Talk-Runde bei Maybrit Illner nach dem Quasi-Rücktritt von Armin Laschet
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Talk-Runde bei Maybrit Illner nach dem Quasi-Rücktritt von Armin Laschet

Laschet tritt zurück: Union was nun? 

„Schwerer Fehler!“ Merz gibt sich in Illners Laschet-Talk geläutert - und macht Merkel Vorwürfe

Nach Armin Laschets Quasi-Rücktritt ändert Maybrit Illner den Plan: Nun debattieren Merz und Özdemir über die Lage der CDU. Merz gibt sich geläutert - und erhebt Vorwürfe.

Berlin - Maybrit Illner fokussiert ihren Politik-Talk im ZDF wenige Stunden nach dem Quasi-Rücktritt von Armin Laschet neu. Der CDU-Parteivorsitzende hatte nach dem Wahldebakel seiner Partei einen Abschied auf Raten und einen Parteitag zur Nachfolge-Frage angekündigt.

Friedrich Merz, ursprünglich zum Thema christdemokratische Wirtschaftspolitik in die Sendung geladen, muss nun Stellung zur Vorsitzendendebatte nehmen. Spiegel-Redakteurin Melanie Amann wirkt dabei zum Teil wie eine Sparrings-Partnerin der Moderatorin und leistet sich teils heftigen Disput mit Merz. Aber auch der Grüne Cem Özdemir holt wirft dem ehemaligen Merkel-Kontrahenten Merz die Verfehlungen der CDU vergangener Jahre vor die Füße.

Einen gewissen Spott über die Union kann sich Özdemir nicht verkneifen und kommentiert das tagesaktuelle Geschehen lakonisch: „Der heutige Tag hat nicht dazu beigetragen, dass die Grünen oder die FPD die Entscheidung, jetzt erst mal mit der SPD gemeinsam zu reden, bereuen.“

„Maybrit Illner“ - diese Gäste diskutierten mit:

  • Friedrich Merz (CDU) - Bundestagsabgeordneter
  • Cem Özdemir (Die Grünen) - Bundestagsabgeordneter
  • Jessica Rosenthal (SPD) - Vorsitzende der Jusos
  • Melanie Amann - Mitglied Chefredaktion Der Spiegel

„Es hat uns alle etwas überrascht, was heute geschehen ist“, gibt auch Merz zu. Doch er befindet, Laschet habe „Respekt verdient“ und verkündet gleich nochmal einen „Neuanfang“ seiner Partei. Die Aufregung spielt Merz dagegen herunter: „Regierungswechsel gehören zu einer Demokratie dazu“, so der frisch gewählte Abgeordnete, die momentane „Dramatisierung der Lage“ sei ihm nicht ganz verständlich.

Merz bei Illner: 60 Prozent der Wählenden hätte die Union als zerstritten erlebt

„War Armin Laschet der falsche Kanzlerkandidat?“, fragt Illner Merz direkt. Der muss erst lachen, sagt dann aber ernst: „Über 60 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben die Union als zerstritten erlebt und zerstrittene Parteien werden nicht gewählt“.

Özdemir unterstreicht diese These. Er frage sich, ob es der Union und der Politik guttue, wenn Sitzungen in Echtzeit in der Bild nachzulesen seien, meint er in Anspielung auf jüngste Sondierungs-Eklats. Das sei eine „Misstrauenskultur“, ein „Dem-anderen-immer-eine-reinwürgen“. Özdemir räumte aber ein, dass er diese „Spielchen“ auch schon in seiner eigenen Partei erlebt habe.

Özdemir rügt im Maybrit-Illner-Talk: Die CDU hat die Erneuerung der Wirtschaftspolitik verschlafen

Merz nickt angeregt. Er datiert den Beginn der „Führungskrise“ der Union auf 2018. Jenes Jahr, in dem der CDU-Mann im Rennen um den Parteivorsitz gegen Annegret Kramp-Karrenbauer den Kürzeren zog. Damals habe die Partei Angela Merkels Vorschlag akzeptiert, Kanzleramt und Parteivorsitz nicht mehr in einer Hand zu lassen. Merz befindet: „schwerer strategischer Fehler“.

„Was hätte die Partei denn machen sollen?“, hakt Amann an der Stelle provokant nach, „Angela, du bleibst jetzt hier und machst jetzt weiter?“ Merz findet, Merkel hätte sich damals entscheiden müssen: ganz oder gar nicht! Illner wirft ein: „Das würden andere in Ihrer Partei anders interpretieren …“

Özdemir wagt den Blick nach vorn und fordert mit Hinblick auf die neue Regierungskoalition auch einen Stilwechsel. Das traditionelle Aufteilen der Ressorts müsse zugunsten einer politischen Teambildung aufgebrochen werden.

Merz fordert dagegen eine konsequente „Industriepolitik“, denn Europa falle im internationalen Ranking immer weiter zurück. Er nennt als Beispiel die pharmazeutischen Unternehmen, die in Deutschland fast „vollständig verschwunden“ seien. Merz stellt klar: „Das können wir uns mit der Umwelttechnologie nicht wieder leisten“, sonst sei es vorbei mit dem Wohlstand im Lande.

Illner-Talk: Merz gerät in heftigen Streit mit Spiegel-Journalistin Amann

Auch Özdemir wirft der Union vor, die Erneuerung der Wirtschaftspolitik verschlafen zu haben. Schon heute werde in der Industrie die CDU/CSU immer weniger als Ansprechpartner gesehen werden. Die Automobilherstellung fordere inzwischen selbst einen CO2-Preis, die Abkehr vom Dieselprivileg und die Erneuerung der Bauwirtschaft - all das seien ursprünglich Grünen-Vorschläge gewesen, für die seine Partei sich „jahrelang habe prügeln lassen“. Inzwischen habe die Industrie aber verstanden, dass es die einzige Möglichkeit sei, auf einem sich grün entwickelnden Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Özdemir: „Standortpolitik heute heißt, dass wir Weltmarktführer sein wollen beim Klimaschutz.“

Auch Journalistin Amann lässt keinen Zweifel daran, dass sie die Union - allen voran Merz - als veraltet ansieht, das habe sich nach dem Abgang Merkels verschlimmert. „Wie kommen Sie auf diese Vermutung?“, wirft Merz ein und Amann kontert: „Ich habe Ihr Programm gelesen. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie es gelesen haben!“ „Ich habe es mitgeschrieben“, empört sich Merz und donnert: „Dieses Programm ist im Präsidium der CDU beschlossen worden in Gegenwart, Anwesenheit und stimmberechtigt Angela Merkel!“.

Das Scheitern der Gespräche über eine Jamaika-Koalition bedauert Merz und sagt fast wehleidig: „Ich glaube auch, dass wir mit den Grünen etwas Gutes hätten erreichen können. Abgesehen davon, dass wir auch eine Mehrheit im Bundesrat hätten. Wir hätten viel durchsetzen können.“ Von Illner auf die Zukunft seiner Partei angesprochen, antwortet Merz: „Ich hätte gern, dass man die drei Buchstaben CDU größer schreibt als die drei Buchstaben ‚ich’.“ Das gelte für alle. Somit auch für ihn selbst.

Fazit des „Maybrit Illner“-Talks

Merz schlägt sich in der Generalabrechnung über die Fehler der Union wacker. Ein talk-internes Problem ist auch, dass das kurzfristig geänderte Thema der Sendung nicht zur Gäste-Runde passt - so bringt der Austausch wenig Überraschendes.

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