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Lauterbach „nicht so leicht berechenbar“ – Gesundheitsminister kassiert bei Lanz Breitseite

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Von: Florian Naumann

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Karl Lauterbach am 25. Mai bei „Markus Lanz“ im ZDF.
Karl Lauterbach am 25. Mai bei „Markus Lanz“ im ZDF. © Screenshot: ZDF-Mediathek

„Killer-Variante“ – ist das „Angstrhetorik“? Karl Lauterbach ist zurück bei Markus Lanz. Muss sich im Talk zu Affenpocken und Corona harsche Kritik anhören.

Hamburg – Es ist vergleichsweise ruhig geworden um das Thema Coronavirus. Seit dem Wegfall eines großen Teils der Beschränkungen und dem Scheitern der Impfpflicht im Bundestag fühlt sich der Alltag fast wieder zu Vor-Pandemie-Zeiten an. Doch gar nicht so lange her, da war Corona das Dauerthema bei „Markus Lanz“ und Karl Lauterbach (SPD) der gefragteste Gast in der Gesprächsrunde.

Nun sind die Affenpocken in Deutschland aufgetaucht. „Was ist gefährlicher: eine Corona-Welle im Herbst oder die Affenpocken?“, will Moderator Lanz am Mittwoch (25. Mai) vom Gesundheitsminister wissen. Lauterbach hat darauf eine eindeutige Antwort: „Ganz klar, eine neue Welle von Covid im Herbst. Bei Affenpocken ist keine Pandemie zu befürchten.“  

Karl Lauterbach bei Lanz: „Covid verändert sich 100.000-mal so schnell wie Affenpocken“

Die Journalistin Mariam Lau bemerkt, dass es sich erneut um eine Zoonose handelt, „das heißt, eine Krankheit, weil wir der Natur zu eng auf die Pelle rücken“. Aus ihrer Sicht werde dies auffällig wenig thematisiert. Lau sieht darin „etwas Bedrohliches, das passiert jetzt immer öfter“.

Lauterbach stimmt zu. Menschen könnten sich an geänderte Lebensbedingungen gut anpassen, auch dank Hilfsmitteln wie „Kleidung, Heizung, Air-Conditioner“. Tieren sei es möglich, Temperaturveränderungen von maximal zwei Grad zu verkraften. „Das hängt stark mit dem Klimawandel zusammen, Lebensräume verschwinden, wir dringen in diese vor“, bringt Lauterbach es auf den Punkt. 

Schätzungen zufolge gebe es pro Jahr 200 Ausbrüche neuer Krankheiten. „Diese Ausbrüche haben häufig das Potenzial, Pandemien zu werden“, sagt Lauterbach. Allerdings gelte das nicht für die Affenpocken. Der erste Fall dieser Erkrankung bei einem Menschen ist in Deutschland 1958 erkannt worden. „Das Affenpocken-Genom ist bekannt, es hat sich nicht stark verändert“, erklärt der SPD-Politiker. Als Vergleich führt er an: „Covid verändert sich 100.000-mal so schnell wie Affenpocken, es wird keine Pandemie geben.“

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten am 25. Mai:

Lanz bringt Leben in die Diskussion, als er Lauterbach mit einem Interview in der Bild am Sonntag konfrontiert: Darin hatte der Gesundheitsminister vor einer sogenannten „Killer-Variante“ des Coronavirus gewarnt. Sogar der Grüne Koalitionskollege Konstantin von Notz hatte diese Wortwahl öffentlich kritisiert. „Minister werden häufig an der B-Note bewertet. Wo sie gestanden haben, wie sie etwas gesagt haben, wichtig ist aber, dass es in der Sache stimmt“, versucht Lauterbach abzubügeln. Allerdings hat Lau noch eine Breitseite auf Lager: „Es gab eine Reihe von Vorfällen, wo man Sie als überschießend und nicht so leicht berechenbar erlebt hat.“ 

Corona und Affenpocken bei Lanz: CSU-Politikerin – „Wir müssen weg von einer Angst-Rhetorik“

Auch Bayerns Familienministerin Ulrike Scharf (CSU) kritisiert die Wortwahl des Gesundheitsministers. Zwar sei es wichtig und eine Form von politischer Führung, Orientierung zu geben und Klarheit auszusprechen. Allerdings sagt sie auch: „Wir müssen weg von einer Angst-Rhetorik wie Killer-Variante.“ Doch dann offenbart sich eine interessante Wendung. Die CSU-Politikerin zeigt Verständnis für Lauterbach: „Es gibt keine Blaupause für die Pandemie, hier werden Fehler gemacht.“

Lanz kann es kaum glauben. Sichtlich überrascht wendet er sich an Mariam Lau: „Hat die CSU mehr Verständnis für die Gesundheitspolitik als der Koalitionspartner?“ Die Journalistin bestätigt diese Einschätzung: „Lauterbach hatte mehr Einfluss auf die CDU-geführte Regierung als auf die jetzige, der ein SPD-Kanzler vorsteht.“ Als Beleg führte Lau an, dass sich Lauterbach bei der Impfpflicht und dem Infektionsschutzgesetz „geschlagen geben musste“. Laus These, die Ampel-Koalition hätte es nie gegeben, wenn sich das Bündnis an einem Regierungsentwurf zur Impfpflicht versucht hätte, entgegnet Lauterbach vehement: „Das ist eine Räuberpistole und nicht richtig.“

Lanz‘ ZDF-Talk über Abtreibung – Gynäkologin: „Kein Gesetz verhindert Schwangerschaftsabbrüche“

Das zweite Thema der Sendung bezeichnet Lanz in seiner Anmoderation als eines, das zu „einem Kulturkampf“ führen könne. Im Bundestag hatte am 13. Mai über die Abschaffung des § 219a Strafgesetzbuch gestritten. Die Gynäkologin Alicia Baier erklärt dazu: „Es geht darum, dass korrekte und sachliche Information beim Thema Schwangerschaftsabbruch verboten ist.“ Praxen dürften lediglich darüber informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, aber kein weiteres Wort zu Abläufen oder Methoden verlieren. Journalistin Lau glaubt, dass viele in der Diskussion eigentlich den § 218 Strafgesetzbuch meinen. Dieser klassifiziert Schwangerschaftsabbrüche nach der zwölften Woche trotz Beratung und dreitägiger Wartezeit als rechtswidrige Handlung. 

Baier redet sich in Rage: „Kein Strafgesetz verhindert Schwangerschaftsabbrüche. Das sagt auch die WHO, es gibt keine Evidenz dafür.“ Vielmehr führe es dazu, dass dieser Eingriff kaum noch angeboten werde. In München gebe es beispielsweise bloß vier Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. 

CSU-Politikerin Scharf gibt zu bedenken, dass es zwar auch um das Selbstbestimmungsrecht der Frau ginge, allerdings nicht nur: „Wir vergessen das Lebensrecht des Kindes.“ Der dem § 219a hinzugefügte Absatz 4 habe bereits Abhilfe geschaffen. Eine Liste der Bundesärztekammer soll die Praxen auflisten, die Abbrüche durchführen und über die jeweiligen Methoden aufklären. Baier entgegnet, dass sich Praxen vor der Aufnahme in diese Liste scheuten. Sie selbst sei angezeigt worden und habe vier Monate nicht gewusst, ob es zu einem Prozess kommt. „Viele haben Angst vor Anfeindungen“, berichtet Baier. 

Lauterbach pflichtet ihr bei: „Diese ominöse Liste wirkt wie ein Pranger.“ Wichtig sei eine Entstigmatisierung. Der Eingriff müsse behandelt werden wie jeder andere auch. „Es ist ein Unding, dass man einen vollkommen legalen Eingriff anbietet und dafür angegriffen wird.“ Einigkeit herrschte dahingegen bei einem anderen Punkt. „Es gibt eine Möglichkeit, den Embryo zu schützen, nämlich durch Verhütung“, sagt Baier. Sie fordert, dass Verhütung zur Krankenkassenleistung wird. Wie Scharf bemerkt, läuft der Antrag bereits im Bundestag. Demnach sollen die Verhütungsmittel-Kosten für Frauen bis zum 25. Lebensjahr von den Krankenkassen übernommen werden. 

„Markus Lanz“ mit Karl Lauterbach - Das Fazit der Sendung

Die Sendung startet zwar mit einer Diskussion über die Regierungspolitik, doch so richtig in Fahrt kommt die Gesprächsrunde erst, als Karl Lauterbach mit seiner Wortwahl „Killer-Variante“ konfrontiert wird. Die Journalistin Miriam Lau bezeichnet den Gesundheitsminister in diesem Zusammenhang sogar als „nicht so leicht berechenbar“. Energisch wird die Debatte allerdings dann, als es um die Abschaffung des § 219a geht. Das liegt vor allem an Gynäkologin Alicia Baier, die nicht nur eine uneingeschränkte Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen fordert, sondern auch eine Kostenübernahme von Verhütungsmitteln durch die Krankenkassen. (Christoph Heuser)

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