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Fatale Fehleinschätzung? Warum der Leopard 2 vielleicht kein Gamechanger im Ukraine-Krieg ist

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Von: Felix Durach

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Kiew pocht weiter auf die Lieferung des Leopard 2. Doch kann der moderne Kampfpanzer die hohen Erwartungen überhaupt erfüllen?

München – Die ukrainischen Streitkräfte müssen im Krieg gegen Russland aktuell noch auf Kampfpanzer sowjetischer Bauart zurückgreifen, um sich gegen die Invasoren zu erwehren. Auf einen Teil dieser T-72-Panzer konnte Kiew noch aus den eigenen militärischen Beständen zurückgreifen. Weitere Waffensysteme konnten die Streitkräfte durch Kampfhandlungen im andauernden Ukraine-Krieg erbeuten. Zusätzlich will man nun moderne westliche Kampfpanzer von der Nato. Das Hauptobjekt der Begierde: der deutsche Kampfpanzer vom Typ Leopard 2. Doch kann das Waffensystem tatsächlich als Allheilmittel für das ukrainische Militär dienen?

Zunächst lässt sich eine Sache festhalten: Leopard-2-Panzer ist nicht gleich Leopard-2-Panzer. Die zweite Version des Leopard-Panzers wird seit 1978 vom bayerischen Hersteller Krauss-Maffei Wegmann in Serie gebaut. Über die Jahre wurden jedoch immer neue Varianten des Kampfpanzers entwickelt. Die aktuellste Variante der Bundeswehr ist der Leopard 2A7, der erstmals 2014 der Truppe übergeben wurde. Doch auch die älteren Varianten befinden sich nach wie vor im Einsatz durch verschiedene Nato-Staaten.

Leopard 2: Welche Vorteile würde der Kampfpanzer der Ukraine bringen?

Gegenüber den T-72-Panzern sowjetischer Bauart können die neueren Leopard-2-Panzer sowohl offensiv als auch defensiv Vorteile aufweisen. Die Bundeswehr benennt als einen der Hauptvorteile des Waffensystems die Kombination aus Feuerkraft, Panzerschutz und Beweglichkeit. Der Leopard 2 kann im Einsatz Geschwindigkeiten von über 70 km/h erreichen und bleibt auch trotz seiner Beweglichkeit kampffähig.

Im Fokus der Diskussion: Leopard-Kampfpanzer aus Deutschland.
Im Fokus der Diskussion: Leopard-Kampfpanzer aus Deutschland. © IMAGO/Sven Eckelkamp

Militärhistoriker Ralf Raths, der Leiter des Deutschen Panzermueseums, erläuterte zuletzt gegenüber tageschau.de den Hauptunterschied zwischen den modernen Kampfpanzern und ihren Vorgängern: „Sie können aus voller Fahrt schießen und treffen - und das über mehrere Kilometer, auch im Rückwärtsfahren“, so Raths. „Das können die sowjetischen beziehungsweise russischen Modelle, wie etwa der ‚T-90‘, mit dieser Geschwindigkeit nicht.“

Zusätzlich verfügt der Leopard 2 über eine deutlich bessere Panzerung als die aktuell von der Ukraine eingesetzten Panzer. „Ein getroffener T-64/72/80/90 (die verschiedenen von der Ukraine eingesetzten Panzertypen sowjetischer Bauart, Anm. d. Red.) brennt meist mit der Besatzung aus“, erklärte der Militär-Experte Gustav Gressel im Dezember gegenüber Merkur.de von IPPEN.MEDIA. „Bei westlichen Panzern ist die Chance höher, dass die Besatzung einen Treffer überlebt.“ 

Fatale Fehleinschätzung? Experten warnen: „Westpanzer sind keine Superpanzer“

Die Vorteile des Leopard 2 liegen also auf der Hand und dennoch warnen Kritiker davor, den Kampfpanzer als Allheilmittel für das ukrainische Militär anzusehen. Denn der Leopard 2 sei zwar auf dem Papier deutlich überlegen, konnte sich jedoch auf dem Schlachtfeld noch nicht gegen ebenbürtige Gegner beweisen. Droht also eine fatale Fehleinschätzung?

Auch das Deutsche Panzermuseum hatte in der vergangenen Woche vor einer solchen Fehleinschätzung gewarnt. „Westpanzer sind keine Superpanzer“, hieß es in einem Beitrag auf Twitter. „Panzer waren in ihrer rund hundertjährigen Geschichte niemals unzerstörbar. Immer war den militärischen Planern klar, dass ein Panzereinsatz auch immer in vernichteten Fahrzeugen und getöteten Soldaten resultieren wird. Das wird bei den Leoparden und Mardern nicht anders sein“, hieß es in dem Beitrag weiter.

Leopard 2 im Einsatz noch nicht mit „intensiven Szenarien“ konfrontiert

Falscher Optimismus sollte auch wegen der geringen Kampferprobung des Leopard 2 vermieden werden. Der Leopard 2 wurde in der jüngeren Vergangenheit von den Nato-Staaten Dänemark und Kanada in Afghanistan und von der Türkei in Nordysrien eingesetzt. In Afghanistan seien die Panzer jedoch nicht mit den „intensiven Szenarien“ konfrontiert gewesen, die sie bei einem Einsatz im Ukraine-Krieg erwarten würde. In Nordsyrien zeigte sich sogar die Verwundbarkeit der Waffensysteme. Dort gelang es Kämpfern der Terrormiliz IS, mindestens drei Leopard 2A4 zu zerstören.

Weiter geben die Experten des Deutschen Panzermuseums zu bedenken, dass westliche Kampfpanzer in den vergangenen Jahrzehnten lediglich unterlegenen Gegnern gegenübergestanden hätten. In der Ukraine würden die Leopard 2 wiederum auf ein breites Arsenal an modernen Anti-Panzer-Waffen stoßen. Darunter auch Drohnen und Marschflugkörper.

Ukraine-Krieg wäre erster Härtetest für den Leopard 2

Ein Einsatz in der Ukraine wäre somit der erste richtige Härtetest für die deutschen Kampfpanzer. Möglich, dass auch dieser Aspekt für die Hinauszögerung einer Entscheidung durch Bundeskanzler Olaf Scholz sorgt. Im abschließenden Fazit weist das Deutsche Panzermuseum jedoch darauf hin, dass die genannten Punkte nicht automatisch gegen eine Lieferung durch Deutschland sprächen. Man müsse aber vorsichtig sein, diese nicht als unverwundbare „Gamechanger“ im Kriegsverlauf anzusehen.

Die Bundesregierung in Berlin wartet bei der Lieferung von Kampfpanzern weiterhin auf eine Beteiligung der USA. Polen hat wegen des deutschen Zögerns nun selbst die Initiative ergriffen und will Panzer an Kiew liefern. Da diese jedoch aus deutscher Produktion stammen, benötigt Warschau hierfür eine Erlaubnis der Ampel-Koalition. Ein offizieller Antrag ging am Dienstagvormittag ein. (fd)

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