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Alice Weidel nimmt beim AfD-Bundesparteitag Glückwünsche ihres Parteifreunds Georg Pazderski entgegen

Experte analysiert Wahl

Lesbische Spitzenkandidatin: Alice Weidel als „kluger Schachzug“ der AfD?

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Köln/Berlin - Alice Weidel ist homosexuell - und führt die stock-konservative AfD in den Wahlkampf. Ein „kluger Schachzug“ der Partei? Oder ein unverständlicher Schritt Weidels? Eine Analyse.

Eigentlich sollte die sexuelle Orientierung eines Politikers keine Rolle im Tagesgeschäft der Parlamente und Parteien spielen. Tut sie meist auch nicht: Berlins Ex-Regierungschef Klaus Wowereit (SPD) brachte einst homophobe Rufer mit einem offensiven „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ zum Schweigen. Der mittlerweile verstorbene Guido Westerwelle (FDP) wurde zwar bisweilen harsch kritisiert - aber das wegen „Spaßpartei“-Anwandlungen, nicht wegen seiner Lebenspartnerschaft mit Michael Mronz.

Ausgerechnet eine AfD-Politikerin bringt das sehr private Thema Sexualität nun aber doch noch einmal auf die Agenda. Nicht offensiv und absichtlich - sondern aufgrund der bemerkenswerten politischen Gesamtkonstellation.

Denn Alice Weidel lebt offen homosexuell. Seit dem Wochenende ist klar: Sie wird die AfD als Spitzenkandidatin in den Bundestagswahlkampf führen. Mit einem Wahlprogramm, das sich „am Bild der Familie aus Vater, Mutter und Kindern“ orientiert und der „Schrumpfung unserer angestammten Bevölkerung“ entgegenwirken will. Mit einem Gesellschaftsbild also, das Weidel selbst zu einer Außenseiterin stempeln würde.

„Pinkwashing“ oder wirklich weltoffen?

Wie passt das zusammen? Eine Frage, die ZDF-Talker Markus Lanz am Mittwoch auch dem Journalisten Hajo Schumacher stellte. Der sieht in der Wahl - zumindest aus Sicht der AfD - sogar einen „klugen Schachzug“: „Das zeigt, wie weltoffen die AfD scheinbar ist“, sagte Schumacher. Und betonte das „scheinbar“. Die Zeit-Autorin Tania Witte schreibt etwas drastischer von einem „Pinkwashing“ der Partei - einer Art Schein-Zugeständnis also, um die AfD für Homosexuelle und Gesellschaftsliberale attraktiver zu machen.

Fakt ist einerseits: Politiker der AfD äußern sich immer wieder mal schwer abschätzig über homosexuelle Lebensformen. Fakt ist aber auch, dass die Parteitagsdelegierten - und nicht etwa nur die Mitglieder des Parteivorstands - Weidel tatsächlich aus freien Stücken gewählt haben, zusammen mit dem nationalkonservativen Alexander Gauland. „Die Frau hat halt keinen Migrationshintergrund. Lesbisch ist okay, Migrationshintergrund ist nicht okay“, erklärte Schumacher flapsig.

Kein Einzelfall

Ein Einzelfall ist Weidel übrigens nicht. Auch der Berliner AfD-Abgeordnete Frank Hansel oder der Vorsitzende der AfD-Jugendorganisation, Sven Tritschler, stehen zu ihrer Homosexualität.

Allerdings: Alice Weidel will ihre sexuelle Orientierung nicht zum Thema machen. Lanz behauptete am Mittwoch, die Politikerin habe bei einem Besuch in seiner Show vor einiger Zeit das Thema ausklammern wollen. Politik und Privates müsse man trennen, sagte Weidel auch vergangenen Monat in der Talkrunde „Maischberger“.

„Bei dem muss ich am gesunden Menschenverstand zweifeln“

Ein legitimer Standpunkt. Der aber, glaubt man einigen Insidern und Kommentatoren, durchaus auch politische Hintergründe haben könnte - und damit auch ein Politikum wäre. Hajo Schumacher jedenfalls könnte sich vorstellen, dass Weidel noch in innerparteiliche Schwierigkeiten geraten könnte: „Es ist abzuwarten, was da dann wieder so an Messern fliegt. Die AfD hat ja eine große Erfahrung in ihrer kurzen Lebensspanne, Spitzenpersonal kalt zu machen.“

Ein anderer homosexueller Politiker hat bereits - wenn auch eher vage - negative Erfahrungen mit der AfD gemacht. Und die Partei verlassen. Der frühere Sprecher der Homosexuellen in der AfD, Mirko Welsch, erklärte dem Stern im März, die Partei sei ihm zu weit nach rechts gerückt: „Wer als Schwuler für Höcke ist und sich sich trotz solcher Aussagen zu ihm bekennt, bei dem muss ich am gesunden Menschenverstand zweifeln“, erklärte er. Gerade Björn Höcke habe sich mehrfach schwulenfeindlich geäußert und „dulde“ Homosexuelle allenfalls.

Petry tritt kürzer - ist die nächste Frontenbildung schon absehbar?

Durchaus denkbar scheint, dass tatsächlich Weidel und Höcke nochmal aneinander geraten werden. Nach Informationen der dpa gehörte Weidel im Februar zu jenen Parteivorstandsmitgliedern, die ein Parteiausschlussverfahren Höckes befürworteten. „Mal sehen, wie lange sie sich mit dem Höcke verträgt“, unkte nun im ZDF auch Schumacher.

Abzuwarten bleibt ebenso, wie lange sich die Parteibasis mit Weidel versteht. Gesamtgesellschaftlich ein konservatives Familienbild zu propagieren und eine „Sexualpädagogik der Vielfalt“ abzulehnen - so, wie die AfD in ihrem Wahlprogramm - und gleichzeitig eine homosexuelle Spitzenkandidatin zu unterstützen ... das sieht zumindest nach einer kleinen ideologischen Zerreißprobe für alle Beteiligten aus. Und ihre frisch verabschiedeten familienpolitischen Grundsätze wird die AfD wohl so bald nicht verändern.

fn

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