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Josef Kraus (66) aus Ergolding bei Landshut war Chef des Deutschen Lehrerverbands, 30 Jahre lang konservativer Rufer in der bildungspolitischen Wüste. Am Montag ist Neuwahl in Berlin – und Kraus, der in einem neuen Buch („Wie man die Bildungsnation an die Wand fährt“, Herbig Verlag) fast wütend Bilanz zieht, kandidiert nicht mehr.

„Aus unseren Lehrplänen sind Leerpläne geworden“

Lehrerverbandschef Kraus: Das wünscht er sich vom neuen G9

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München - Ein Gespräch mit Josef Kraus, dem scheidenden Chef des deutschen Lehrerverbandes, über das „Kompetenzgelaber“ sognannter Experten.

Herr Kraus, Sie waren 30 Jahre lang Lehrerverbandschef. Ist Schule seitdem besser geworden?

Josef Kraus: Nein, sie ist nicht besser und nicht anspruchsvoller geworden. Das ist aber nicht die Schuld von Lehrern, Schülern oder Eltern. Das haben letztlich die Bildungspolitik und die Bildungswissenschaften zu verantworten, wirkmächtige Meinungsbildner wie die OECD oder auch die Bertelsmannstiftung.

... die Sie ja oft kritisieren. Was stört Sie an diesen Experten?

Kraus: Experte ist ein weiter Begriff. Mich stören diejenigen, die ein sehr enges Verständnis von Bildung haben. Sie vernachlässigen den Bildungsbegriff, wie ihn einst Humboldt verstand, und fordern konkrete, messbare Ergebnisse. Überspitzt gesagt: Bildung ist das, was der Pisa-Test misst. Das ist ein reduktionistisches Bildungsverständnis. Da wird Bildung zur bloßer Qualifikation. Ich will aber, dass die Schüler zu gereiften mündigen jungen Menschen werden, nicht zu Funktionsfuzzis.

Sie haben selber lange Jahre das Gymnasium in Vilsbiburg geleitet. Sie kritisieren, am Ende sei es im Gymnasium nur noch um Kompetenzen gegangen. Sie wollen mehr Stoff und Inhalt. Klingt altmodisch.

Kraus: Es mag rückständig klingen. Aber Kompetenzen können nur auf der Basis von Inhalten wachsen. Mit dem ganzen Kompetenzengelaber sind aus unseren Lehrplänen Leerpläne geworden. Da nehme ich Bayern nicht aus. Im neuen Lehrplan Deutsch am Gymnasium kommt auf 70 Seiten 300 Mal der Begriff Kompetenzen vor, aber nur ein einziger Dichter-Name, nämlich Goethe. Das ist curricularer Nihilismus.

Muss man nacharbeiten – auch in Bayern?

Kraus: Das hoffe ich. Ich wünsche mir, dass das neue G9 deutlich mehr Unterrichtsstunden hat als das G8 und dass es inhaltlich konkreter wird. Nicht irgendwelche vagen Kompetenzen, sondern das konkrete Wissen macht einen jungen Menschen zum mündigen Bürger. Wenn ein Mensch kein Vorratswissen hat in Geschichte oder Geographie, ist er politisch nicht mündig. Da hilft kein Instant-Knowledge und kein Download-Wissen, was man sich irgendwoher runterlädt. Wer nichts weiß, muss alles glauben.

Sie kritisieren auch den neuesten Trend in der Bildungspolitik: die Inklusion. Sind Sie gegen die Integration behinderter Kinder in die Regelschulen?

Kraus: Inklusion als Teilhabe will ich selbstverständlich, aber es gibt Grenzen. Eine Total-Inklusion kann nicht das Ziel sein. Die UN-Konvention ...

... die auch Deutschland unterschrieben hat...

Kraus: ... verlangt ausdrücklich nicht die Abschaffung der Sonder- oder Förderschulen. Differenzierende Maßnahmen zur Förderung Benachteiligter unterliegen nicht dem Diskriminierungsverbot – so heißt es dort. Ausschlaggebend ist das Kindeswohl. Viele Eltern wollen ja auch, dass ihre Kinder in Sonderschulen individuell gefördert werden. Es hilft nichts: Bei Behinderungen muss man differenzieren. Bei erheblichen kognitiven Beeinträchtigungen des Kindes ist der zumindest vorübergehende Besuch einer Förderschule meist sinnvoller.

In den 30 Jahren ihrer Amtszeit haben Sie 118 Kultusminister in den Ländern erlebt. Wären Sie denn gerne selber einer geworden?

Kraus: Ja, das hätte mich gereizt, zumal ja die Union zeitweise die Bildungspolitik völlig über Bord geworfen hat und sozialdemokratisiert worden ist. Einmal war es fast soweit, in Hessen 1995 – der damalige Spitzenkandidat der CDU, Manfred Kanther, kürte mich zum Schulminister in seinem Schattenkabinett. Leider verlor die CDU knapp die Wahl.

Ein G8 hätte es mit Ihnen nicht gegeben, oder?

Kraus: Nein, auf gar keinen Fall.

Interview: Dirk Walter

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