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Gegen Verrohung und Aggression

Lehrer warnen vor Hass-Sprache

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München - Es ist ein Manifest, das für Diskussionen sorgen wird: Ein Lehrerverband wendet sich gegen die Verrohung der Sprache. Sind auch Begriffe wie „Flüchtlingsflut“ und „Asylant“ gemeint?

Kurz vor den Sommerferien, an einer bayerischen Dorfschule. Auf dem Gehsteig stand geschmiert: „Drecksschule, F*** Euch, Ihr Lehrergesindel, Ihr Untermenschen“. So etwas, schreibt eine Lehrerin, habe sie in 40 Jahren an der Schule noch nicht erlebt.

Ihr Brief ging an Simone Fleischmann, Präsidentin des Lehrerverbands BLLV. Fleischmann, 46, sitzt jetzt am Tisch im Münchner Café Glockenspiel. Der Rücken durchgedrückt, die Hände akkurat auf dem Tisch. „Haltung zählt“, sagt die Präsidentin des Lehrerverbands BLLV. So heißt eine neue Kampagne ihrer Organisation, ein Vorstoß, der vielleicht nicht jedem gefallen wird: Der BLLV, mit knapp 60 000 Mitgliedern die größte Lehrerorganisation in Bayern, hat ein Manifest gegen die „Verrohung“ vorgelegt. Gegen die „Verrohung“ der Sprache, des Umgangs miteinander, überhaupt der Gesellschaft. Mit Pathos trägt Simone Fleischmann vor: „Wir erleben eine Aggressivität, eine Sprache des Hasses, der Geringschätzung und Diskriminierung, persönliche Beleidigungen, bewusste Kränkungen und Ausgrenzung in Wort und Schrift.“

„Wir erleben eine Aggressivität“

Wen die hauptberufliche Lehrerfunktionärin, die bis 2015 eine Grund- und Mittelschule in Poing (Kreis Ebersberg) leitete, damit meint, ist klar. Sie selbst spricht allgemein von „Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen“. Die Zielrichtung des Appells sind Pegida, AfD und wohl auch manche Hitzköpfe aus anderen Parteien, die ihre Wortwahl auf der Straße und im Internet überdenken sollten.

Denn es ist eben nicht egal, wie man spricht. Die Verrohung der Sprache schüre Aggressivität, ja Gewalt, sagt der Freiburger Neurobiologe Prof. Joachim Bauer, der neben Fleischmann sitzt. Allgemein werde die Wirkung von Sprache unterschätzt, „weil wir eine geschwätzige Gesellschaft sind“. Doch Hass-Sprache „erhöhe das Risiko für Aggressivität“. Wut sei nichts Böses, sagt der Professor; Kinder müssten Wut ausdrücken dürfen – aber „ohne verbale Entwürdigung und Entmenschlichung“.

Das Manifest hat eine längere Vorgeschichte, denn schon im vergangenen Jahr fiel Fleischmann auf, dass sich im Zuge der Flüchtlingszuwanderung ein polemischer Sprachgebrauch eingeschlichen hat, der – so sieht sie es – „immense Auswirkungen auf die Arbeit der Lehrer hat“. „Flüchtlinge als Schwemme, Gefahr, Problematik – all diese Wörter sind negativ besetzt“, kritisierte sie in einem Interview mit unserer Zeitung im November 2015, als die Stimmung bei der Flüchtlingspolitik gerade kippte. Damals verfasste sie ein Schreiben und informierte ihre Mitglieder, „welche begrifflichen Ausdrucksweisen wir uns von unseren Kolleginnen und Kollegen wünschen würden“.

„Flüchtlingsflut: das Wort macht Angst“

Simone Fleischmann ist kein Parteimitglied, aber ihr Anspruch ist schon, gesellschaftspolitisch zu wirken. Das schließt nicht aus, dass man mit ihr über Alltagsthemen gut reden kann – auch bei der scheinbar banalen Frage, ob Nutella auf den Frühstückstisch gehört, verzieht sie nicht das Gesicht. Aber sie verschafft sich auch gerne dann Gehör, wenn es nicht gerade um die Pausenhofgestaltung in der Schule von Kleinkleckersdorf geht.

Ihr Schreiben damals kam nicht nur gut an. „Sprachpolizei“, so höhnte mancher. (Lesen Sie dazu auch ein Interview mit einem Sprachexperten). Mittlerweile ist der Konsens unter den Lehrern, dass etwas geschehen muss, offenbar größer geworden. Zur Illustration trägt Simone Fleischmann den Brief von der Lehrerin vor. Es gibt weitere Beispiele. „Schwule Sau“ – das sei ein Ausdruck, der vielen Lehrern im Klassenzimmer entgegenschalle, sagt Professor Bauer, der mehrere Untersuchungen zu psychosomatischen Erkrankungen von Lehrern durchgeführt hat.

Andere Lehrerverbände geben Fleischmann Recht: „Es fängt alles immer früher an. Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie Hure, Spasti, Asylant“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. „Asylant“ – auch so ein Ausdruck, bei dem Fleischmann ins Nachdenken kommt. Eine „angstmachende Wirkung“ sehe sie bei dem Begriff nicht. Aber vielleicht könnte man mal mit einer 6. Klasse Begriffe über Flüchtlinge zusammentragen. Und diskutieren, was erlaubt ist – und was nicht. Da gibt es manches, was Simone Fleischmann ärgert. Sie würde zum Beispiel nie „Flüchtlingsflut“ sagen. „Eine Welle, eine Flut – das ist eine Gefahr.“ Ein Kind denke so. Bei vielen Politikern sei der Begriff „Flüchtlingsflut“ leider in den „normalen Sprachgebrauch“ eingewandert. „Ich bemühe mich, solche Wörter nicht zu verwenden, weil es Angst machend ist.“

Das Manifest schickt der BLLV jetzt an prominente Vertreter aus Kirche, Politik und Wirtschaft – sie sollen als Erstunterzeichner den Appell unterstützen. Einen hat sie wohl schon gewonnen: den Kultusminister. Das Thema sei „prinzipiell von höchster Wichtigkeit“, sagt Ludwig Spaenle, CSU. Er warte auf die Zusendung des Manifests und werde es wohlwollend prüfen. Man werde sehen, sagt Simone Fleischmann, wer unterzeichne – und wer nicht.

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