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Sigmar Gabriel (M.) ist froh, dass wenigstens Malu Dreyer die SPD vor dem totalen Debakel bewahrte.

Nur Malu Dreyer reicht nicht

Die Leiden der SPD: Darum sackte die Partei so ab

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Berlin - Zum Glück hat die SPD Malu Dreyer: Die 55-Jährige lächelt ein desaströses Ergebnis für die Partei einfach weg. Der Schein trügt. Ein neuer Sozial-Kurs soll die Wende bringen.

Es gibt Momente, in denen auch der selbstbewussteste aller Parteichefs ganz froh ist über ein paar Unterstützer im Rücken. Zwei Mal betritt Sigmar Gabriel die Bühne im Willy-Brandt-Haus. Einmal am Sonntagabend. Einmal am Montagmorgen. Und beide Male bringt der Parteivorsitzende seine Präsidiumskollegen mit. Am Montag auch die drei Kandidaten aus den Bundesländern. Für die Verlierer Katrin Budde (Sachsen-Anhalt) und Nils Schmid (Baden-Württemberg) gibt es einen kurzen Dank. Für Malu Dreyer eine Umarmung der ganz alten Schule.

Die alte und neue Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz hat Gabriel das Wochenende gerettet. Einige behaupten sogar: den Job. Das ist wohl übertrieben, denn anders als in der CSU gibt es unter den Genossen derzeit keinen, der den Parteichef um seine Aufgabe beneidet. Ihm selbst wurde zwar nach dem Parteitag im Dezember nach seinem mäßigen Wahlergebnis von 74 Prozent eine gewisse Amtsmüdigkeit angedichtet. Doch davon ist am Montag wenig bis nichts zu spüren. Routiniert spult Gabriel sein Nachwahl-Ritual ab. Es fällt ihm leicht, solange Malu Dreyer neben ihm strahlt.

Anlass zur guten Laune besteht bei der SPD nicht

Doch Anlass zur guten Laune besteht nicht: Auf Bundesebene durchleidet die SPD derzeit jenes Schicksal, das am Sonntag auch allen kleinen Koalitionspartnern in den drei Bundesländern zum Verhängnis wurde. Überall konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die wiedergewählten Ministerpräsidenten, ihre Partner stürzten ab. In Sachsen-Anhalt verlor die SPD 10,9 Prozentpunkte, in Baden-Württemberg 10,4. Selbst der Übermut der Malu Dreyer wirkte angesichts eines mickrigen Plus’ von 0,5 Prozentpunkten fast ein wenig übertrieben. Trotzdem findet Gabriel: „Es ist ein gutes Zeichen in der Politik, dass sich gute Arbeit lohnen kann.“

Ist das so? Die SPD bemüht sich an diesem Montagmorgen zwar um Abgeklärtheit, aber die Sorge wächst. In immer mehr Bundesländern gerät ihr Status als Volkspartei in Gefahr. 12,7 Prozent in Baden-Württemberg, das galt bis vor kurzem als undenkbar. Zwei Plätze links von Gabriel steht Nils Schmid. Der 42-Jährige durfte sich im Kabinett Kretschmann vor fünf Jahren ein Superministerium zusammenzimmern. Er ist Vize-Ministerpräsident. Aber nicht mehr lange. Selbst im eigenen Wahlkreis kam er am Sonntag nur auf 14,2 Prozent der Stimmen. Rang 4 hinter Grünen, CDU und AfD. Offenbar warf die Lichtgestalt Kretschmann gigantische Schatten. Dafür lächelt Schmid am Montagmorgen erstaunlich tapfer.

Wie kommt die SPD aus dem Schatten von Merkel und Kretschmann?

Die große Frage der SPD: Wie kommt man raus aus dem Schatten der Merkels und Kretschmanns? Ihre Antwort: mit eigenen Inhalten. Das „neue Solidarprojekt“ mit Kita-Plätzen, mehr Geld für den sozialen Wohnungsbau und einer Aufstockung kleiner Renten soll die Partei nach vorne bringen – selbst wenn Finanzminister Wolfgang Schäuble Gabriels Vorstoß vor ein paar Wochen als „erbarmungswürdig“ abkanzelte. Auch in der eigenen Partei warnten einige, der Parteichef wolle Flüchtlinge und Einheimische gegeneinander ausspielen. Doch bei aller Kritik an der Wortwahl: Inhaltlich hat der Chef die SPD inzwischen hinter sich. „Es geht um das große Projekt, die hiesige Bevölkerung bei der sozialen Frage gleich zu behandeln“, sagt die bayerische SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen.

Der linke Parteiflügel drängelt schon. Das Solidarprojekt sei richtig, sagt dessen Sprecher Klaus Barthel. „Es kam jedoch viel zu spät für die jetzigen Wahlen, es war unpräzise und problematisch begründet.“ Noch auf dem Parteitag habe sich die Führung „beharrlich geweigert, Gerechtigkeit stärker zu thematisieren“.

„Wir sind die Partei, die seit über 150 Jahren eine Kernkompetenz hat: gesellschaftlicher Zusammenhalt“, stellt Sigmar Gabriel gestern Abend in der ARD klar. Wo man nachjustieren müsse, will die Moderatorin wissen. Gabriels Antwort klingt nicht nach akuten Selbstzweifeln: „Wir müssen gar nichts nachjustieren.“

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