Geschichte eines Missverständnisses

Die Legende von der barmherzigen Kanzlerin

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Berlin – Bei syrischen Flüchtlingen genießt Angela Merkel Heldenstatus: Die Geschichte eines liebevollen Missverständnisses.

Als die deutsche Kanzlerin vor Wochen ein palästinensisches Mädchen im Fernsehen zum Weinen gebracht hat, hätte man das ja nicht unbedingt vermutet. Doch heute wird Angela Merkel von vielen arabischen Flüchtlingen als barmherzige Mutter geradezu verehrt, insbesondere von syrischen. „Deine Liebe ist meine Karte, die Karte des Schleusers interessiert mich nicht mehr“, hat der in Frankreich lebende syrische Künstler Lukman Derky zu ihren Ehren gedichtet. Es ist die Geschichte eines liebevollen Missverständnisses.

Alles begann vor knapp zwei Wochen mit einem Lob. Der Menschenrechtskommissar des Europarates, Nils Muiznieks, schrieb auf Twitter: „Das ist der richtige Weg. Ich hoffe, mehr Regierungen schließen sich an.“ Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Deutschland die bisher obligatorische Prüfung nach dem Dublin-Verfahren bei Flüchtlingen aus Syrien aussetzt, sie also nicht mehr in die Staaten zurückschickt, in denen sie die EU betreten haben.

Bei den syrischen Flüchtlingen, die in ungarischen Lagern oder am Budapester Keleti-Bahnhof ausharrten, schlug diese Nachricht ein. 800.000 Syrer wolle Deutschland aufnehmen, oder sogar jeden, der es über die Grenze schaffe, hieß es plötzlich. Eigentlich ist 800 000 natürlich die erwartete Flüchtlingszahl für 2015 – eine Hochrechnung, keine Willenserklärung. Doch wie das so ist, mit heißen Gerüchten – sie laufen schnell aus dem Ruder, besonders wenn sie auch noch mehrfach übersetzt und in den sozialen Internet-Medien weiterverbreitet werden. Dazu kommen – neben im europäischen Vergleich hohen Sozialleistungen – die Bilder klatschender Menschen am Münchner Hauptbahnhof, die Flüchtlinge empfangen wie Popstars. Der Eindruck: Deutschland will, dass wir kommen. Angeführt von Merkel, der „mitfühlenden Mutter“. Auch in Syrien wird sie dafür gefeiert. Die Geburt einer Legende. Denn auch wenn Deutschland aus humanitären Gründen derzeit tatsächlich keine Syrer zurückschickt und die Grenzen geöffnet hat, beharrt auch Bundeskanzlerin Merkel auf einer fairen Verteilung der Asylsuchenden innerhalb Europas.

Am Wochenende kamen über 20 000 Flüchtlinge aus Ungarn nach München. Eine niedrige dreistellige Zahl suchte zuvor in Österreich Asyl. Der Rest wollte weiter nach Deutschland.

Sebastian Horsch

Rubriklistenbild: © dpa

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