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TV-Investor Thelen kriegt bei „Lanz“ sein Fett weg: „Wundert mich nicht, dass Sie mehrfach pleite waren“

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Ulrike Herrmann und Frank Thelen am Donnerstag bei „Markus Lanz“ im ZDF.
Ulrike Herrmann und Frank Thelen am Donnerstag bei „Markus Lanz“ im ZDF. © ZDF / Cornelia Lehmann

Markus Lanz versucht eine Diskussion zur Frage der Vereinbarkeit von Klimaschutz und freier Marktwirtschaft. Müssen wir alle komplett neu denken? Und falls ja: Wohin soll’s führen? 

Hamburg – Auch im ZDF-Talk „Markus Lanz“ zeigt sich am Donnerstag die Schwäche des aufgezeichneten Polit-Talks: Kein Wort zum Tod der britischen Königin Elisabeth II., die Sendung war zum Zeitpunkt der Todesverkündung längst im Kasten. Wegen einer Sondersendung wurde der Lanz-Talk zudem über eine Stunde später als üblich ausgestrahlt, um 0.30 Uhr - zu einer Uhrzeit, zu der die meisten Menschen bereits im Schlaf lagen.

Unter normalen Nachrichten-Verhältnissen wäre der Talk jedoch durchaus aktuell gewesen. Lanz versucht den Bogen von der tags zuvor gelaufenen Bundestagsdebatte zu spannen, in der sich Ampel und Opposition einen Schlagabtausch in Sachen Klimapolitik und Energiekrise geliefert hatten.

„Markus Lanz“ - diese Gäste diskutierten mit:

Bei Lanz sitzt Umweltministerin Steffi Lemke. Die Grünen-Politikerin soll die Politik-Philosophie von Wirtschaftsminister Robert Habeck erklären, der sich am Tag zuvor nach seinen Aussagen zum Thema „Insolvenz“ im Talk bei Sandra Maischberger einen Shitstorm gefallen lassen musste. Lemke versucht dem gerecht zu werden, ist von der Aufgabe aber sichtlich wenig begeistert. Auf Lanz‘ Fragen antwortet sie in kühlem Tonfall: „So, wie ich es verstanden habe, wollte er den Unterschied zwischen Insolvenz und Pleite erklären.“ Und: „Vielleicht ist eine nächtliche Talkshow dafür nicht der richtige Ort“.

Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz Steffi Lemke (Grüne) zu Gast bei „Markus Lanz“.
Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz Steffi Lemke (Grüne) zu Gast bei „Markus Lanz“. © ZDF/Cornelia Lehmann

Bei Lanz geraten sich Herrmann und Thelen in die Haare: „Wie peinlich“

Lemke zur Seite steht die taz-Journalistin Ulrike Herrmann, die keinen Zweifel an ihrer politischen Positionierung lässt. „Es wird einen echten Gasmangel geben im Winter“, sagt Herrmann voraus und ist sicher, dass der Staat einen finanziellen Schutzschirm für alle darunter leidenden Unternehmen aufspannen werde. Ihre Erklärung für Habecks „Herumlavieren“ bei Maischberger: Es gebe für den Ausgleich noch „keine Sprachregelung innerhalb der Regierung“. Doch als der FDP-nahe Investor und serielle Start-up-Gründer Frank Thelen das nicht so stehen lassen will, von der eigenen mehrfachen Insolvenz-Erfahrung spricht, die ihn jedes Mal „hart treffe“, und die Wirtschaftspolitik und die „exzessive Gelddruckpolitik“ der Zentralbank als Ursache für die Inflation nennt, fährt die Journalistin die Krallen aus.

Die Inflation sei durch den von Russland begonnen Ukraine-Krieg und die in der Folge enorm gestiegenen Energiepreise und gestörte Lieferketten verursacht worden. Herrmann: „Ganz im Ernst, es wundert mich nicht, dass Sie schon mehrfach pleite waren.“

Thelens Inflations-These gehe auf den US-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman zurück, doziert die Journalistin, doch diese sei längst überholt. „Peinlich“, befindet sie noch und muss breit grinsen, als Thelen tatsächlich ins Stottern gerät. Der kontert schließlich lapidar und verfällt dabei ins Du: „Da lachst du jetzt, aber das ist nicht witzig – wir können nicht immer mehr Geld drucken“.

Journalistin fordert eine Rückkehr zum Lebensstandard der 1970er Jahre

Hermann hat einen Ausblick für eine klimafreundlichere Welt: Für sie stehen Klimaschutz und Wachstum in einem unvereinbaren Widerspruch. Stattdessen fordert sie bis 2045 „null Emissionen“. Die Journalistin beschreibt das auch in ihrem Buch „Das Ende des Kapitalismus. Warum Wachstum und Klimaschutz nicht vereinbar sind – und wie wir in Zukunft leben werden“. Lanz kommentiert dazu süffisant: „Sehr lesenswert, auch wenn es nur ist, um den Blutdruck mal wieder auf Vordermann zu bringen.“

Denn die Journalistin fordert nicht Wachstum, sondern Rückkehr zu einem Lebensstandard der 1970er-Jahre. Herrmann zählt auf, was das konkret für die meisten Bürger bedeuten würde: Kein Auto - auch kein elektrisches. Herrmann: „Die Energie wird nicht reichen für private Autos.“ Lanz führt weiter aus: „Keine Mallorca-Reisen, keine Urlaubsflüge“. Herrmann erklärt das damit, dass Biokerosin zu energieintensiv in der Herstellung sei.

Weiter müsse der Fleischkonsum reduziert werden und dürften im Baugewerbe keine weiteren Böden versiegelt werden. Stattdessen sollten ausschließlich bereits bestehende Flächen genutzt werden. Herrmann rechnet vor: Im Durchschnitt blieben dann pro Bürger 40 Quadratmeter. Der Hintergrund ihrer radikalen Prognose: Die erneuerbaren Energien könnten nur die Hälfte der Energieleistung der bisherigen, klimabelastenden Brennstoffe liefern. Einsparungen seien daher die logische Konsequenz und das bedeutet laut Herrmann, „dass man die ganze Wirtschaft umbauen muss“. Sie warnt davor, diese Aufgabe als „trivial“ zu betrachten.

Umweltministerin Lemke kritisiert radikale Ideen: „Blühende Landschaften in andersherum“

Ganz anderer Meinung ist Thelen, der die modernen Umwelttechnologien zu einer marktwirtschaftlichen Stärke ausbauen will. Innovationen, davon ist er überzeugt, haben grundsätzlich das Potential, die Probleme der Menschheit zu lösen. Statt Windrädern setzt er auf Drachenkonstruktionen, die in höheren Schichten mehr Wind abgreifen und findet auch „moderne Atomkraftwerke“ nicht abwegig.

Auch Lemke zeigt sich von Herrmanns Ideen wenig begeistert: „Ich kann mit einem Buch dieser Art in diesen Zeiten relativ wenig anfangen“, so die Grünen-Politikerin. Überraschend positioniert sie sich näher bei Thelen: „Wir werden grünes Wachstum brauchen“, findet auch sie und vergleicht Herrmanns Szenario mit Helmut Kohls „Blühende Landschaften in andersherum“. Den Menschen Vorschriften zu machen, halte sie zudem für falsch. Es sei unfair, dass „die Generation, die es verbockt hat“, nun von den jungen Leuten fordere: „Das geht nicht mehr.“ Sie gesteht aber auch ein, dass es ohne Verzicht nicht gehen werde, vieles nicht geklärt sei: „Wir werden für viele Bereiche Lösungen brauchen, die wir heute noch nicht kennen.“

Markus Lanz will noch wissen, ob die Atomkraftwerke über den Winter nun weiterbetrieben würden. Lemke macht deutlich, „dass Atomkraftwerke nicht wie eine Kaffeemaschine betrachtet werden, die man an- und ausmachen kann“. Und stellt klar: „Wenn die Situation es nötig mache, werde man sie mit genügend Vorlauf anschalten und dann auch laufen lassen.“ Ein indirekter Konter auch auf Vorwürfe eines Kraftwerksbetreibers.

Fazit des „Markus Lanz“-Talks

Ein Rund-um- und ein Was-vielleicht-möglich-ist-Blick zu sehr später Stunde. Feindseligkeiten zeigten, wo die sensiblen Punkte der unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Lager verlaufen. Vieles blieb wage, eines ist sicher: Energie ist ein teures Gut geworden und wird es wohl auch bleiben. (Verena Schulemann)

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