: „Ist superwichtig, das mit der Bildung, aber dafür haben wir leider kein Geld.“

Deutschland hat in Sachen Bildung wichtige Investitionen „einfach ausgelassen“

Das Hauptproblem, so El-Mafaalani: Deutschland habe in Sachen Bildung wichtige Investitionen „einfach ausgelassen“. Noch gebe es trotz der dramatischen Lage „kein Problembewusstsein in der Gesellschaft“. Zudem habe man es verschlafen, dem fundamentalen gesellschaftlichen Strukturwandel mit neuen Konzepten zu begegnen, inzwischen sei der Stand der Diversität „überkomplex“, so der Professor, was bedeute: nicht mehr zu handhaben.

Es gebe Klassen, in denen Schüler aus einem Dutzend unterschiedlicher Herkunftssprachen zusammenkommen. Hinzu komme die Auflösung von Familienstrukturen, die zunehmende Berufstätigkeit beider Elternteile. Es gebe Kinder, die so privilegiert aufwüchsen, wie „noch nie in der Menschheitsgeschichte“, die seien „gut ausgestattet“, würden „gewaltfrei erzogen“ – doch zugleich gebe es eine Zunahme an Armut in Deutschland „wie vermutlich auch schon lange nicht mehr“.

Mit dieser Situation lasse man überforderte Lehrkräfte mit einer schlechten Ausstattung größtenteils allein. Das führe dazu, dass „selbst die Engagiertesten“ irgendwann „an diesem System“ scheiterten. Die Probleme an den Grundschulen seien durch die schlechte Bezahlung der Lehrkräfte dort hausgemacht, so El-Mafaalani. Vor allem jene Kinder, die Förderung besonders bräuchten, seien stark betroffen.

Expertin warnt: Nicht gut ausgebildete Arbeitskräfte sind zukünftige Schulden

Auch Stark-Watzinger, deren Kinder nach ihrer Aussage in der Sendung in Großbritannien zur Schule gehen, gibt zu: „Es ist jahrzehntelang nicht genug in Schulen investiert worden“. Die Ministerin räumt ein, dass „nicht über Nacht alle Probleme“ gelöst werden könnten und spricht von einer „Mammutaufgabe“. Lobo, selbst Familienvater, warnt: „Wenn dieses Land in zwanzig Jahren noch wohlhabend sein soll“, müsse sich radikal etwa ändern. Allein in der digitalen Ausstattung hinke Deutschland vergleichbaren Ländern weit hinterher. Lobo: „Die Ausstattung der Schulen gehört ins Museum!“

Die Direktorin der Denkfabrik „Dezernat Zukunft“ Philippa Sigl-Glöckner haut von der anderen Seite in dieselbe Kerbe und warnt: „Nicht gut ausgebildete Arbeitskräfte“ seien „zukünftige Schulden“ und nennt fehlende Steuereinnahmen und steigende Ausgaben für Sozialleistungen. Sigl-Glöckner fordert, ein Sondervermögen noch in diesem Jahr zu organisieren und befürchtet, dass die „Chance vorbei“ sei, wenn das nicht gelinge.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Die Sendung versucht die Probleme des Bildungssystems zu sondieren und klappert die Problempunkte ab. Doch der Ursache geht sie nicht auf den Grund: Wieso sieht die Politik scheinbar zu, wie sich ein seit Jahren bekanntes Problem weiter verstärkt? Markus Lanz greift mehrfach die Frage nach dem fehlenden Reformwillen auf, die Bildungsministerin scheint trotzdem nicht besonders angefasst. (Verena Schulemann)

Auch interessant

Kommentare