Website verbreitet Gerücht

Die Legende von den nächtlichen Flüchtlingsflügen

München/Köln/Bonn – In rechten Netzwerken wird heftig über vermeintliche Einschleusung von Syrern via Türkei und Griechenland spekuliert. Was steckt dahinter?

Schleust die Bundesregierung heimlich in der Nacht massenhaft Flüchtlinge über deutsche Flughäfen ein? In rechten Kreisen finden solche Thesen via soziale Medien große Verbreitung. Begonnen hat der Hype mit einem Bericht auf „Kopp online“ Anfang August. Dort wurde unter Hinweis auf anonyme „Informanten“ am Beispiel des Flughafen Köln/Bonn behauptet, ab „halb eins“ in der Nacht beginne die „Rush-Hour for Refugees“: „Maschinen aus der Türkei und Griechenland landen beinahe im Minutentakt.“ Das große Landen ende erst gegen sechs Uhr morgens. Am Tag werde bloß eine Maschine aus dem östlichen Mittelmeer gemeldet, nachts seien es aber gleich elf Maschinen.

Doch stimmt das auch? Ist der Flüchtlingsstrom an den bayerischen Grenzen nur deshalb abgeebbt, weil Syrer, Iraker, Afghanen und andere nun per Chartermaschine nach Deutschland heimlich einfliegen?

Wir haben bei den Flughäfen Köln/Bonn und München nachgefragt. Eine Sprecherin des Domstadt-Flughafens sagte unserer Zeitung bündig: „Die „Behauptungen entsprechen nicht der Wahrheit.“ Die angeblichen Flüchtlingsflüge „sind touristische Verkehre, wie der Flughafen sie seit Jahr und Tag kennt“, so die Sprecherin. Auch die von den Verschwörungstheoretikern genannten Zahlen stimmten nicht: „Entgegen den Spekulationen im Netz haben die Flüge auch gegenüber dem Vorjahr nicht zugenommen, obwohl der Gesamtverkehr in der Ferienzeit um 18 Prozent wuchs.“ 

Auch in München "starten und landen keine Sondermaschinen"

Sie listet die Flüge für Anfang August genau auf: „In der Woche vom 1. bis zum 7. August gab es in diesem Jahr 146 Ankünfte (62 am Tag und 84 in der Nacht) und 144 Abflüge (54 am Tag und 90 in der Nacht). In der Vergleichswoche des Vorjahrs waren es 158 Landungen aus der Türkei (80 am Tag, 78 in der Nacht) und 148 Starts in die Türkei (82 am Tag und 66 in der Nacht).“

Auch die Behauptung in den Netzwerken, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nehme diese nächtlichen Flüchtlinge am Flughafen in Empfang und verteile sie mit Bussen auf Auffanglager, wird vom Bundesamt dementiert: „Diese Behauptungen entsprechen nicht der Wahrheit“.

Ähnlich verläuft die Nachfrage am Flughafen München, ob es dort solche heimlichen Flüchtlingsflüge aus der Türkei oder Griechenland gibt. Laut Aussage von Robert Wilhelm, Sprecher der Flughafen München GmbH/FMG, „starten und landen am Flughafen München keine Sondermaschinen mit Flüchtlingen aus der Türkei“.

Auch "Junge Freiheit" kann Gerücht nicht bestätigen

Allerdings finde während der Sommermonate ein intensiverer Luftverkehr zwischen dem Erdinger Moos und der Türkei statt als sonst. Das liege daran, dass viele in Deutschland lebende Türken jetzt in ihrer Heimat Urlaub machten, so Wilhelm. Im Übrigen gilt am Flughafen München ein absolutes Nachtflugverbot zwischen 0 und 5 Uhr.

Auch die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hat sich für die vermeintlichen Schleuserflüge interessiert und einen Reporter nach Köln geschickt, der das nächtliche Treiben am Flughafen beobachten sollte.

Sein Fazit: „Wenn das Gerücht lautet, es gebe derzeit massenhafte Migrationsbewegungen in Form von hauptsächlich syrischen Familiennachzüglern, die Nacht für Nacht am Flughafen Köln/Bonn in Urlaubsfliegern aus der Türkei eingeschleust werden, dann muss ich sagen: Das kann ich so nicht bestätigen. Ich habe nichts, wirklich gar nichts, gesehen, was einen Verdacht in dieser Richtung rechtfertigen würde.“  

aw/ham

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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