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Zeuge im Untersuchungsausschuss: Der ehemalige Ministerpräsident Günther Beckstein.

Terror-Prozess

Legte der NSU eine dritte Bombe?

München - Unter Tränen hat Carsten S. gestern sein Geständnis im NSU-Prozess erweitert und neue Details zu seinem Kontakt mit dem mutmaßlichen Terror-Trio geschildert. Dabei gab er sogar Hinweise auf einen möglichen weiteren Anschlag in Nürnberg – nicht die einzige Überraschung an diesem Tag.

Als Carsten S. um 11.38 Uhr das Wort ergreift, muss er sich zwei Mal räuspern, bevor seine Stimme ihm gehorcht. Dann sagt er: „Ich bin an einen Punkt gekommen, wo ich reinen Tisch machen will.“ Es herrscht völlige Stille im Saal. „Ich habe Sachen zurückgehalten, mich nicht getraut, Erklärungen zu nennen“, sagt der mit 33 Jahren jüngste Angeklagte im NSU-Prozess. „Das habe ich überwunden.“ Er werde nun alles erzählen, ohne Rücksicht auf Konsequenzen.

Die folgende emotionale Aussage ist bereits die zweite Überraschung an diesem achten Verhandlungstag im Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Zuvor hatte eine Information der Bundesanwaltschaft für Aufruhr gesorgt: Im Rahmen der NSU-Ermittlungen wurden rund 500 Personen überprüft – weitaus mehr als bislang bekannt. Im Prozess war es stets um eine Liste von 129 Personen gegangen, die dem Umfeld des NSU zugerechnet werden. Verteidigung und Nebenklage reagierten verärgert, die neue Zahl erst jetzt zu erfahren. Bundesanwalt Herbert Diemer erklärte hingegen, die Liste hätte „null Bedeutung“ für den Prozess: Alle relevanten Personen seien genannt. Dennoch werde die Bundesanwaltschaft die aktuelle Liste weiterleiten.

Carsten S. gilt als einer der wichtigsten Unterstützer der Terrorzelle. Er hat gestanden, eine Waffe an das Trio geliefert zu haben – vermutlich die Tatwaffe der neun rassistisch motivierten Morde – und ist wegen Beihilfe angeklagt. Gleichzeitig fungiert er, der mittlerweile aus der rechten Szene ausgestiegen ist, als eine Art Kronzeuge. Hatte er sich zuletzt noch auf Erinnerungslücken berufen, liefert er gestern völlig neue Details.

Bei einem Treffen in Chemnitz im Frühjahr 2000 habe er mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, den toten Haupttätern des NSU, in einem Café gesessen. Dort hätten sie ihm erzählt, dass sie „in irgendeinem Laden in Nürnberg eine Taschenlampe hingestellt haben“. An dieser Stelle beginnt Carsten S. wieder zu schluchzen: „Ich habe nicht gewusst, was sie meinten.“ Bevor er fragen konnte, sei Beate Zschäpe hinzugekommen. „Da hat Böhnhardt ,Psst’ gesagt, damit sie es nicht mitbekommt.“ Erst später am Abend sei ihm, Carsten S., der Gedanke an Sprengstoff gekommen. „Ich konnte mir das nicht vorstellen, habe es vedrängt.“ Kurz zuvor habe Böhnhardt mit dem Handy von S. gespielt, einen Fingerabdruck auf das Display gedrückt und gesagt: „Was meinst du, was der wert ist.“ Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl sagt S., dass er den Hinweis auf die Taschenlampe heute auf einen möglichen Anschlag beziehe. Die Bundesanwälte wollen nun prüfen, welche Tat gemeint sein könnte. „Stern.de“ berichtete unter Berufung auf die „Nürnberger Nachrichten“, dass 1999 in einer türkischen Gaststätte in Nürnberg eine in einer Taschenlampe versteckte Bombe explodiert sei.

Mit seiner Aussage belastete Carsten S. auch den mitangeklagten Ralf Wohlleben. In seinem Beisein habe der einmal mit dem Terror-Trio telefoniert, gelacht und gesagt: „Die haben jemanden angeschossen.“ S. habe sofort gedacht: „Hoffentlich nicht mit der Waffe, die ich geliefert habe.“

Vertreter der Nebenklage würdigten das Bestreben von Carsten S., ausführlich auszusagen. Jens Rabe, der die Tochter des in Nürnberg ermordeten Enver Simsek vertritt, sagte: „Das Bemühen, die Taten auf den Tisch zu legen, kann man nicht hoch genug anrechnen.“ Dennoch gebe es noch Unstimmigkeiten. Carsten S. will heute alle Fragen beantworten.

Ann-Kathrin Gerke

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